Wohin der Weg auch führt, man nimmt ihn besser mit dem Kopf auf den Schultern als im Sand.

Foto: Getty

Wer planlos ist, gilt als Idiot, wer kein Ziel hat, dem ermangelt es an Ehrgeiz, wer nicht weiß, was morgen zu tun ist, muss ein Tagedieb sein. In der getakteten Zivilisation gilt all das als verwerflich. Man hat zu wissen, was zu tun ist, muss das Ziel kennen und einen Plan haben, wie es zu erreichen ist. Stundenplan, Stadtplan, Lageplan – immer alles planmäßig abliefern! Der Zufall ist diesem System ein Grauen, das Ungewisse der Albtraum einer auf messbare Leistungen ausgerichteten Gesellschaft.

Es ist an der Kunst, da querzuschießen, das Unbekannte zu feiern, seine Reize zu loben, der Ungewissheit der Stirn zu bieten. Das ist schwierig, denn dem Unbekannten nähert sich der Mensch mit Skepsis. Das hat uns die Evolution eingeschrieben: Frisst mich das Ding dort auf der Wiese oder kann ich es melken? Derlei Bedenken haben dank Greißler und Supermarkt theoretisch ausgedient, Neophobie und Skepsis halten sich aber trotz abgepackter Milch und fremderlegten Fleischs.

Zudem prüfen Pandemie, Klimakrise und der Ukraine-Krieg den Optimismus vieler Menschen. Vor kurzer Zeit noch schien all das kaum vorstellbar, nun wütet alles auf einmal und erinnert an die 1980er-Jahre. Damals war der Krieg kalt, der Eiserne Vorhang intakt, der Regen sauer und der Reaktor in Tschernobyl geschmolzen. In den USA regierte mit Ronald Reagan ein ausgedienter B-Movie-Darsteller, der stets die Weltsicherheit gefährdete, wenn er in ein Mikrofon sprach, von dem er dachte, es sei ausgeschaltet.

Nicht verzweifeln

Das Schulkino zeigte Filme wie Der Tag danach – ein nicht ohne US-Propaganda auskommendes Stück Endzeitkino, das sich an der Ästhetik des Untergangs ergötzte. Viele Tote, das ja, aber gar beeindruckend, wie die Marschflugkörper durch das Blau des Himmels fliegen.

In dieser Zeit erschien ein Lied, das den Zustand menschlichen Daseins in bedrückenden Zeiten auf den Punkt brachte: Road to Nowhere von den Talking Heads. Es übertrug ins Popformat, was Milan Kundera damals Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins nannte. Road to Nowhere ist eine Eloge auf das Ungewisse. "We’re on the road to nowhere, come on inside" – wir fahren ins Ungewisse, steigt ein.

"But It's Alright!"

Ein Aufruf, dessen ängstliches Potenzial durch den vorwärtsdrängenden Rhythmus konterkariert wird. Man mag es dem Klischee des optimistischen Amerikaners zuschreiben, doch so plump waren die New Yorker Talking Heads nicht. Es verlängert die Idee ihrer Forderung von "Stop Making Sense". Es sagt: Das Leben wird trotz Planung und Vorbereitung anders verlaufen, und das ist okay: "But it’s alright!"

Das Lied weigert sich, zu verzweifeln, nur weil es Dinge gibt, die wir nicht ändern können. Mit dem Tod leben wir alle. Es sagt nicht, wir sollen uns ergeben und nichts tun. Es vermittelt die Botschaft, nicht wegen jeder Fährnis alles infrage zu stellen. Die Zukunft ist ungewiss, ja, aber vielleicht ist sie großartig. Den Weg müssen wir sowieso gehen, dann können wir ihn gleich aufrecht einschlagen, schauen, was kommt, hoffen, es wird gut, und alles dafür tun. Hoffnung ist nach der Nahrung der wichtigste Treibstoff des Daseins.

Nicht mit vollen Hosen

Popmusik stirbt einerseits die schönsten Tode, beschwört andererseits als Medium der grenzenlosen Fantasie das Unbekannte, das Neue, die Veränderung zum Guten, gibt Hoffnung. Die Reise geht "from the dark into the light". Die Bürgerrechtshymne A Change Is Gonna Come von Sam Cooke ist das diesbezüglich bedeutendste Lied, in dessen Sog viele entstanden sind, die zum Weiterkommen ermutigen (Freedom Train), von der Bewegung erzählen (Move on Up!), vom Durchhalten schwärmen (Keep on Keeping on). Aufgeben tut man nur einen Brief, lautet die Botschaft.

Der heute 95-jährige Sänger, Schauspieler und Aktivist Harry Belafonte hat auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gesagt: "Dass man die Welt besser hinterlässt, als man sie vorgefunden hat."

Das geht nicht mit vollen Hosen. Das geht nicht, wenn man wie das Karnickel vor der Schlange sitzt: Die britische Band Redskins forderte deshalb Go Get Organized, und um sich dafür in Stimmung zu bringen, kann man von Henry Rollins lernen. Der sagt, er mache immer das zuerst, vor dem er sich am meisten fürchte. So wie es ihm die Pink Fairies beigebracht haben: "Don’t think about it, do it!" (Karl Fluch, 25.9.2022)