Eine Aufnahme von Pharoah Sanders aus dem Jahr 2014.

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Wer sich John Coltranes epische Komposition "A Love Supreme" vergegenwärtigt und danach in Pharoah Sanders’ "The Creator Has a Master Plan" hineinlauscht, wird nicht nur tiefe Verwandtschaft erkennen. In ihrer schier endlosen musikalischen und vokalen Beschwörung höherer Mächte und deren mutmaßlich friedlicher Visionen produzierte Sanders 1969, zwei Jahre nach Coltranes Tod, regelrecht eine überzeugende Fortsetzung der spirituell angehauchten Fantasien des verstorbenen Tenorsaxofonisten.

Pharoah Sanders, 1940 in Little Rock (US-Staat Arkansas) geboren, wurde damit zum Bewahrer eines Stils, der modalen, rifforientierten Jazz und bis zur Selbstentäußerung ragende Free-Expressivität verband. Als Plagiator wirkte er dabei nie.

Gleichgesinnter "Sparringpartner"

Zu Lebzeiten Coltranes war Sanders bei Konzerten auf Augenhöhe dessen gleichgesinnter "Sparringpartner". Coltranes Ansatz wurde Sanders wohl nicht nur zur zweiten Natur. Coltranes Ausdruckskonzept entsprach auch seinem inneren Drang, was ihn bis zuletzt als authentischen Vertreter dieses hitzigen Stils wirken ließ.

Sanders, der in der New Yorker Free-Szene bekannt wurde, verbreitete als Tenorsaxofonist mit auratischem Ton eine humane Vision, die den gewählten Soundrahmen – oft eine Art brodelnder Garten Eden – mit Schmerz und Verzückung erfüllte.

Er tat dies zuletzt auch in einem jazzfernen Soundkosmos: Auf der Einspielung "Promise" hatte ihm Produzent Floating Points (also Sam Shepherd) 2020 ein 50-minütiges Easy-Listening-Ambiente gebaut, das der Nestor meditativ solierend würzte.

Pharoah Sanders ist am Samstag 81-jährig in Los Angeles gestorben. (Ljubisa Tosic, 25.9.2022)