In Krisenzeiten setzen Menschen aufs Betongold. Das hat die Preise in den letzten Jahren international in schwindelerregende Höhen getrieben.

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Der Ukraine-Krieg, steigende Zinsen, Baustoff- und Fachkräftemangel sowie explodierende Energiepreise: Die Immobilienbranche steht vor vielen Herausforderungen – und damit auch jene Menschen, die aktuell auf der Suche nach einer Wohnung oder einem Haus sind.

Während manche Bauträger mittlerweile mit Spatenstichen und Baustarts zuwarten, bis sich die Lage beruhigt hat, fragen sich Wohnungssuchende, ob nun die richtige Zeit für einen Immobilienkauf ist – oder die komplett falsche. Denn während die Preise im Wohnsegment in den meisten europäischen Ballungsräumen in den letzten Jahren in die Höhe schossen, gibt es nun erste Stimmen, die von einer Zeitenwende am Immobilienmarkt sprechen.

Das wird auch auf der Immobilienmesse Expo Real Thema sein. Karina Schunker, Wohnimmobilienexpertin beim Wiener Immobiliendienstleister EHL Immobilien, wird dort auf einem Podium zum Thema internationale Wohnimmobilienmärkte mitdiskutieren. "Wir stehen überall vor ähnlichen Herausforderungen", sagt sie mit Blick auf das europäische Ausland. Prognosen seien derzeit aber schwierig: "Wir befinden uns in multiplen Krisen", sagt Schunker.

Erste Veränderungen

Für die Entwicklung am Immobilienmarkt waren Krisen in der Vergangenheit paradoxerweise aber nicht unbedingt negativ: Denn wenn das Leben geprägt ist von Unsicherheit, wie das eben auch jetzt der Fall ist, dann investieren viele Menschen erst Recht ins Betongold. Bisher sind sie damit gut gefahren: An Häusern und Wohnungen perlten viele Krisen der letzten Jahre ab. Das hat sich nach der Finanzkrise gezeigt, aber auch während der Corona-Pandemie, in der es mit den Preisen in bisher unbekannte Höhen ging.

Nun machen sich dennoch erste Veränderungen bemerkbar: Während in den letzten zwei Jahren in Wien von institutionellen Investoren "aggressiv" und sehr schnell Liegenschaften gekauft wurden, habe sich das Tempo nun verlangsamt, sagt Schunker. In den letzten Jahren haben institutionelle Investoren oft ganze noch im Bau befindliche Wohngebäude aufgekauft und dann als Mietwohnungen auf den Markt gebracht. Nun geht es wieder mehr in Richtung Einzelverkäufe am Wohnungsmarkt.

Keine Finanzierung

Das heißt: Es gibt in bestimmten Segmenten wieder ein größeres Angebot. Dass die Preise nun aber sinken, glaubt Schunker trotzdem nicht unbedingt; nicht nur wegen der hohen Bau- und Grundstückskosten und der durch steigende Zinsen höheren Finanzierungskosten für Entwickler. Sondern auch, weil das Neubauangebot in Wien sich aufgrund von seit dem Vorjahr rückläufigen Baubewilligungen wieder verknappen werde.

Der Traum vom Eigenheim wird für viele also weiterhin ein Traum bleiben. Auch weil seit dem Sommer strengere Vergaberichtlinien für Immobilienkredite gelten: "Wir merken schon, dass manche Kunden Schwierigkeiten haben, eine Finanzierung aufzustellen", sagt Schunker. Die Nachfrage sei aber weiterhin gut.

Große Pläne

Hohe Immobilienpreise sind auch in vielen deutschen Städten ein großes Problem: Auf der Expo Real wird heuer auch Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) vorbeischauen. Sie ist gleich am ersten Messetag Gast bei einer Veranstaltung, in der es um die von der Bundesregierung avisierten 400.000 Neubauwohnungen – davon 100.000 Sozialwohnungen – geht, die in Deutschland pro Jahr entstehen sollen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte diese im Wahlkampf versprochen.

Mit einer Milliarde Euro will die deutsche Bundesregierung den sozialen Wohnbau pro Jahr in Form unterschiedlicher Fördertöpfe unterstützen, hieß es im heurigen Februar. Eine weitere Milliarde Euro soll in den klimagerechten sozialen Wohnbau fließen. Heuer werden trotzdem deutschlandweit keine 400.000 neuen Wohnungen fertig – nicht einmal annähernd.

Aus der Baubranche häufen sich skeptische Stimmen dazu, ob dieses Ziel überhaupt erreichbar ist. Klara Geywitz hat das Ziel von 400.000 Wohnungen nach der Bauministerkonferenz vor wenigen Tagen erneut bekräftigt. Die Anstrengungen müssten nun intensiviert werden, sagte sie laut Medienberichten. Immerhin gebe es bundesweit mehr als 800.000 genehmigte Wohnungen, die bloß noch gebaut werden müssen. (Franziska Zoidl, 4.10.2022)