Gertraud Klemm beklagt im STANDARD-Kommentar der anderen die demokratiepolitische Bedenklichkeit, die sich durch das Fehlen von Frauen im Bundespräsidentschaftswahlkampf ergibt. Das wirft in der Tat ein schlechtes Licht auf unser Land. Zwar können Österreichs Frauen gut verschmerzen, dass sich keine "Protest"-Kandidatin durch die mediale Öffentlichkeit lärmt. Nicht, dass Frauen das nicht könnten. Wie etwa Giorgia Meloni, die Siegerin der italienischen Wahlen, zeigt – aber auch andere Politikerinnen des rechten Spektrums –, spielen auch Frauen schrill auf der Rechtspopulismus-Orgel. Denkt man an die Impfgegnerdemos zurück, sieht man dasselbe Phänomen: Hier schwammen viele Frauen schreiend ganz oben auf der Empörungswelle.

Der Eingang zum Leopoldinischen Trakt der Hofburg mit der Präsidentschaftskanzlei.
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Allerdings tun sich Frauen deutlich schwerer als Männer, wenn es darum geht, als Ich-AG, nur mit einer Riesenportion Eitelkeit und Machtwillen ausgestattet, um öffentliche Unterstützung für sich selbst zu buhlen. Das hat mit Prägung und Erfahrung zu tun. Und dem Ausmaß öffentlicher Vernichtung in sozialen Medien. Zwar gehen Twitteria und Co auch mit den männlichen Hofburg-Kandidaten nicht pfleglich um. Bei Frauen kommt aber noch, stets verlässlich, der Sexismus-Faktor dazu – egal, wo sie im politischen Spektrum stehen.

Aussichtslos

Angesichts dessen ist es umso schändlicher, dass keine der im Nationalrat vertretenen Parteien eine Frau als Präsidentschaftskandidatin aufgestellt hat. Das Argument, ein Wahlkampf gegen ein amtierendes Staatsoberhaupt sei ohnehin aussichtslos und koste nur Geld, zählt nicht. Dass Wahlkampfkosten, anders als bei Nationalratswahlen, nicht ersetzt werden, ist auch kein gutes Argument, angesichts von 224 Millionen Parteienförderung im Jahr, einer der großzügigsten in der EU. Diese Unterstützung mit Steuergeld wird ausbezahlt, damit Parteien ihre Aufgaben im Rahmen der repräsentativen Demokratie ausüben. Antreten bei Wahlen gehört dazu.

Oft wird auch, scheinbar fürsorglich, ins Treffen geführt, bei einer "aussichtslosen" Kandidatur würden Frauen nur politisch verheizt. Das ist so scheinheilig wie falsch. Man denke unter anderem an Irmgard Griss oder Heide Schmidt. Beide sind bei Präsidentschaftswahlen unterlegen – beide sind als wichtige Stimmen in Politik und Gesellschaft nicht wegzudenken.

Da die Parteien die Zeichen nicht erkannt haben: Vielleicht finden sich ja in sechs Jahren Menschen in der Zivilgesellschaft, die eine Kandidatin für die Hofburg unterstützen. (Petra Stuiber, 2.10.2022)