Der Reformwille im ORF reicht offensichtlich nur bis zu den kleinsten Gliedern in der Senderkette, sagt Fred Schreiber, Radiomacher in Deutschland mit FM4-Vergangenheit und Autor der "Sendung ohne Namen", im Gastkommentar.

Wie erreicht man mehr Hörerinnen und Hörer? Die Überlegungen des ORF, etwa auf der Frequenz von FM4 ein "junges Ö3" zu senden – Radiodirektorin Ingrid Thurnher im STANDARD-Interview
–, haben eine Debatte entfacht.
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Die Kluft ist ordentlich tief zwischen dem, was vom ORF gesagt, und dem, was darunter von Kunst und Kultur verstanden worden ist. Ich erlaube mir als ehemaliger ORF-Mitarbeiter und ehemaliger Musiker einen subjektiven Blick von schräg oben auf die Radiolandschaft des ORF. Als aktueller Radiomacher ziehe ich auch nüchterne Zahlen heran, weil das in meinem Job nicht nur dazugehört, sondern Tagesgeschäft ist. Wer lieber auf die vom ORF angekündigte Audimapping-Studie warten will oder den österreichischen Radiotests der vergangenen Jahre keine Bedeutung beimisst, kann hier schon aufhören zu lesen.

Mir sagen die Zahlen nämlich einiges: zum einen, dass bei FM4 und Ö1 tatsächlich Reformbedarf besteht. Zum anderen, dass der weitaus größere bei den Regionalradios und bei Ö3 liegt. Denn die Probleme der ORF-Radioflotte lassen sich nicht allein durch Umrüsten der "flankierenden Beiboote" beheben. Im Moment will man sich aber anscheinend nur der kleineren, vermeintlich leichter lösbaren Aufgabe stellen und hofft, dass damit die gesamte Mission erfüllt wäre. Der Reformwille im ORF reicht im Moment offensichtlich nur bis zu den kleinsten Gliedern der ORF-Kette.

Nur Kannibalisierung

Die vielzitierten Flankensender sind jedoch in einem zu kleinen Segment (FM4) zu Hause oder in anderen Bildungsschichten (Ö1), als dass um sie herum noch großes Potenzial vorhanden wäre. Eine massentauglichere Umformatierung von FM4 hat im besten Fall nur die Kannibalisierung der ORF-Angebote Ö3 und FM4 zu Folge. Eine Stärkung des Informations- und Kulturangebotes bei Ö1 hat höchstens Potenzial bei Nicht- oder Nichtmehrhörerinnen und -hörern, nicht aber dort, wo etwas zu holen ist, nämlich bei der privaten Konkurrenz.

Das bedeutet nicht, dass nicht auch hier verbessert werden darf. Im Gegenteil: Die Assets, die beide Sender ausmachen, nämlich die Abbildung von Popkultur und zeitgeistigen Strömungen in Wort und Musik auf der einen Seite (FM4) und die Vermittlung von Information und Kultur auf der anderen (Ö1), müssen in Inhalt, Darreichungsform und Ausspielwegen nach Jahren des Stillstands auf den neuesten Stand gebracht werden. Das wird jedoch bei weitem nicht ausreichen: Denn um die Zukunftssicherheit des ORF im Audiobereich zu gewährleisten, müssen sich auch Ö3 und die Regionalradios bewegen.

Besseres Ö3

Der Konkurrenz von Ö3, die vor allem im Bereich der erfolgreichen privaten Sender liegt, kann man weder mit einem jüngeren oder älteren Ö3 begegnen, sondern nur mit einem besseren. (Die Zielgruppenbegriffe altes und junges Radio stammen übrigens aus den 90ern und spielen in der Audiolandschaft des Jahres 2022 keine Rolle mehr). Dem handwerklichen und marketingtechnischen Sprung nach vorne, den manche österreichische Privatsender in den letzten Jahren hingelegt haben, dem muss man sich auch hier stellen. Und zwar durch Qualität. Das ist machbar, denn die Ressourcen bei Ö3 sind im Vergleich zu den Privaten gigantisch.

Veritables Potenzial steckt auch in den Regionalsendern des ORF. Abgeschöpft werden kann dieses bei Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Grundauftrages (Musik, Unterhaltung, Service und Information) – angereichert mit ihrer jeweiligen regionalen Note. Jedoch erreicht im Moment kein einziges ORF-Regionalradio die Radiotestzahlen aus dem Vorjahr.

Rückläufige Zahlen

Aus der Beweisliste nur das Beispiel Wien: rückläufige Zahlen beim regionalen ORF-Radio Wien, steigende Zahlen beim landesweit ausgerichteten Kronehit.

Auch hier lautet die Aufgabe simpel: qualitativ gutes und regional erkennbares Radio zu machen, auch hier sind die Voraussetzungen um ein Vielfaches besser als bei der privaten Konkurrenz.

In Summe: Ö3 hat die Aufgabe, dem österreichweit erreichbaren Publikum einen größten gemeinsamen Nenner anzubieten. Die Regionalradios eben einen kleineren Nenner, aber erweitert um den Faktor der Bundesländer. Beides mit der besten Mischung aus Musik, Unterhaltung, Service und Information. Die ebenfalls notwendigen Reformen von FM4 und Ö1 sind erst dann als flankierende Maßnahmen erfolgreich, wenn auch die "Hauptfront" hält. Denn bekommt man Qualität und Quantität gleichzeitig, zahlt man als Endverbraucher gerne.

Zeit und Nerven sparen

Dieser Problematik muss man sich stellen beim ORF. Die eine Reform wird ohne die andere nicht nur nichts bringen, sondern nur Zeit, Geld, Nerven und Mitarbeitermotivation kosten, mit dem Ergebnis minimaler Verschiebungen von Hörerinnen und Hörern zwischen den ORF-Sendern. Gewonnen ist erst etwas, wenn man alles zusammen angeht. Das wird dauern, das wird anstrengend und nicht einfach, aber auch herausfordernd und spannend für diejenigen, die das als Mission verstehen wollen. Um keine der oben genannten Ressourcen zu verschwenden, braucht es dafür selbstverständlich Erfahrung, Weitblick, Willen und vor allem fähige Köpfe, die gleichzeitig mit der notwendigen Kompetenz ausgestattet werden. (Fred Schreiber, 5.10.2022)