Hannes Tschürtz, Gründer des Indie-Labels Ink Music und Kenner der österreichischen Musikszene.

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Wien – Das wichtigste Asset von FM4 ist die Narrenfreiheit, sagt Hannes Tschürtz, Gründer und Geschäftsführer des Musiklabels Ink Music. Und dieses Alleinstellungsmerkmal dürfe nicht aus den Augen verloren werden, wenn wieder einmal über die Zukunft des ORF-Radiosenders diskutiert wird. ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher hat kürzlich in einem Interview mit dem STANDARD auf die Frage, ob aus FM4 ein jüngeres Ö3 werden könnte, geantwortet: "Vielleicht wird es das." Hannes Tschürtz, der seit 20 Jahren sein Musiklabel betreibt, sieht das im Gespräch mit dem STANDARD fundamental anders: "Nicht FM4 muss das junge Ö3 werden, sondern Ö3 muss das ältere FM4 werden." Die Baustelle bei Ö3 sei größer als jene bei FM4.

Tschürtz begründet das unter anderen damit, dass Ö3 mit seinen Hörerinnen und Hörern gealtert sei. Sie würden dem Sender großteils treu bleiben, was einerseits für Ö3 spreche, andererseits aber Innovationen verhindere: "Sie gewinnen keine jungen Leute dazu, weil sie halt probieren, diese Breite so gut wie möglich abzudecken." Diese riesengroße Klammer, Leute zwischen 18 und 80 Jahren abzuholen, sei nicht mehr zu schaffen. "Immer weniger hören Radio, und die Konkurrenz wird größer." Spotify und Co lassen grüßen.

Hörerschaft rückt nach rechts

Eine Nebenerscheinung der immer älter werdenden Hörerschaft seien politische Verschiebungen, die sich in der inhaltlichen Ausrichtung von Ö3 widerspiegeln: "Bei den Älteren verschiebt sich das Spektrum ein bisschen mehr von links oder der Mitte in Richtung rechts", so Tschürtz. Auf der Strecke blieben die Jungen, die offen für Experimente seien.

Tschürtz kritisiert, dass Ö3 zu sehr auf die Meinungsumfragen schiele und danach das Programm ausrichte: "Das Publikum sagt ihnen, sie wollen die alten Sachen aus den Achtzigern und Neunzigern hören. Das Programm wird dann eine immer sichere Version vom Vorjahr und so weiter." Was zu einer Fadesse führe und ein großes Feld aufmache, in das FM4 hineinrücken solle, analysiert Tschürtz: "Es geht um die Jungen, die an Pop interessiert sind, aber neue, aufregendere Sachen haben wollen und die sie mit der Klammer bei Ö3 nicht mehr schaffen."

Wenn aber FM4 dieses Feld besetzen würde, ginge die "komplette Glaubwürdigkeit" verloren. "Was FM4 machen müsste, ist eigentlich, im Gegenteil weiter nach links zu rücken, um noch spitzer und noch avantgardistischer zu sein." Diese Narrenfreiheit mit gleichzeitigem Qualitätsstempel könnte das jüngere Publikum eher an den Sender binden.

Bedeutung von FM4 für die Musikwirtschaft

Was FM4 seit der Gründung des Senders im Jahr 1995 und vor allem seit der Implementierung des Vollprogramms im Jahr 2000 für die österreichische Musikwirtschaft geleistet habe, sei enorm, sagt Tschürtz. "Deutschland oder andere Länder schauen neidig auf Österreich, dass wir FM4 haben." FM4 habe mit einer "großen Selbstverständlichkeit österreichische Musik neben internationaler Musik platziert" und sei ein idealer Nährboden für die Musikwirtschaft gewesen. Der Sender habe den Bands die Freiheit gegeben, sich nicht auf Kommerz und Mainstream fokussieren zu müssen und trotzdem eine Spielfläche zu bekommen.

Tschürtz erwähnt Bands wie Ja, Panik, Soap & Skin, Bauchklang oder Garish, die vor vielen Jahren in der damaligen Indie-Musikwüste Österreich nicht nur, aber auch mithilfe von FM4 den Durchbruch geschafft haben, auch in Deutschland. Diese Entwicklung sei Hand in Hand mit den Indie-Labels gegangen, die in Österreich Anfang der 2000er-Jahre entstanden sind. Was heute lächerlich klinge, weil Bands wie Bilderbuch oder Wanda vor zehntausenden Fans spielen, sei damals eine Sensation gewesen. "2010 hat Clara Luzia als so ziemlich erste österreichische Künstlerin das WUK ausverkauft", erzählt Tschürtz. Das Wiener WUK hat ein Fassungsvermögen von rund 500 Besucherinnen und Besuchern. "Es war ungewöhnlich, dass es jemand schafft, die Bude dort voll zu bekommen."

Dialektwelle und ihre Epigonen

Mit Bilderbuch und "Maschin" ging das Ganze dann im Jahr 2013 durch die Decke, so Tschürtz. Heute sei es relativ normal, dass eine neue, gehypte österreichische Band das WUK oder sogar die Arena ausverkaufe und in Deutschland Erfolge feiere. "Durch das Wachsen dieses avantgardistischen Feldes ist das passiert, was in der Kultur immer passiert ist. Die Subkultur wird zur Kultur, und Bands wie Bilderbuch oder Wanda im Besonderen sind ja dann wirklich Mainstream geworden und haben in Deutschland Zehntausenderhallen gefüllt." Im Zuge der Dialektwelle seien Epigonen wie Seiler und Speer oder Pizzera und Jaus erfolgreich geworden. "Der Urmoment war die Narrenfreiheit, die FM4 den Musikern und Musikerinnen in dem Land ermöglicht hat", rekapituliert Tschürtz.

Parallelen zu Ö1

Würde jetzt FM4 zu Tode formatiert und umgepolt werden, würde ein "gigantischer Brocken an kultureller Vielfalt" verloren gehen, warnt Tschürtz, der mit Ink Music etwa Bands wie My Ugly Clementine beheimatet. Er zieht auch Parallelen zu Ö1, wo Sendungen aufgrund von Sparplänen zur Disposition stehen: "Verlieren würden genau die, die diese Narrenfreiheit brauchen. Also die Jazzer, die Avantgardisten, die sonst keinen Platz haben." Der ORF habe als öffentlich-rechtlicher Sender die Aufgabe und Pflicht, diese Strömungen abzubilden. "Er hat nicht den Auftrag, Gewinnmaximierung zu betreiben und möglichst viel Werbezeit zu verkaufen und die Zuschauer und Zuhörerströme so zu optimieren, dass es nur mehr Lala-Radio ist, dass ja niemand abdreht." Und das mache ohnehin schon Ö3: "Sie programmieren ihre Musik so, dass keiner umschaltet oder abschaltet."

Das sei nicht sein Verständnis von Musik. "FM4 ist tatsächlich ein Radio wie auch Ö1, das auf diese Zuhörerbindung setzt und das natürlich ein Publikum anspricht, das mehr von Musik will als jetzt nur nebenbei Beschallung im Radio." Eine Art von Gleichmacherei könne nur in die Hose gehen. "Wenn man jetzt Reputation, Soft Skills und den Kulturauftrag hernimmt, dann sind FM4 und Ö1 unfassbar starke Assets, die der ORF insgesamt hat. Es wäre idiotisch, wenn man sich da die Beine abhackt." Davon zeugt auch der Proteststurm, der nach dem Thurner-Interview und den Sparplänen für Ö1 aufgezogen ist. "So eine Identifikation kann man sich nur wünschen." Bei Reformplänen für Ö3 wäre es womöglich nur ein Lüfterl.

"Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht "

Ö3 sei "viel zu konservativ und viel zu vorsichtig" programmiert, sagt Tschürtz und nennt ein Beispiel. "Sigrid, eine große Popkünstlerin aus Norwegen, das findet auf Ö3 nicht statt. Das schieben sie, wenn überhaupt, auf FM4 rüber." Ein Beispiel aus Österreich sei Florence Arman. "Jeder Popsender müsste froh sein, so einen Act zu haben. Bei Ö3 heißt es dann, der testet schlecht, das machen wir nicht. Das ist ihre Übersetzung für: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. "

Anteil der Österreich-Musik

Die ORF-Radios haben sich mit der Musikcharta, einer freiwilligen Selbstverpflichtung, bereiterklärt, den Anteil österreichischer Musik konstant zu halten. In den letzten Jahren waren es bei Ö3 rund 18 Prozent, während FM4 im Schnitt rund 40 Prozent österreichische Musik im Programm hat. Bei Ö3 ortet Tschürtz die "subtile Einstellung, österreichische Musik ist nichts wert, sie schadet unserem Sender". Ohne zu hinterfragen, welche österreichische Musik sie einsetzen, kritisiert Tschürtz. "Dass man österreichische Musik als Musik auf Augenhöhe mit allen anderen betrachtet, das ist de facto bei Ö3 nicht so." Hier regiere der "klassische österreichischen Minderwertigkeitskomplex". Ö3 könnte aber davon profitieren: "Sie könnten helfen, ihre eigenen Helden zu produzieren."

Ö3 verlor beim letzten Radiotest

"Das Problem ist Ö3 und nicht FM4", resümiert Tschürtz. "Und jetzt versuchen sie, FM4 für diese Lücke büßen zu lassen, die Ö3 hinterlassen hat." Beim letzten Radiotest verlor Ö3 signifikant an Hörerinnen und Hörern, kommt aber beim Publikum ab zehn Jahren immer noch auf eine Tagesreichweite von 30,5 Prozent. FM4 liegt bei 3,5 Prozent. Die Reichweite von Ö3 ist für Tschürtz immer noch gigantisch, aber: "Nur, weil Ö3 verliert, deswegen FM4 abzudrehen, das kann ja nicht die Schlussfolgerung sein." FM4 gehöre vom "überdimensionierten Erfolg" von Ö3 entkoppelt.

Natürlich müsse auch FM4 an Schrauben drehen, die Nase im Wind haben, um noch interessanter für jüngeres Publikum zu werden. "Schräge, junge Sachen spielen und schauen, wie das Publikum damit umgehen kann", sagt Tschürtz.

Aus dem Kokon raus

Dass es letztendlich ums Geld gehe und darum, Ö3 mit seinen Werbeeinnahmen als Cahscow für den ORF zu erhalten, sei klar. Hier müsse man dem ORF beistehen und sagen: "Okay, Ö3 braucht auch ein bisserl Bewegungsfreiheit, sich mutig und fortschrittlich zeigen zu dürfen. Das meine ich mit dem älteren FM4. Ö3 muss aus diesem Kokon raus." Weg von den "obskuren Umfragen" und hin zu "redaktioneller Freiheit und Mut", fordert Tschürtz. "Auch auf die Gefahr hin, dass vielleicht ein oder zwei Prozent an Marktanteil verloren gehen."

"Ich finde, dass Ö3 für einen Popradiosender letztlich einen recht guten Job macht." Im Kontext mit der österreichischen Musikwirtschaft treffe das aber nicht zu. "Sie haben ja mit Sicherheit nicht die Verpflichtung, die österreichische Musikwirtschaft zu erhalten. Aber sie haben die Verpflichtung, der kulturellen Vielfalt ein Auge und Ohr zu leihen und das abzubilden. Das steht so im Gesetz." (Oliver Mark, 11.10.2022)