Der Tourismus in Linz soll unter der erstmaligen Führung einer Frau zu neuem Glanz erblühen.

APA/BARBARA GINDL

Die Zukunft des Tourismus in Linz ist weiblich. Marie-Louise Schnurpfeil wird mit Februar erste Chefin des Linz-Tourismus. Die Stadt begleitete die 38-Jährige schon während des Studiums. Ihre Diplomarbeit schrieb die gebürtige Steyrerin zur "Europäischen Kulturhauptstadt 2009 – Eine Industriestadt und ihr wandelndes Destinationsimage auf dem Weg zur Europäischen Kulturhauptstadt".

STANDARD: Wenn ich mit meinen Wiener Kollegen über Linz rede, steht nach wie vor eher das Stahlstadtimage im Vordergrund und nicht Linz als Kultur- und Tourismus-Hotspot. Stören Sie solche Vorurteile eigentlich?

Schnurpfeil: Nein, das stört mich überhaupt nicht. Es ist vielmehr ein Ansporn, künftig noch mehr zu überraschen. So etwas motiviert mich eher.

STANDARD: Aber warum wird man so ein Image als Stadt nur sehr schwer los? Oder ist es letztlich einfach nur die Arroganz der Bundeshauptstadt?

Schnurpfeil: Es ist eben ein Prozess, der länger dauert. Zuerst müssen einmal die Linzerinnen und Linzer diesen innerstädtischen Veränderungsprozess wahrnehmen und mitgestalten, um diesen in weiterer Folge auch positiv über die Landesgrenzen transportieren zu können. Aber ja, es braucht sicher künftig noch mehr Berührungspunkte mit Linz. Der Bezug der Wiener zu Linz ist tatsächlich am regelmäßigsten wohl noch der Umstand, dass man mit dem Zug oder Auto vorbeifährt. Aber echte "touchpoints" gibt es noch sehr wenige.

STANDARD: Das Musiktheater, den Posthof, das Ars Electronica Center ...

Schnurpfeil: Natürlich. Aber es ist eben doch auch das Faktum, dass Wien gerade aus kultureller Sicht sehr viel bietet. Da muss ich dann nicht mehr nach Linz schauen, wenn ich ohnehin alles vor der Haustüre habe.

STANDARD: Bislang haben sie den Tourismusverband Pyhrn-Priel geleitet. Wie schwierig wird der berufliche Umstieg vom Land in die Stadt?

Schnurpfeil: Natürlich ist die ganze Stakeholder-Landschaft, in der ich mich dann bewege und auf die ich zugehen muss, eine völlig neue. Aber die grundsätzliche Struktur ist ja gleich: Man hat ein Team, es gibt ein politisches Umfeld, wirtschaftliche Interessen. Und vor allem natürlich die Interessen der Bevölkerung. Diese Bereiche gilt es zu vernetzen, zu lenken und in Balance zu halten.

STANDARD: Wo hat Linz aus Tourismussicht noch deutlich Luft nach oben?

Schnurpfeil: Einen deutlichen Spielraum sehe ich zum Beispiel im Bereich Geschäftstourismus. Das Feld ist zwar aktuell schon sehr stark, aber es gibt da noch Potenzial in puncto Aufenthaltsdauer. Ich sehe diesen Bereich vor allem als Türöffner für Linz. Der Gast kommt aus beruflichen Gründen, und durch entsprechende Zusatzangebote kann man ihn motivieren, seinen Aufenthalt zu verlängern.

STANDARD: Trotzdem wird es künftig mehr brauchen als die Linzer Torte und "Zwergerl schnäuzen" am Pöstlingberg. Wie sieht für Sie konkret ein modernes Städtemarketing aus?

Schnurpfeil: Die Pandemie hat ganz generell unser Arbeiten nachhaltig verändert. Und das wirkt sich jetzt verstärkt auf die Marketingstrategien in den Städten aus. Wir werden sicher künftig einen spürbaren Zuwachs im Workation-Bereich haben. Menschen, die temporär ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlegen, wohin sie die Arbeit oder der nächste Auftrag ruft. Ich will aber meinen Fokus natürlich nicht ausschließlich auf den Geschäftstourismus legen. So darf man in Linz nicht vergessen, dass es die Donau gibt mit sehr attraktiven Angeboten auf dem und entlang des Wasserweges – Stichwort Radfahren. Diese Marke "Linz an der Donau" gilt es noch weiter zu attraktivieren. Die "Lebensader Donau" ist die Kraftquelle der Stadt.

STANDARD: Ihre Motivation in Ehren – aber bei dem Versuch, den Donauraum zu gestalten, haben sich in Linz schon viele Verantwortliche eine blutige Nase geholt. Warum soll Ihnen jetzt der Turnaround gelingen?

Schnurpfeil: Ich gehe einfach optimistisch an diese Aufgabe heran. Veränderungen werden nur gemeinsam funktionieren. Wir sitzen alle in einem Boot – und wir vom Tourismusverband steuern es gerne. Warum es mir leichter gelingen soll? Manchmal ist einfach das Momentum da. Und Linz hat ein touristisches Potenzial, das noch nicht gehoben ist.

STANDARD: Für viel Wirbel sorgte im vergangenen Sommer ein Werbevideo des Linz-Tourismus mit Botschaften wie "Linz ist grauslich" oder "Linz ist ein bisschen rassistisch". Hätte es dies auch unter Ihrer Führung gegeben?

Schnurpfeil: Mittlerweile gibt es ja auch ein zweites Linz-Video – und ich finde beide gelungen. Ich habe nichts gegen bewusst gesetzte Provokationen oder Satire. Problematisch war beim ersten Video aber sicher die Kommunikation mit der Stadtpolitik. Wenn man so ein provokantes Video veröffentlicht, dann müssen alle eingeweiht sein, man muss letztlich an einem Strang ziehen. Die Diskussion über Geschmäcker muss man gleich im Vorfeld einfangen. Inhaltlich finde ich also das Video durchaus gut, bei mir hätte es nur rund um die Veröffentlichung eine deutlich bessere Koordination gegeben.

STANDARD: Gibt es ein internationales Städtebeispiel, wo Sie sagen, "da soll Linz hin"?

Schnurpfeil: Spontan fallen mir da Oxford und Lausanne ein. Diese Städtebeispiele können Motivation sein, dass wir uns in Linz noch ein wenig nach oben schrauben.

STANDARD: Linz hat als einstige "Führerstadt" Adolf Hitlers auch ein sehr dunkles Kapitel in der Stadtgeschichte. Wie sollte man mit diesem Thema aus touristischer Sicht umgehen?

Schnurpfeil: Es ist ein Teil der städtischen Identität. Wir müssen zur Linz-DNA stehen. Mir ist es daher ein großes Anliegen, sich dem Thema Zeitgeschichte noch offensiver zu widmen. Aber die Stoßrichtung muss klar sein: Wir stellen uns als Stadt der Vergangenheit, zeigen aber gleichzeitig auf, was wir als Stadt daraus gelernt haben und wo wir uns hinentwickelt haben. Ich will da gemeinsam mit Historikern einen gangbaren Weg ausarbeiten.

STANDARD: Der wie aussehen könnte? Mit Hinweistafeln an belasteten Gebäuden?

Schnurpfeil: Ich halte nichts davon, künftig gewisse Gebäude öffentlich zu beschildern. Es braucht einfach zeitgemäße Angebote – Audioguides, wissenschaftliche Stadtführungen.

STANDARD: Warum hat es so lange gebraucht, bis eine Frau das Tourismusruder übernimmt?

Schnurpfeil: Gute Frage. Blickt man in die Betriebe oder die Büros der Tourismusverbände quer durch Österreich, erkennt man, dass der Tourismus ohnehin weiblich ist. Gewisse Türen öffnen sich, wenn die Zeit reif dafür ist. (Markus Rohrhofer, 11.10.2022)