Eine schwierige Entscheidung.
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Pro

von Karin Bauer

Spucken – das geht hierzulande gar nicht. Entweder wird einem gleich mit entsetztem Kopfschütteln mangelnde Kinderstube unterstellt. Oder gar untergejubelt, es handle sich um eine absichtlich despektierliche Geste. Ist schon alles möglich – nur beim Verkosten ist es sicher ganz anders. Da handelt es sich um einen Akt des Selbstschutzes, der noch dazu den Rest des Tages rettet.

Behauptung der Weinhauerstochter: Um einen Wein bewerten zu können, muss er nicht durch die Kehle in den Magen rinnen und im gesamten Körper seine alkoholische Kraft entfalten. Aufmerksame Blicke, eine ebensolche Nase und der Geschmackssinn reichen völlig. Es muss ja auch eher selten in einem Opus magnum, quasi einer Habilitation zur Verkostung, münden. Gute Vinifizierung nebst persönlichen Vorlieben festzustellen reicht doch. Apropos Spucken: Wer glaubt, es sei einfach, das eben nicht ein bisserl grausig aussehen zu lassen, und das müsse nicht geübt werden, irrt.

Kontra

von Sigi Lützow

Schon wahr, es gibt nicht wenige Kreszenz, die sich schon beim Nippen maximal als Fetzi- oder Hugo-Basis bloßstellen. Dennoch ist Runterschlucken immer noch besser als Ausspucken. Einerseits hat sich ja auch in diesen Fällen ein wackerer Winzer ein bisserl bemüht, andererseits ist die Schlatzerei einfach unappetitlich. Sie hat in Zeiten der Pandemie als notwendiges Übel auch nicht unbedingt an Attraktivität gewonnen.

Bei einer anständigen Verkostung ist davon auszugehen, dass mit Stolz die besten Kreationen präsentiert werden. Sie verdienen die bestmögliche Behandlung, also genussvolles Trinken. Weinkenner sind gewöhnlich hinreichend geeicht, um eine solche Verkostung auch durchzustehen, ohne unter den Tisch zu rutschen. Und man komme nicht mit dem Argument, dass wer trinkt, bald nicht mehr schmeckt. Manch blumige Weinbeschreibung legt den Verdacht nahe, dass davor heftig getrunken statt dezent gespuckt wurde.

(RONDO, 27.10.2022)