Mit drei Jahren stand Mikaela Shiffrin das erste Mal auf den Brettln. Seitdem hat sie so ziemlich alles gewonnen, was es im alpinen Skisport zu gewinnen gibt.

Foto: Atomic

Es soll öfter vorkommen, dass sich Promis Zeit lassen und es mit der vereinbarten Interview-Uhrzeit nicht so genau nehmen. Das Gute an der Wartezeit: Man kann sich noch einmal ins Gedächtnis rufen, mit wem man da gleich plaudern wird. Mikaela Shiffrin, ein Superstar auf der Skipiste und auch abseits dieser, ihres Arbeitsplatzes sozusagen, nicht unbekannt. Die Nachfrage ist momentan auch deswegen so groß, weil der ganze Skizirkus wieder von vorne losgeht.

Ihre sportliche Laufbahn ist tatsächlich beeindruckend: 74 Weltcupsiege, vier Weltcupgesamtsiege, zwei olympische Goldmedaillen (in Summe sind es sogar drei Olympiamedaillen) und sechs Weltmeistertitel hat sie auf der Habenseite. Zudem hält die US-Amerikanerin auch den Rekord für die meisten Slalomsiege und die meisten Weltcupsiege innerhalb einer Saison, nämlich 17.

Von Allüren keine Spur

Dafür hat die heute 27-Jährige auch schon früh angefangen. Mit drei Jahren stand sie das erste Mal auf den Brettln, die für sie und nicht zuletzt für die "Skination" Österreich die Welt bedeuten. Ihr Geburtsort, Vail in Colorado, ist dafür geradezu prädestiniert. Liegt er doch in einem der größten Skigebiete der Vereinigten Staaten, das für seine "Back-Bowls" (riesige Tiefschneekessel) bekannt ist. Mit 15 gewann sie bereits ihr erstes Weltcuprennen, mit 17 hatte sie ihren ersten Weltmeistertitel im Slalom in der Tasche, ein Jahr später wurde sie in dieser Disziplin auch Olympiasiegerin. Schon deshalb ist Shiffrin ein begehrtes Testimonial, etwa für den Uhrenhersteller Longines, den offiziellen Zeitnehmer aller Fis-Skirennen.

Mikaela Shiffrin und die Kristallkugel, die sie sich im vergangenen Skiweltcup holte.
Foto: APA/AFP/SEBASTIEN BOZON

Es tut sich was am Handyschirm, ein Sessel ist zu sehen, dahinter eine kahle Wand, an der ein Paar Atomic-Skier lehnen. Ein freundlicher junger Mann im T-Shirt kommt von der Seite ins Blickfeld: "Mikaela ist in zwei Minuten bei dir." – "Okay, danke, alles klar." Gemurmel und Stimmengewirr im Hintergrund, dann nimmt Mikaela Shiffrin Platz – perfekt frisiert, dezent geschminkt, makelloses Lächeln, keine Spur von Allüren. "Sorry für die Verspätung", sagt sie freundlich in die Kamera. "Legen wir los."

STANDARD: Was bedeutet Zeit für Sie?

Shiffrin: Für eine Athletin hat Zeit natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Nicht nur beim Rennen selbst, wo die schnellste Zeit den Sieg bringt, sondern auch wenn es darum geht, die Zeit beim Training bestmöglich zu nutzen. Es geht um Effizienz und Einteilung: Je mehr Trainingsabfahrten man schafft, desto besser. Nur so kann man sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen verschaffen.

STANDARD: Was machen Sie, wenn Sie einmal nicht auf der Jagd nach Zehntel- oder Hundertstelsekunden sind?

Shiffrin: Das ist für mich "Quality Time". Ich freue mich immer darauf, mit den Menschen zusammen zu sein, die ich am meisten liebe. Mein Bruder und seine Frau leben in Denver und ich in Edwards. Also ein paar Stunden entfernt. Im Sommer, wenn ich zu Hause bin, können wir uns ab und zu treffen. Und natürlich sehe ich meine Mutter ziemlich oft, sie reist auch die meiste Zeit mit mir. Wir verbringen also viel Zeit miteinander, auch wenn mein Sport, der ja mein Beruf ist, mich die meiste Zeit von den Menschen, die ich liebe, trennt.

Die US-Amerikanerin ist ein begehrtes Testimonial. Nicht nur für Skier und einen Nudelhersteller wirbt sie, sie leiht auch der Uhrenmarke Longines als "Botschafterin der Eleganz" ihr Gesicht.
Foto: Longines

STANDARD: Apropos "Quality Time": Im letzten Jahr tauchten Videos auf, die Sie beim Gitarrespielen und Singen zeigen.

Shiffrin: Ich liebe Musik. Ich kann ein bisschen Gitarre und ein bisschen Klavier spielen. Noten lesen habe ich aber nie gelernt. Ich spiele meistens eine Melodie oder einen Song nach, der mir gefällt, zum Beispiel etwas von Taylor Swift. Aber ich mag es auch, selbst Songs zu schreiben. Ich würde sagen, dass ich gut darin bin. Ich mag es einfach.

STANDARD: Ist es schwieriger zu musizieren, als ein Skirennen zu fahren?

Shiffrin: Es ist eine andere Art von Herausforderung. Gleichzeitig Klavier zu spielen und dabei zu singen ist echt schwierig. Rhythmus, Text und Melodie sollten ja zusammenpassen. Man muss sich also sehr konzentrieren, aber es ist eine andere Art von Energie, und das kann sehr schön sein. Für mich ist es sogar während der Saison, wenn ich reise, eine schöne Abwechslung. Ich reise mit einer alten Gitarre, die aber einen schönen Klang hat, und wenn ich Zeit habe, spiele ich ein paar Lieder. Das fühlt sich für mich in dieser Minute an wie eine Reise an einen anderen Ort. Es ist eine schöne Art, meine Energie zu kanalisieren.

STANDARD: Das klingt fast nach einem zweiten Standbein neben der Skikarriere. Gibt es bereits Angebote von Plattenfirmen?

Shiffrin: (lacht herzlich) Ich weiß nicht, ob ich das hier an die große Glocke hängen soll. Das wird die Gerüchteküche wohl weiter anheizen. Aber ich habe meine Fühler schon in diese Richtung ausgestreckt. Mal schauen, ob das klappt. Was ich jetzt schon sagen kann: Das Musikbusiness ist eine komplizierte Industrie.

STANDARD: Dann können wir uns vielleicht auf einen Après-Ski-Hit von Mikaela Shiffrin freuen?

Shiffrin: Après-Ski kenne ich nur vom Hörensagen. Klingt aber nach jeder Menge Spaß. Vielleicht schaffe ich es auch einmal auf so eine Party. Momentan bleibt dafür keine Zeit: Es gibt nur Training, Training und wieder Training.

Die US-Amerikanerin bei der Arbeit.
Foto: APA/AFP/SEBASTIEN BOZON

STANDARD: Sie haben in letzter Zeit immer wieder zu Umweltthemen Stellung genommen. Wann haben Sie Ihre "grüne" Seite entdeckt?

Shiffrin: Mein Bewusstsein dafür ist im Lauf der Jahre gewachsen. Ob es nun die Gletscher sind, die schmelzen, oder die riesigen Müllberge im Meer, oder ob man einen Dokumentarfilm sieht, der einem die Augen öffnet ... Das bringt einen zum Nachdenken. Die Wahrheit ist, ich bin keine Expertin, keine Wissenschafterin. Aber ich höre die Aussagen der Fachleute, und ich sehe die Wetterextreme, die Waldbrände. Was kann ich also tun? Ich kann mich dazu äußern und meinen Status ausnutzen, um auf Missstände hinzuweisen. Ich setze mich dafür ein, den Skisport und das ganze Drumherum möglichst nachhaltig zu gestalten. Als Skirennläuferin kann ich das Problem nicht lösen, aber ich kann eine Stimme sein, die hilft, die Dinge in andere Bahnen zu lenken.

STANDARD: Hat der Skisport in diesem Zusammenhang noch eine Zukunft?

Shiffrin: Eine beängstigende Vorstellung, nicht wahr? Auf der einen Seite möchte ich mehr Leute zum Sport bringen und vor allem Kinder inspirieren. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob man aufgrund der Umweltbelastungen, die der Skisport mit sich bringt, das noch guten Gewissens tun kann. Wird es überhaupt noch genügend Schnee geben? Ich habe den Eindruck, dass der Winter immer später kommt. In der letzten Saison war es schon ziemlich auffällig, dass es nicht so viel Schneefall gab wie früher. Es gab schon immer Schwankungen, aber die scheinen jetzt immer mehr zuzunehmen. Ich denke, es reicht nicht mehr, auf das Beste zu hoffen und so weiterzumachen wie bisher. (Markus Böhm, 21.10.2022)

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