Der Softwareriese SAP zieht sich nach Informationen von Insidern noch nicht wie geplant bis Ende des Jahres aus Russland zurück. SAP hat das Geschäft seit dem Frühjahr angesichts der westlichen Sanktionen gegen Russland wegen des Ukraine-Krieges schrittweise eingestellt. Im Juli hatte Finanzchef Luka Mucic angekündigt, bis Jahresende das Land komplett zu verlassen und 350 Mio. Euro auf das Russland-Geschäft abzuschreiben.

Das Geschäft mit Cloud-Software und die Datencenter sind inzwischen beendet. Doch SAP hat noch laufende Wartungsverträge mit Kunden, deren Abbruch mit rechtlichen Risiken verbunden wäre, erklärten mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Für alle Vertragsverstöße könnten nach russischem Recht die lokalen Angestellten von SAP in Haftung genommen werden, sagten vier Insider, die nicht namentlich genannt werden wollten. SAP wollte sich dazu nicht äußern.

Vertragsunklarheiten

Bei Vertragsbruch würde SAP verklagt, erklärte Rechtsexperte Anton Imennov von der Kanzlei Pen & Paper. Die Wartungsverträge werden jährlich erneuert, was zuletzt im September geschehen sei, sagten drei Insider. SAP habe die Verträge wegen rechtlicher Bedenken nicht mit drei Monaten Vorlauf gekündigt. Gespräche über den Verkauf des Geschäfts an das lokale Management liefen – aus Sicht von SAP sei das die beste Option. Für die Software-Wartung wird nur noch eine Rumpfbelegschaft gebraucht. Von ehemals 1.200 SAP-Beschäftigten sind noch 500 da. Mehr als 150 Mitarbeiter nutzten die Möglichkeit, in ein anderes Land umzuziehen. Bis Ende 2022 sollen nur noch rund 100 Menschen für SAP in Russland arbeiten, wie zwei Insider sagten.

Zu den Firmensoftware-Kunden von SAP in Russland zählen Schwergewichte wie Gazprom, Sberbank oder die Minengesellschaft Nornickel. Sie gehören nicht zu den russischen Unternehmen, die Sanktionen des Westens unterliegen. Für diese habe SAP den Support eingestellt. Der Abzug von SAP trifft nach Einschätzung von Analysten Industriebetriebe mit Milliardenumsätzen. Während des mehr als 30 Jahre langen geschäftlichen Engagements des Dax-Konzerns in Russland steckten viele Firmen viel Geld in die Softwareprodukte von SAP, die sie jetzt nicht schnell austauschen könnten, erklärte IT-Spezialist Leonid Konik.

Kein einfacher Rückzug

Westliche Unternehmen haben mit rechtlichen und praktischen Problemen zu kämpfen, wenn sie dem Land den Rücken kehren oder vermeiden wollen, für sanktionierte Personen oder Einrichtungen zu arbeiten. Nicht zuletzt die russische Regierung setzt sie unter Druck.

Der frühere Präsident Dmitri Medwedew nannte sie etwa "Feinde, die jetzt versuchen, unsere Entwicklung zu begrenzen und unser Leben zu ruinieren". Hunderte Firmen aus dem Westen haben ihre Aktivitäten in Russland bereits eingestellt oder wollen das tun. Manche verkauften ihr Geschäft an Investoren, denen Russland wohlgesonnen ist, oder an lokale Manager – oft mit Verlust. (APA, 24.10.22)