Seit Kriegsbeginn flüchten Menschen aus der Ukraine – auch nach Österreich. Um hierzulande mobil zu bleiben, könnte vielen aber bald das Geld fehlen.

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Der ukrainische Botschafter in Wien, Wassyl Chymynez, plädiert in der Debatte um leistbare Öffi-Tickets für Geflüchtete aus seinem Land für eine rasche Lösung. Für die Ukrainerinnen und Ukrainer, die vor dem russischen Angriffskrieg geflohen sind, sei es extrem wichtig, in Österreich weiter mobil bleiben zu können. "Ich bitte alle Verantwortlichen auf Bundes- und Landesebene sowie in den Verkehrsunternehmen: Nehmen Sie den Bedarf dieser Menschen ernst", sagte Chymynez am Dienstag im Gespräch mit dem STANDARD.

Eine nach Kriegsbeginn Ende Februar eingeführte Regelung, wonach Geflüchtete aus der Ukraine die öffentlichen Verkehrsmittel in Österreich kostenlos benutzen durften, war zunächst Ende September ausgelaufen und wurde danach noch einmal um einen weiteren Monat, also bis Ende Oktober, verlängert. Was dann geschieht, ist einstweilen noch offen.

Die Gratisbeförderung ersatzlos zu streichen hätte jedenfalls schwerwiegende Folgen für viele Menschen, warnt Chymynez: "Sie wollen sich engagieren, sie wollen an der Gesellschaft teilhaben, sie wollen auch arbeiten." Um leichter einen Job zu finden, würden viele von den angebotenen Deutschkursen Gebrauch machen, so Chymynez. Der Weg dorthin allerdings könnte für sie schon bald zum finanziellen Problem werden.

Eingeschränkte Mobilität

Die Einschränkung der Mobilität sei für die Geflüchteten auch in anderen Bereichen folgenschwer. Betroffen seien etwa Fahrten zum Sport oder zum Kunstunterricht für die Kinder, der Austausch untereinander, der Weg zu den österreichischen Sozialbehörden im Zusammenhang mit dem Bezug der Grundversorgung oder Wege zur Erledigung konsularischer Angelegenheiten. Wenn Menschen sich diese nicht mehr leisten könnten, dann sei das für sie ein "schwerer Schlag", so Chymynez.

Das gelte insbesondere "angesichts der schrecklichen terroristischen Attacken in der Ukraine". Seit den jüngsten Raketen- und Drohnenangriffen Russlands auf Städte und Gemeinden fernab der Front sowie auf die ukrainische Energieinfrastruktur kehren nur noch wenige Ukrainerinnen und Ukrainer in ihre Heimat zurück, andere ergreifen überhaupt jetzt erst die Flucht.

Erschwerend kommt für Chymynez hinzu, dass auch in Österreich der Winter vor der Tür steht. Vor allem für Geflüchtete, die auf dem Land eine Bleibe gefunden haben, könne auch der Weg zu medizinischen Einrichtungen oder zur Apotheke zum ernsthaften Problem werden, wenn Bus oder Bahn nicht mehr leistbar sind. Eine solche Entscheidung sei "nicht menschlich, nicht solidarisch", sagte der Botschafter.

Welche Lösung konkret gefunden werden kann, dem möchte Chymynez nicht vorgreifen. Die alte Regelung ersatzlos auslaufen zu lassen wäre für ihn jedoch eine "nicht menschliche, nicht solidarische Entscheidung". (Gerald Schubert, 25.10.2022)