Auf den Tischen des Nachbarschaftslokals "Chauncey Social" stehen Burger, Bier und Cola. An den Wänden hängt Halloween-Dekoration. Hinten im Raum lauert ein Dutzend Fernsehkameras.

"Wir haben uns getroffen, weil wir wollen, dass wieder Wahrheit und Wissenschaft gelten", ergreift ein schmächtiger Mann mit kurzen Haaren das Wort. Er arbeitet im normalen Leben hier in Scottsdale, ein paar Meilen östlich der Megametropole Phoenix, als Zahnarzt. Er hat die Veranstaltung organisiert. Rund 150 Bürger sind zur Mittagsstunde gekommen. "Lasst uns für die Integrität der Wahlen beten", fordert der Redner auf. "Damit jede Stimme zählt. Und dafür, dass Gott die Pläne unserer Feinde durchkreuzt."

Kari Lake, das Gesicht der Republikaner in Arizona.
Foto: Mario Tama/Getty Images/AFP

Die Menge jubelt. Die Rettung naht. "Kari, Kari, Kari!", skandieren die Zuhörer, als eine zierliche Frau mit Schleifenbluse die kleine Bühne besteigt. Wie immer ist Kari Lake perfekt gestylt. Ihr Lächeln scheint wie gemacht fürs Fernsehen. Kein Wunder: Die Frau hat 22 Jahre lang bei der lokalen TV-Station die Abendnachrichten präsentiert. Jetzt will sie Gouverneurin von Arizona werden. Überall auf den Straßen stehen ihre Plakate. "Von Trump unterstützt" werben sie wie mit einem Qualitätssiegel über ihrem Namen.

Alle Augen auf Arizona

Wenn am Dienstag in den USA gewählt wird, dann wird der Wüsten- und Canyon-Staat Arizona im Zentrum der landesweiten Aufmerksamkeit stehen. Mit gerade einmal 11.000 Stimmen Vorsprung hat hier vor zwei Jahren Joe Biden über Donald Trump gesiegt. Nun bewerben sich für die Republikanische Partei Kari Lake und drei weitere extreme Politiker, die das Ergebnis der Präsidentschaftswahl abstreiten, für die zentralen Posten der Gouverneurin, des Innenministers, des Generalstaatsanwalts und des Senators.

Ein Erfolg des Quartetts würde nicht nur Biden die Senatsmehrheit kosten und den Trumpismus als dominierende Kraft der US-amerikanischen Rechten zementieren: Er würde auch den Weg bereiten für eine mögliche Manipulation des Wahlergebnisses zugunsten von Donald Trump im Jahr 2024.

Für Kari Lake, die Gouverneurskandidatin, stehen die Chancen gut. In den Umfragen führt sie mit drei Punkten Vorsprung. In rechten Medien wird sie schon als neuer republikanischer Star und mögliche Vizepräsidentschaftskandidatin unter Trump gehandelt. Bei dessen TV-Haussender Fox News ist sie Dauergast. "Sie hat die Konventionen der Vergangenheit hinter sich gelassen", schwärmte kürzlich Kenneth Khachigian, der einstige Chef-Redenschreiber von Ronald Reagan, von der 53-Jährigen. "Sie hisst ein Banner aus kräftigen Farben, keine Pastelltöne."

Fragwürdige Deutungen und Umdeutungen

Das kann man wohl sagen. An diesem Morgen hat sich Kari Lake mal wieder über die "Arizona Republic" geärgert. Bei Twitter ruft sie dazu auf, die kritische Regionalzeitung, die sie als "Arizona Repugnant" (Widerliches Arizona) verspottet, zum Säubern des Hundezwingers zu benutzen. In den Tagen zuvor hat Lake schon die Verhaftung ihrer Gegenkandidatin gefordert, den Bürgerrechtler Martin Luther King zum angeblichen Trumpianer umgebogen und angedeutet, dass sie eine Wahlniederlage nicht anerkennen wird.

"Ask me anything!" (Frag mich alles) lautet nun das Motto der Veranstaltung in Scottsdale, und schon bald ahnt man, weshalb die Frau so erfolgreich ist. "Jede Kandidatin, die von den Medien angegriffen wird, solltet ihr wählen", wirbt sie für eine Parteifreundin. Ihre eigene Herkunft aus der Branche verkauft sie als Glaubwürdigkeitsbeweis: "Die Leute kamen und sagten: Vielen Dank für Ihre ehrliche Berichterstattung." Auf deren Drängen sei sie im vorigen Jahr "von den korrupten Medien" in die "noch korruptere Politik" gewechselt. Dort will sie nun als "Bürgerpolitikerin" für Ordnung sorgen.

"Die Maßstäbe haben sich verschoben." Politikberater Doug Cole arbeitete in den 1980er-Jahren für den legendären Senator John McCain.
Foto: Karl Doemens

Die ritualisierten Attacken gegen die Pressevertreter hinten im Saal zur Stimulierung des Publikums hat sich Lake von Donald Trump abgeschaut. Doch anders als der Ex-Präsident bleibt die Fernsehfrau stets kontrolliert. Sie schweift nicht ab. Ihr Vortrag ist geschliffen, ihre Gestik präzise. Die Fragen zur Gesundheitspolitik, zur Obdachlosigkeit oder zur Wirtschaft beantwortet sie kaum. Doch gezielt bringt sie immer wieder rechte Trigger unter – mal gegen angeblich drogenschmuggelnde Einwanderer, mal gegen freiheitsberaubende Corona-Politiker, mal gegen den vermeintlichen Geldentwerter Biden: "Wir müssen 2024 jemand Neues ins Amt bringen. Ich hoffe, es wird Präsident Trump sein!" Der Saal applaudiert heftig.

Johlendes Publikum

Lake weiß genau, was ihr Publikum hören will. Sie schürt das Feuer, ohne sich mit dem Streichholz erwischen zu lassen. Irgendwann redet sie über Politiker wie Demokraten-Chefin Nancy Pelosi, die besser geschützt seien als Kinder in der Schule. Obwohl, setzt sie boshaft hinzu: "Ihr Haus ist offenbar nicht gut gesichert." Das Publikum bricht in johlendes, derbes Gelächter aus. Vor einer Woche wurde Pelosis Mann Paul von einem Eindringling, der offenbar auch Nancy Pelosi verletzen wollte, lebensgefährlich verletzt.

Höhnische Witze über einen Mordversuch? Wie konnte es so weit kommen in dem Bundesstaat, der einst vom konservativen, aber integren Republikaner John McCain vertreten wurde? "Die Maßstäbe haben sich verschoben", konstatiert Doug Cole. Der Veteran der hiesigen Politikberatung sitzt in seinem Büro voller Fotos, Bücher und Papiere in einem stattlichen Bürgerhaus im Zentrum von Phoenix. Auf dem Besprechungstisch steht ein schwerer silberner Aschenbecher des Repräsentantenhauses, wo er in den 1980er-Jahren für den damaligen Abgeordneten John McCain arbeitete. "Was einmal konservativ war, gilt nun als moderat", sagt Cole.

Es geht nicht um Fakten

Als eine Ursache der Radikalisierung der Republikaner macht der 60-Jährige das System der Vorwahlen aus. Die unabhängigen Wähler, die rund ein Drittel der Stimmberechtigten in Arizona ausmachen, würden sich daran nicht beteiligen. Bei den Republikanern aber bewerben sich extreme Kandidaten. Sie nutzten die Lüge von der gestohlenen Präsidentschaftswahl. "Das ist verrückt", erregt sich Cole. "Hier gab es eine große Untersuchung. Und wissen Sie, was da herauskam? Zwölf Stimmen waren fehlerhaft. Zwölf von 3,4 Millionen!"

Doch um Fakten geht es nicht: "Sobald Trump die Kandidaten unterstützt hat, war das Rennen gelaufen." So treten neben Lake in Arizona an: ein Innenminister-Kandidat, der Mitglied der rechtsextremen Miliz Oath Keepers ist und erklärt hat, dass er Bidens Sieg nicht zertifiziert hätte; ein Generalstaatsanwaltskandidat, der sich antisemitisch äußerte; und ein ultrarechter Senatskandidat, der raunt, die Bundespolizei FBI könne hinter dem Putschversuch vom 6. Jänner 2021 stecken.

Lakes Gegenkandidatin Katie Hobbs (Bild) kommt in Umfragen nicht an ihre republikanische Rivalin heran.
Foto: Patrick T. FALLON / AFP

Derweil postieren sich an einigen Wahlboxen, wo man schon vorab seine Stimme abgeben kann, selbsternannte "Wahlbeobachter" in Kampfanzügen mit Waffen. Für manchen McCain-Wähler sei das alles zu viel, glaubt Cole: "Ich kenne eine Menge sehr konservative Republikaner, die dieses Mal gegen die Republikaner stimmen wollen."

Eigentlich müsste das Katie Hobbs helfen, der demokratischen Gegenkandidatin von Lake. Doch bei den Umfragen verharrt die derzeitige Landesinnenministerin auf dem zweiten Platz. Die 52-Jährige zu treffen ist gar nicht so einfach. Erst nach schriftlicher Anmeldung und mehrfacher Nachfrage wird einem der Veranstaltungsort mitgeteilt – ein Parkplatz im südlich von Phoenix gelegenen Nachbarort Chandler, wo der Halbleiterriese Intel gerade ein neues Werk baut. Gerade mal 40 Unterstützer sind am frühen Sonntagmorgen gekommen, um in der Nachbarschaft an Türen zu klopfen und Wahlwerbung zu verteilen.

Abgang nach nur zwei Minuten

Hobbs spricht für exakt zwei Minuten, posiert für ein paar Fotos – und verschwindet wieder wortlos. Die Zurückhaltung mag auch mit Sicherheitsbedenken zu tun haben: In Hobbs' Wahlkampfbüro wurde eingebrochen. Die Politikerin erhält Todesdrohungen. Doch insgesamt gibt Hobbs, die eine Fernsehdebatte mit Lake verweigerte, ein eher schwaches Bild ab.

Da ist Mark Kelly von anderem Kaliber. Der demokratische Senator von Arizona muss bei den Midterms seinen Sitz verteidigen, damit Bidens Partei die Mehrheit in der zweiten Parlamentskammer nicht verliert. Zum Wahlkampftermin im Kakteengarten einer Unterstützerin im Norden von Phoenix zieht Kelly trotz warmer 27 Grad schnell die Fliegerjacke an. Der 58-Jährige war Pilot bei der US Navy und ist bis 2011 als Astronaut ins All geflogen.

Hofft auf ein Ende der Radikalisierung nach den Zwischenwahlen: Arizonas demokratischer Senator Mark Kelly im Gespräch mit STANDARD-Korrespondent Karl Doemens.
Foto: Karl Doemens

"Im Spaceshuttle war es egal, welche Partei man unterstützt", erzählt Kelly. Demonstrativ präsentiert er sich als Pragmatiker: "Ihr habt mich vor zwei Jahren nach Washington geschickt, damit wir etwas hinkriegen." Und tatsächlich, argumentiert er, sei vom Infrastrukturgesetz über die Förderung der heimischen Chip-Fertigung bis zum Ausbau der Gesundheitsversorgung für Veteranen einiges erreicht worden: "Aber es ist noch viel zu tun." Ohne Umschweife spricht er die Inflation und die steigenden Benzinpreise an und brüstet sich dann ein bisschen selbst: "Ich habe dem Weißen Haus gesagt, dass sie die Ölreserven lockermachen müssen. Und das haben sie getan!"

Zupackend, umgänglich, unideologisch – und doch ...

Ein Mann wie Kelly – zupackend, umgänglich, unideologisch – müsste eigentlich ankommen in Arizona. Trotzdem kämpft er ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Sein vom ultrarechten Milliardär und Sebastian-Kurz-Boss Peter Thiel finanzierter Gegenkandidat Blake Masters verhetzt ihn als Freund der Drogenkartelle. "Traditionell sind die Republikaner geprägt von Politikern, die über Parteigrenzen zusammenarbeiten wollen", hält Kelly dagegen. "Ich hoffe, dass das, was wir hier bei dieser Wahl erleben, ein Ausreißer ist."

Doch bislang spricht wenig dafür, dass die hemmungslose Radikalisierung der Republikaner am 8. November endet. An einer Ausfallstraße im Norden von Scottsdale steht ein Dutzend Parteianhänger, schwenkt US-Fahnen und hält Plakate hoch. "Wir wollen zeigen, dass man patriotisch sein darf", sagt Windy Crow. "Das wurde lange unterdrückt."

Patriotisch – das heißt für die Physiotherapeutin: Stopp der Einwanderung, Verbot von Abtreibung und eine Abschaffung der Möglichkeit zur Früh- und Briefwahl: "Da gibt es den ganzen Betrug." Seit Mitte September kommt die 62-Jährige zweimal in der Woche zum Demonstrieren. Sie will ein Zeichen setzen, auch für die eigene Partei: "Wir müssen die McCain-Leute loswerden, die gemeinsame Sache mit den Demokraten machen."

"Wir wollen zeigen, dass man patriotisch sein darf." Physiotherapeutin Windy Crow demonstriert seit sieben Wochen regelmäßig für die Republikaner.
Foto: Karl Doemens

Die Demokraten als Erzfeinde, Verschwörungsmythen als Realität, Kompromisse als Zeichen von Schwäche. Das ist die Philosophie der Trump-Gemeinde. Und jede Kritik wird von ihren Anführern mit einem noch gröberen Klotz gekontert. Hauptsache, die Volksseele kocht.

Am Abend nach ihrer Fragerunde in Scottsdale sitzt Kari Lake beim rechten Sender Fox News in der Talkshow von Tucker Carlson. Ihre zynische Bemerkung über den schwerverletzten Paul Pelosi ist bei den Demokraten auf Empörung gestoßen. Doch die Kandidatin gibt die von linker Cancel-Culture verfolgte Unschuld. "Man darf nicht mehr über die Wahlen sprechen", empört sie sich scheinheilig. "Man darf nicht mehr über Paul Pelosi reden." Sie aber werde das weiter tun: "Ich glaube, es gibt noch einen Rest von unserer verfassungsmäßig garantierten Meinungsfreiheit." (Karl Doemens, 6.11.2022)