19.000 sogenannte Bälge gehören bald dem Wiener Naturhistorischen Museum.
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Eine bedeutsame Schenkung erhält das Naturhistorische Museum (NHM) Wien – in Form einer umfangreichen Vogelsammlung. Die britische "Harrison Institute Bird Collection" umfasst insgesamt 19.000 Bälge von 889 Vogelarten aus aller Welt. Die Kollektion soll nun am NHM digitalisiert und beforscht werden. Für NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland ist die "Harrison-Collection" eine "wunderbare Ergänzung, die unsere bedeutende Sammlung bereichert – wir werden damit noch relevanter für die Forschung".

Geht es in der Ornithologie um ein Balg, so ist die Rede von einem Präparat, das nur aus der Vogelhaut und dem anhängenden Gefieder, Schnabel, Beinen und Füßen besteht. Sie sind eher für Forschende interessant – in Museen werden hauptsächlich sogenannte Dermoplastiken ausgestellt und so montiert, dass die Tiere möglichst so aussehen wie auch in der freien Wildbahn.

Die wissenschaftliche Erschließung dieser Vogelbalgsammlung sei dem relativ kleinen Harrison Institute nicht möglich, sagte Vohland am Freitag gegenüber Journalistinnen und Journalisten. Dass die Vögel gerade nach Wien kommen, liege an der bedeutenden Sammlung des NHM und der schon lange bestehenden wissenschaftlichen Kooperation zwischen den beiden Institutionen. "Sie wissen: Die Vögel sind bei uns sehr gut aufgehoben", sagte die Generaldirektorin.

Etliche Herkunftsländer

Die "Harrison Institute Bird Collection" wurde vom Arzt und Ornithologen James Harrison (1892–1971) und seinem Sohn Jeffrey (1922–1978) angelegt. Das von James Harrison 1930 gegründete Institut in Sevenoaks (Kent) widmet sich heute der Erhaltung der biologischen Vielfalt und dem Umweltschutz, unter anderem durch Forschung, Bildung und Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften.

Gerade unter den weniger bunten Exemplaren hoffen Forschende auf die Entdeckung neuer Arten.
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Für den Direktor des Instituts, Paul Bates, war die Schenkung eine "einfache Entscheidung". Neben der historischen Verbindung und aktuellen Kooperationen nannte er auch das "Commitment des Museums zur Forschung" als Grund. Der Großteil der Harrison-Sammlung kommt aus Großbritannien. Weitere wichtige Herkunftsländer sind Österreich, Schweiz, Frankreich und Deutschland, ein Schwerpunkt liegt auch auf der saudi-arabischen Halbinsel.

Die Kollektion umfasst zwölf sogenannte Typusexemplare, die in den Typenkatalog des Naturhistorischen Museums aufgenommen werden. Solche Erstbeschreibungen einer Art ("Typen") sind für die systematische Einordnung der Lebewesen in Kategorien wichtig. Mit dieser Ordnung beschäftigt sich die Disziplin der Taxonomie.

Klimawandel verkürzt Flügellängen

Für den Kurator der NHM-Vogelsammlung Swen Renner enthält die Schenkung viele "kleine und größere Schätze". Ein Beispiel sei der Neotypus des Buchfinken. Die Art sei ursprünglich vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné beschrieben worden. Dieser Typus sei aber verloren gegangen und die Neubeschreibung befinde sich in der Harrison-Sammlung.

Durch die individuelle Etikettierung ist die Sammlung besonders für die Forschung bedeutsam.
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Die Vogelbälge sind so präpariert, dass sie wissenschaftlich nutzbar sind, sagte Vohland. Jeder Vogel ist mit einem Etikett versehen, auf dem vermerkt ist, wann, wo und von wem der Vogel gesammelt wurde. Die vielen Bälge von einzelnen Arten seien "die Datengrundlage für die Forschung", sagte Renner. Wenn man viele Bälge und damit Daten hat, könne man etwa zum Klimawandel viel bessere Aussagen machen. So habe man etwa feststellen können, dass bei Arten Flügellängen über Jahrzehnte kürzer wurden, weil der Klimawandel die Migrationsrouten verkürze.

"Viel Information in toten Vögeln"

"Es klingt seltsam, dass man mit Vogelbälgen zum Naturschutz beitragen kann, aber es steckt viel Information in den toten Vögeln", sagte Bates. "Alle lieben die großen bunten Vögel. Wir Wissenschafter lieben aber die kleinen, unscheinbaren, braunen – denn da findet man neue Arten." Zudem habe jeder Vogel eine Nische und eine Funktion im Ökosystem – egal, wie auffällig oder unscheinbar sein Federkleid ist.

Die Bälge werden nun inventarisiert, digitalisiert und in die NHM-Sammlung systematisch einsortiert. Auch online sollen die Daten zugänglich gemacht werden. Für das breite Publikum seien die Bälge "nicht ganz so attraktiv" wie etwa die montierten Vögel, die in der Schausammlung gezeigt werden, sagt Vohland. Einzelne Vögel aus der Sammlung könnten später aber möglicherweise doch zu sehen sein.

Österreichische Vögel

Renner hofft, bei der Aufarbeitung der Sammlung vielleicht aufgrund kleinster Unterschiede in der Morphologie die eine oder andere neue Art oder Unterart in der Harrison-Sammlung zu entdecken. Weil sehr viele Vögel aus Österreich in der Kollektion sind, kann er sich auch vorstellen, Studien etwa zum Wandel der Landnutzung in Österreich durchzuführen – und beispielsweise der Frage nachgehen, ob sich dadurch die Größe von Vögel über die Jahrzehnte verändert hat.

Auch "Rupfungsblätter" sind für die ornithologische Analyse wertvoll.
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Bereits jetzt zählt die Vogelsammlung des Naturhistorischen Museums nach eigenen Angaben zu den bedeutendsten der Welt. Sie umfasst rund 130.000 Objekte und besteht aus einer Balgsammlung mit 95.000 Objekten, aus rund 10.000 Stopfpräparaten, aus einer 11.000 Stück umfassenden Skelettsammlung und einer Eiersammlung mit etwa 10.000 Gelegen. Dazu kommen noch rund 2.500 Gewebeproben, 1.000 Nester und 4.500 sogenannte "Rupfungsblätter" (Papierbögen mit aufgeklebten Einzelfedern).

Der besondere Wert der NHM-Sammlung liegt in der hohen Anzahl an "Typen": Sie umfasst rund 1.000 solcher Referenzexemplare. "Wir schätzen, dass wir rund 8.000 von den insgesamt rund 12.000 Vogelarten, die es weltweit gibt, hier am NHM haben, darunter auch viele Arten, die in freier Wildbahn schon ausgestorben sind", sagte Renner. Die neue Erweiterung der Sammlung lässt die Vogelstatistik des Museums markant wachsen. (APA, red, 4.11.2022)