Mit den Kinder sollte besprochen werden, was und wie viel sie sich im Internet anschauen dürfen. So ist ein verantwortungsvoller Umgang mit der digitalen Welt möglich.

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Die coolsten Games zocken, auf Tiktok die neuesten Trends checken oder auch Abenteuer mit Peppa Wutz erleben – die Frage, wie viel Medienzeit erlaubt ist, sorgt in vielen Familien häufig für Diskussionen und Streit. Denn: Der Nachwuchs, egal im welchem Alter, will meistens länger schauen oder zocken, als es den Eltern lieb ist. Bei den Erwachsenen ist die Sorge groß, dass sich Handy, Tablet oder auch Fernseher schlecht auf die Entwicklung der Kinder auswirken könnten.

Klar ist: Die Bildschirmzeit von Kindern und Jugendlichen ist seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Einer Studie aus Kanada zufolge hat es sogar einen Anstieg von bis zu 52 Prozent gegeben, wie jetzt im Fachmagazin "Jama" veröffentlicht wurde. Vor der Pandemie haben Kinder und Jugendliche im Durchschnitt 2,7 Stunden pro Tag Medien konsumiert, seit der Pandemie sind laut Studienergebnissen nochmal 84 Minuten täglich dazugekommen.

Setting wichtiger als Zeitvorgaben

Wenn man sich bei Eltern umhört, bemerkt man schnell, dass jede Familie ganz verschiedene Ansichten darüber hat, ob und wie viel Bildschirmzeit für Kinder in Ordnung ist. Viele reden auch nicht gern darüber. Denn schon auf dem Spielplatz wird klar: Wessen Kinder regelmäßig fernschauen dürfen oder wer sogar das Handy zur Beruhigung im Kinderwagen hergibt, wird nicht selten mit bösen Blicken anderer Eltern bestraft.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Vorgaben dafür, wie viel Bildschirmzeit, zumindest für die Kleinen, in Ordnung sei. Für alle unter zwei Jahren gilt: Sie sollten gar keine Zeit vor einem Bildschirm verbringen. Für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren ist bis zu eine Stunde angemessen – weniger sei jedoch immer besser. Für ältere Kinder gibt es vonseiten der WHO hingegen keine Zeitangaben.

Für Anna Katharina Gur, Kinderpsychologin in Wien, ist weniger eine fixe Zeitvorgabe wichtig als das Setting. "Wenn Kinder fernsehen dürfen oder Apps auf dem Handy nutzen, dann sollte das am besten zu Hause und zusammen mit den Eltern passieren." Überall auswärts, im Restaurant oder der U-Bahn etwa, prasseln viele Reize und Geräusche auf die Kinder ein. Für kleinere Kinder ist es besonders wichtig, dass sie lernen, mit diesen Reizen umzugehen. Gur erklärt: "Wenn sie in diesen Situationen mit dem Handy abgelenkt werden, nehmen sie die äußeren Reize kaum noch wahr. Das kann später dazu führen, dass sie in solchen Settings überfordert sind." Es ist ein wichtiger Schritt in der kindlichen Entwicklung, dass sie lernen, mit Reizen von außen und auch Interaktionen anderer Personen umzugehen. Mit ständiger Ablenkung durch Handys etwa kann diese Entwicklung kaum oder nur wenig stattfinden.

Fernsehen nicht mit Emotionen koppeln

Häufig werden Fernseher oder Handy auch als Seelentröster eingesetzt. Wenn ein kleines Kind weint, scheint es sehr verlockend, die Lieblingsserie einzuschalten. Schnell wirkt es wieder vermeintlich glücklich. Das kann laut der Kinderpsychologin jedoch der ersten Schritt in Richtung Sucht sein: "Der Fernseher sollte nie dazu dienen, das Kind zu beruhigen, wenn es wütend oder traurig ist. Damit lernen die Kleinen nicht, wie sie selber mit diesen starken Gefühlen umgehen können. Sie lernen nur, dass sie die Emotionen mit Medienkonsum drosseln können."

Wenn Kinder dann zu Hause hin und wieder ein paar Folgen ihrer Lieblingsserie anschauen dürfen, betont die Kinderpsychologin, dass diese unbedingt bis zum Schluss angesehen werden sollten. "Darum ist eine genaue Zeitangabe eher schwierig. Kleine Kinder können damit auch noch wenig anfangen, wenn Eltern ihnen sagen, sie dürften jetzt 20 Minuten Fernsehen." Besser: Mit dem Kind im Vorhinein vereinbaren, dass es eine oder zwei Folgen schauen darf. Wird der Fernseher nämlich ausgeschaltet, bevor die Folge zu Ende ist, bedeutet das für Kinder enormen Stress. Gur weiß: "Wenn die Folge kein Ende hat, arbeitet das im Gehirn weiter und lässt vielen Kindern keine Ruhe. Sie brauchen eine abgeschlossene Handlung."

Umfeld entscheidend

Neben dem "Wann?" und "Wie lang?" stellen sich viele Eltern auch die Frage, ab welchem Alter Kinder Fernsehen oder Handys nutzen können. Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin bei Safeinternet.at betont, dass diese Frage vor allem "stark vom Umfeld der Kinder abhängt". Wenn bereits die Eltern aus beruflichen Gründen viel im digitalen Bereich unterwegs sind, würden die Kinder zwangsläufig früher damit in Verbindung kommen, als Kinder von Eltern, die diese Medien weniger nutzen.

Eines ist für Buchegger klar: "Eltern sind in diesem Bereich die größten Vorbilder. Wenn Kinder merken, dass wir Eltern unseren Kopf ständig beim Handy haben, weil wir vielleicht auf einen Anruf warten oder auch darauf, wie viele Likes wir beruflich bekommen, bemerken die Kids sofort, dass die Eltern nicht ganz bei ihnen sind mit der Aufmerksamkeit. Zusätzlich bekommen sie vorgelebt, dass diese digitalen Medien super sind, und wollen das auch haben."

"Bildschirm-Bashing" differenzierter betrachten

Das die Zahlen der Mediennutzung bei Kinder während der Pandemie deutlich gestiegen sind, wundert die Expertin nicht. Ganz im Gegenteil: "Nicht nur bei Kindern ist der Konsum gestiegen, auch bei den Erwachsenen. Es gab ja sonst kaum eine Möglichkeit, mit Freunden und der restlichen Familie in Kontakt zu bleiben."

Sie plädiert dafür, das "Bildschirm-Bashing", dass momentan sehr häufig passiert, differenzierter zu sehen: "Wenn Jugendliche während der Pandemie durch die Nutzung interaktiver Medien nicht den Kontakt zu ihren Freunden gehalten hätten, wären die psychischen Folgen jetzt sicher noch größer, als sie ohnehin schon sind. Viele von ihnen wären regelrecht vereinsamt." Jetzt gehe es darum, als Gesellschaft und auch in der Familie wieder einen neuen Umgang mit Handy und Tablets zu finden. Möglich wäre etwa, einen bildschirmfreien Tag in der Woche einzuführen. Dies funktioniere am besten, wenn die ganze Familie dabei mitmacht.

Aber natürlich kann übermäßiges Zocken oder Tiktok-Videos-Schauen auch zu viel werden. Hier seien die Eltern gefragt, ganz genau zu beobachten. "Wenn sich die Dosis steigert, sollten Eltern hellhörig werden", weiß Buchegger. Weitere Anzeichen seien: Kinder, die ihre Freunde nicht mehr treffen wollen oder andere Aktivitäten, die sie früher gern gemacht haben, auf einmal verweigern. "Dann ist es immer ratsam, dass sich Eltern etwa bei einer Familienberatung Hilfe holen." Die Expertinnen und Experten dort können gemeinsam mit den Eltern herausfinden, ob bereits Handlungsbedarf besteht.

Um den Kontakt zum Kind nicht zu verlieren, ist es laut Buchegger besonders wichtig, von Anfang an mit seinen Kindern in die mediale Welt hineinzuwachsen. Ein Beispiel dafür sind Online-Freunde: "Kinder und Jugendliche werden früher oder später in der Online-Welt auch Freunde kennenlernen, mit denen sie gemeinsam spielen oder sich austauschen. Eltern sollten genauso Interesse an diesen Freunden zeigen wie an echten Freunden und sich auch mit ihnen unterhalten." Das zeigt den Jugendlichen, dass Eltern auch das Online-Leben als Lebenswelt der Kinder akzeptieren. Und Buchegger zeigt noch einen weiteren Vorteil auf: "Wer von Beginn an die Online-Sprache kennt, wird von den Kids auch als brauchbare Ansprechperson empfunden. Denn niemand will erst erklären müssen, was da überhaupt so abgeht im Internet." (Jasmin Altrock, 11.11.2022)