Die Pandemie hat den Trend zu Onlinekursen noch weiter verstärkt, nun springt auch die Wirtschaftskammer auf den Zug auf.

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Sie heißen Coursera, EdX oder Udacity: digitale Plattformen, auf denen sich zahlreiche Menschen einfinden, um gemeinsam Kurse zu absolvieren, die teilweise von US-Eliteuniversitäten angeboten werden – für eine weit geringere Gebühr als ein Seminar vor Ort kosten würde. Diese "Massive Open Online Courses" (MOOCs) erlebten vor allem in den 2010er-Jahren einen regelrechten Boom, 2012 wurde als "Jahr der MOOCs" ausgerufen. Parallel dazu wurden digitale Lernplattformen – auch bekannt als "Learning Management Systems" (LMS) – immer öfter für die betriebliche Fortbildung genützt.

Zehn Jahre nach dem "Jahr der MOOCs" setzt nun auch die Wirtschaftskammer mit einer Plattform namens "Wise Up" auf dieses Pferd. Hintergrund ist, dass österreichische Unternehmen unter anderem als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel zunehmend Geld für die Weiterbildung ihres Personals in die Hand nehmen wollen, das Anbieten eigener Inhalte aber vor allem für KMUs aus Kosten- und Datenschutzgründen oft schwierig ist. Und auch die Kuratierung der Inhalte ist für die Unternehmen nicht einfach.

Testphase läuft seit Jänner

Die Aus- und Weiterbildungsplattform Wise Up befindet sich seit Anfang des Jahres in einer Pilotphase mit den Schwerpunkten Querschnittskompetenzen, Lehrlinge und Gründer. Dem vorangegangen sind vier Jahre voller Machbarkeitsstudien und zwei Ausschreibungen, jeweils für den Content und die Technologie.

Als Technologiepartner kam schließlich das Cornerstone-Tochterunternehmen Edcast zum Einsatz, der Content aus insgesamt über 15.000 Kursen kommt von rund 20 externen Partnern – unter anderem von Linkedin Learning und dem Roten Kreuz. Das "Content-Ökosystem" soll jedoch stetig weiterentwickelt werden, wie es aus der Wirtschaftskammer heißt.

Wise Up im Test

Eine Einzellizenz kostet bei Wise Up 149 Euro pro User und Jahr, bei höherer Userzahl wird es günstiger. So kostet das Jahresabo bei 100 Mitarbeitern 79 Euro pro Jahr, bei 500 Personen sind es 49 Euro pro Jahr. Die meisten Kurse sind in dieser Flatrate enthalten, Wifi-Kurse zum Beispiel werden aber zusätzliche Gebühren kosten. Derzeit hat die Plattform laut WKO 1.400 zahlende Lizenznehmer, 40.000 sollen es in den kommenden 18 bis 20 Monaten werden. Der STANDARD hat sich das Portal in einem Test näher angesehen.

Die Startseite von "Wise Up".
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Nach dem Einstieg via E-Mail-Einladung und einer kurzen Registrierung lässt sich die Plattform an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Aus vordefinierten Lernzielen lassen sich fünf auswählen, anhand dieser werden anschließend auf der Startseite der Plattform verschiedene frei verfügbare Kurse angezeigt. Ein Tester hat etwa das Lernziel "Resilienz" ausgewählt, Wise Up schlägt daher zum Beispiel einen Kurs mit dem Titel "Resilienz im Umgang mit Stress und Herausforderungen" vor.

Unterteilt ist Wise Up in drei Ebenen: Smartcards, also einzelne "Lernerfahrungen", Lernpfade aus mehreren Smartcards ("Pathways") und aus mehreren Pfaden bestehende Lehrgänge namens "Journeys". Diese Ebenen können etwa für die Erstellung eines Onboarding-Kurses verwendet werden, wie der Screenshot zeigt. Teammitglieder können sich selbst Kurse aussuchen, und Führungskräfte können ihnen Lerninhalte zuweisen.

Inhalte nennen sich hier "Smartcards", mehrere Smartcards bilden einen "Pathway", mehrere Pathways ein "Journey".
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Im Test hat dies vor allem während der ersten Stunden immer wieder für Verwirrung gesorgt. So fanden sich manche der selbst gewählten und von Kollegen zugewiesenen Kurse zwar in der Rubrik "Meine Inhalte", nicht aber im Menüpunkt "Mein Lernplan".

In den Pathways fanden sich bei einem Tester nur die selbst gewählten Kurse, der Bereich Smart Cards blieb gar leer, obwohl der Kollege ihn explizit zu einem Onboarding-Kurs voller Smartcards verdonnert hatte. Die begleitende App wiederum ist wieder gänzlich anders aufgebaut als die Desktop-Version, wodurch der Tester unterwegs erneut länger nach den Inhalten suchte, die er sich zuvor herausgepickt hatte. Das sorgte durchaus für Frust – vermutlich braucht es hier aber schlichtweg ein wenig Eingewöhnungszeit.

WKO-Inhalte neben Kursen von Drittanbietern

Derzeit befinden sich auf der Plattform viele Module, die auf die Website der Wirtschaftskammer oder auf Webinare auf Youtube verweisen. Auch Inhalte von Drittanbietern wie Linkedin Learning finden sich auf Wise Up.

Für Inhalte von "Linkedin Learning" öffnet sich ein neuer Tab.
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Hier fungiert die Plattform allerdings eher als eine Art Linksammlung: Klickt man auf einen Kurs von Linkedin Learning –etwa zum Thema "3D-Druck" –, so öffnet sich ein neuer Tab mit den Inhalten der Microsoft-Tochter. Auf mobilen Geräten bedeutet dies, dass zusätzlich zur "Wise Up"-App auch jene von LinkedIn Learning installiert werden muss.

Erstellen eigener Kurse

Viele Unternehmen dürften eigene Inhalte erstellen wollen – auch das funktioniert auf der Plattform. Über den "Erstellen"-Button können Umfragen, Quizzes, Texte und auch Live-Ereignisse direkt erstellt werden. Bestehende Inhalte lassen sich via Verlinkung, SCORM-Paket ("Sharable Content Object Reference Model") oder Filesharing integrieren.

Im Test konnte ein Kurs problemlos erstellt und anschließend einem Kollegen zugewiesen werden. Absolvierte dieser alle Kurse und beantwortete diverse Quizzes, so wurde dies dem Fake-Vorgesetzten in unserer Simulation verlässlich mitgeteilt.

Einzig die Unterscheidung zwischen Quizzes und Umfragen und die Freigabe derselben sorgten im Test ein wenig für ein Durcheinander. Aber das sind wohl Fehler, die man im echten Leben nur einmal macht – und im Optimalfall testet man ein solches Lernmodul zuerst auf der horizontalen Ebene des Organigramms, bevor man es an die Mitglieder des eigenen Teams schickt.

Kostenpunkt: 4,3 Millionen Euro für drei Jahre

Summa summarum läge es Pessimisten wohl auf der Zunge, das neue Projekt der Wirtschaftskammer mit dem legendären "Kaufhaus Österreich" zu vergleichen – doch das wäre nicht gerecht. Denn tatsächlich erweist sich Wise Up im Test als eine nützliche Plattform, auf der sich tausende Inhalte für verschiedene Branchen und Tätigkeiten finden. Dass dies technisch einwandfrei läuft, dürfte vor allem daran liegen, dass hier eine White-Label-Lösung zugekauft wurde, für die in den ersten drei Jahren 4,3 Millionen Euro in die Hand genommen werden. (Jonas Heitzer/Stefan Mey, 28.11.2022)

Update, 29.11.: Die 4,3 Millionen Euro werden freilich für die ersten drei Jahre, nicht für die ersten drei Monate in die Hand genommen. Der Fehler wurde korrigiert.