Wenn Montagmorgen die Trupps smart gekleideter junger Menschen – überwiegend männlich – mit ihren schwarzen Trolleys beim Empfang von Konzernzentralen anrollen, temporäre Besucherkarten bekommen und schließlich die ihnen zugeteilten Konferenzräume beziehen, ihre Notebooks anstöpseln, Projektoren in Betrieb nehmen und Batterien von Flipcharts in Stellung bringen, spricht es sich in den Büroetagen schnell herum: Die McKinseys sind im Haus.

"Die McKinseys" können auch von anderen Beratungsriesen kommen, ob dies Bain & Company oder die Boston Consulting Group ist – mit McKinsey die drei weltweit größten Management-Consultants – oder eine Reihe weiterer großer Berater wie Accenture oder Roland Berger. Das Wachstum der Beraterimperien ist ungebrochen, der konsolidierte Umsatz der drei Branchenführer hat sich allein zwischen 2015 und 2020 auf 24 Milliarden US-Dollar verdoppelt und soll 2021 einen weiteren Boost erfahren haben.

Denn Krisen sind gute Zeiten für Berater, die mit ihren Powerpoint-Präsentationen (scheinbare) Sicherheit in verunsicherte Vorstandsetagen ebenso wie in Regierungsstellen bringen. Da sind selbst handfeste Skandale bestenfalls PR-Probleme, ob es um Korruptionsvorwürfe in Südafrika und Angola oder enge Bindungen und gute Geschäfte mit Autokraten wie Saudi-Arabiens Mohammed bin Salman geht. In den USA zahlte McKinsey 2021 641 Millionen US-Dollar für Opfer der Opioid-Krise, weil das Unternehmen für Purdue Pharma, Hersteller des süchtig machenden Schmerzmittels Oxycontin, Methoden entwickelt hatte, um den Absatz anzukurbeln, obwohl bereits zehntausende Menschen jährlich in ihrer Sucht starben. In Frankreich flossen unter Präsident Macron Milliardenhonorare in Beratungsaufträge, Kritiker sprechen von unzumutbarer Verfilzung der privaten Unternehmen und der staatlichen Behörden.

Unter jährlich hunderttausenden Bewerbern werden gerade einmal ein bis zwei Prozent in den Clan der Beratung aufgenommen, der einer Priesterschaft nicht unähnlich ist.
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Elitäre Clans

McKinsey wurde nicht zufällig zum Synonym für die Management-Consultants und das Verhalten ihrer Beratertrupps. Bald hundert Jahre alt, wurde das Unternehmen 1926 von dem Buchhaltungsprofessor James O. McKinsey gegründet. Seinen elitären Charakter verlieh ihm jedoch erst sein späterer CEO Marvin Bower, ein Absolvent sowohl der Harvard Law School als auch der Harvard Business School. Rekrutiert wird seit Jahrzehnten ausschließlich unter den Besten der besten Absolventen von Eliteuniversitäten. Unter jährlich hunderttausenden Bewerbern werden gerade einmal ein bis zwei Prozent in den Clan aufgenommen, der einer Priesterschaft nicht unähnlich ist.

Überdurchschnittliche Bezahlung ab dem Start ist eine unwiderstehliche Verlockung für unerfahrene Universitätsabsolventen ohne genaue Vorstellung von ihrer weiteren Berufslaufbahn. Dazu gibt es erstklassiges Training und Weiterbildung sowie Erfahrungen in einer Vielzahl von Branchen und Unternehmen durch die Tätigkeit. Eine verschworene Gemeinschaft hart arbeitender, hochbegabter Youngster mit ähnlichem Mindset motiviert, dazu gehören zu wollen. Und die Aussicht, sich entweder in den exklusiven Kreis der Partner hochzuarbeiten oder unterwegs ein lukratives Jobangebot aus einem Unternehmen zu bekommen.

Die Erwartung: Arbeiten 24/7/365 – rund um die Uhr, bei Bedarf an Wochenenden, Feiertagen und im Urlaub, absolute Loyalität gegenüber dem McKinsey-Spirit und die Bereitschaft, auch mit kurzer Vorwarnung in den nächsten Flieger zu einem "Engagement" bei einem Klienten zu steigen. Für leistungsorientierte Absolventen elitärer Wirtschaftsuniversitäten ist all dies eher ein Sport denn eine Belastung. Die Bootcamp-Atmosphäre der Arbeit mit all den anderen hochbegabten jungen Kollegen in Konferenzräumen der Klienten spät nachts, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens längst gegangen sind, garantiert ordentliche Adrenalinschübe.

Stoßtrupps der Effizienz

Mit einem ordentlichen Maß an Selbstbewusstsein als Auserwählte ausgestattet, treffen diese Stoßtrupps der Unternehmenseffizienz auf das gewöhnliche Volk der Arbeitsbienen ihrer Klienten. Menschen, die nicht dieselben Eliteausbildungen durchlaufen haben, die tagein, tagaus für ihr Unternehmen mit Erfolgen und Rückschlägen arbeiten – und die noch ein Leben neben der Arbeit haben.

Potenziell freundliche Kolleginnen und Kollegen, die jedoch nur die etwas veraltete IT-Struktur ihrer Firma kennen, den Betrieb am Laufen halten und die gelernt haben – Geld und Ressourcen sind bekanntlich immer knapp –, sich entsprechend ihren Sparbudgets nach der Decke des Möglichen zu strecken. Die keine neuen Systeme designen, weil dazu keine Zeit und kein Auftrag aus der Chefetage da ist. Mit anderen Worten: Masters of the Possible, statt Masters of the Universe.

Konflikt und Widerstand sind darum von der ersten Minute an vorprogrammiert, wenn die McKinseys einreiten (McKinsey Comes to Town ist der Titel eines vor kurzem erschienenen, sehr kritischen Buches über den Beratungsgiganten). Gerüchte über Stellenkürzungen machen die Runde, obwohl es in vielen Fällen eher darum geht, neue Geschäftsideen zu entwickeln, bestehende Unternehmensbereiche zu durchleuchten und neu zu organisieren oder den Merger zweier Unternehmen abzuwickeln. Wo gehobelt wird, fallen Späne, aber das ist eher Nebenwirkung und nicht primäres Ziel ihres Auftrags.

Dieser kommt meist direkt vom Vorstand, so haben die Berater auch das Ohr des Vorstands – auch das ein Privileg, das viele tüchtige mittlere Manager nicht haben.

Widerstände unterlaufen

Aber natürlich wissen die McKinseys, dass ihnen jedenfalls zu Beginn ihres "Engagements" aus all diesen Gründen eine gewisse Bockigkeit begegnen wird. Darauf sind sie in ihren Trainings vorbereitet worden, haben gelernt, Widerstand zu unterlaufen, indem sie die praktische Erfahrung der regulären Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würdigen und darauf hinweisen, dass ja ihr Job darin besteht, diese in einem größeren Geschäftsumfeld erfolgreicher zu machen.

Und so arbeiten sich die Berater in endlosen Stunden der Recherche und Besprechungen durch eine gegebene Aufgabenstellung durch. Ihre Klienten – die Vorstände – erwarten, dass sie ihnen komplizierte Vorgänge und Entscheidungen einfach machen. Und diese Erwartungen werden erfüllt: Das Problem wird in bewältigbare Bestandteile zergliedert. Zu jedem Bestandteil wird die vorhandene Information gesammelt. Fehlende Information wird durch eigene Recherche beigesteuert. Das Ergebnis wird in einer vielseitigen Powerpoint-Präsentation mit zahlreichen Bulletpoints und verständlichen Grafiken dargestellt. Flowcharts und Action-Points ermöglichen die zügige Umsetzung

Auch dafür stehen McKinsey und Co bei Bedarf mit ihrer Erfahrung selbstverständlich zur Verfügung. Gerne auch auf Basis einer Erfolgsbeteiligung statt eines fixen Honorars.

Gibt es noch Fragen zu den einzelnen Punkten? Wir können sie gerne nochmals im Detail erläutern. (Helmut Spudich, 14.11.2022)