Entwicklungsmaßnahmen im Unternehmen verpuffen oft, weil Menschen ihre Muster nicht bewusst sind.

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Alle Menschen haben Prägungen und Muster, die in der Kindheit und den Ursprungsfamilien entstehen und das Verhalten und Erleben im späteren Leben maßgeblich beeinflussen. Diese Muster machen auch vor dem Arbeitsleben nicht halt.

Das äußert sich dann darin, dass Personen, mit denen ich arbeite, entweder sich selbst oder auch Verhaltensweisen anderer nicht verstehen und sich immer wieder in den gleichen Dynamiken wiederfinden. Auch dann, wenn sie rational wissen, dass das, was passiert, destruktiv oder nicht hilfreich ist. Wenn Sie solche Situationen auch von sich oder Kollegen kennen, dann haben Sie es mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem alten Muster oder einer Prägung zu tun.

Früh schon festgelegt

Bereits zum Ende des Volksschulalters sind grundlegende Lernmuster dahingehend festgelegt, welche Emotionen erlaubt sind, wie psychische Grundbedürfnisse befriedigt werden und welche Strategien zur Selbstregulation in der Umgebung des Aufwachsens funktionieren. Häufig sind es familiäre Situationen, in denen psychische Grundbedürfnisse etwa nach sicherer Bindung und Akzeptanz, die genauso überlebenswichtig wie körperliche Grundbedürfnisse sind, verletzt werden.

Dies löst starke Stressreaktionen aus, und unser Gehirn und Nervensystem kennt auf solche existenzbedrohenden Situationen nur drei Antworten: Kämpfen, Flüchten und Erstarren. Je öfter diese Verletzungen passieren, desto mehr werden sie zu neuronal fest verdrahteten Mustern und wandern unbewusst mit ins Erwachsenenalter. Dort werden sie durch verschiedene Situationen getriggert, wofür es natürlich auch am Arbeitsplatz zahlreiche Gelegenheiten gibt.

Das äußert sich dann in überzogenen Erwartungen an sich und andere, in starker Selbstkritik, mangelndem Selbstbewusstsein oder darin, nicht Nein sagen zu können, aber auch in irrationalen oder "schwierigen" Verhaltensweisen, in denen die betroffene Person sich nicht in einem "Erwachsenenmodus", sondern in einem Kritiker-, Kind- oder dysfunktionalen Bewältigungsmodus befindet.

Auch die oft zitierten Narzissten zeigen nichts anderes als ihre dysfunktionalen Bewältigungsstrategien, um einen Mangel an Selbstwert und innerer Leere zu kompensieren oder Kritik zu vermeiden. Wenn der perfektionistische Chef nach oben schleimt und nach unten tritt, kann ich sicher sein, dass ich es nicht mit dem "erwachsenen" Chef zu tun habe, sondern mit einer Verhaltensantwort von ihm, die mit der aktuellen Situation wenig bis gar nichts zu tun hat und deren Ursprung in der frühen Kindheit und seiner Familie liegt.

Zeit, Geduld und Freundlichkeit

Wie kann ich nun mit solchen Mustern bei mir selbst und anderen umgehen?

Da es sich um Stressreaktionen und alte Verletzungen handelt, die wie oft befahrene Autobahnen in unserem Gehirn verbaut sind – wenn es mich selbst betrifft, zuallererst: Zeit, Geduld und Freundlichkeit mir selbst gegenüber, da sich diese Muster nicht über Nacht verändern lassen. Ich muss zuerst lernen, welches psychische Grundbedürfnis in dem Moment nicht erfüllt ist. Auch der Satz "Ich habe das Gefühl, dass …" kann dabei helfen, dem inneren Kritiker oder verletzten Bedürfnis auf die Schliche zu kommen.

Zum Beispiel: "Ich habe das Gefühl, dass ich einfach nicht so gut bin wie andere", ist der innere Kritiker und oft Ausdruck überzogener Anforderungen an sich selbst, die durch fordernde oder abwertende Bezugspersonen entstanden sind. Wenn ich nun sehr kritisch mit mir umgehe, kann ich mich in einem nächsten Schritt fragen, wie ich mit einem Freund oder einer Kollegin mit einem ähnlichen Problem sprechen würde. Dann stellt man vielleicht fest, dass man so nie mit anderen sprechen würde – weshalb also mit sich selbst, und was muss ich mir stattdessen sagen? Der Kritiker sagt: Du hast etwas falsch gemacht, und du bist nicht okay. Der wohlwollende Erwachsene sagt hingegen: Du hast etwas falsch gemacht, aber du bist okay.

Je nach Ausprägung und Auswirkung auf mich ist das Ziel, einen funktionalen und "erwachsenen" Zugang zu suchen und mich um mich zu kümmern. Das kann auch bedeuten, bestimmten Personen bestmöglich aus dem Weg zu gehen oder die Person mit ihrem Verhalten und dessen Auswirkungen auf mich zu konfrontieren und mich klar abzugrenzen.

Nicht alles persönlich nehmen

Wenn ich erkenne, welche emotionale Funktion das Verhalten für die Person erfüllt, bemerke ich vielleicht, dass es in den wenigsten Fällen etwas mit mir zu tun hat, und kann es weniger persönlich nehmen. Wenn ich merke, dass mich Personen immer wieder triggern, kann es sinnvoll sein, einmal auf die Suche in der eigenen Biografie danach zu gehen, an wen mich die Person oder die Interaktionen mit ihr erinnern. Auch wie alt ich mich fühle, wenn ich mit der Person interagiere, um dann in diesen Situationen bewusster als "Erwachsener" aufzutreten, ist ein Schritt in die Richtung zu mehr Unabhängigkeit von seinen eigenen negativen Lernerfahrungen.

Meine Erfahrung ist auch, dass viele Personalentwicklungsmaßnahmen deshalb wirkungslos verpuffen, weil Menschen ihre Muster und biografischen Themen nicht bewusst sind. Hier hat sich beispielsweise bewährt, mit Führungskräften ihre eigenen Anteile und Trigger zu reflektieren. Dann einen anderen Umgang mit stressigen Situationen zu erarbeiten, damit die automatischen Kampf-Flucht-Erstarrungs-Muster nicht ausgelöst werden, und eine "erwachsene" Verhaltensantwort einzuüben. Wenn das alles nichts hilft, kann man etwa mit einer Schematherapie an dem Aufbrechen dieser alten Muster und Verletzungen arbeiten.

Es ist klar, dass ein Arbeitsplatz keine Gruppentherapie oder Selbsterfahrungsgruppe ist, aber einmal hinzuschauen zahlt sich aus. (Gastbeitrag: Tobias Glück, 18.11.2022)