Zahlreiche Einsatzkräfte vor Ort.

Foto: REUTERS/Kemal Aslan

Das Areal wurde abgesperrt.

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Istanbul – Bei einem Anschlag im Zentrum der türkischen Metropole Istanbul sind am Sonntag nach offiziellen Angaben mindestens sechs Menschen getötet und 81 verletzt worden. Vizepräsident Fuat Oktay sprach von einem Terroranschlag auf der belebten Einkaufsstraße Istiklal. Einsatzkräfte hätten die Person, die die Bombe dort deponiert habe, festgenommen, zitierte der Sender TRT Innenminister Süleyman Soylu in der Nacht auf Montag. Soylu zufolge waren die Opfer zwischen neun und etwa 40 Jahre alt.

Insgesamt hat die Polizei laut Regierung 46 Personen in Zusammenhang mit dem Attentat festgenommen. Darunter sei auch jene Syrerin, die die Bombe platziert haben soll, teilte die Polizei am Montag mit. Bei einer ersten Befragung habe sie angegeben, von militanten Kurden in Syrien ausgebildet worden zu sein. Sie sei über die nordsyrische Region Afrin in die Türkei gereist. Die türkische Regierung hatte zuvor militante Kurden aus Syrien für den Bombenanschlag verantwortlich gemacht.

Verbindung zu PKK vermutet

Es gebe Verbindungen zur verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), hieß es. Sie steht in der Türkei, Europa und den USA auf der Terrorliste. Soylu kündigte laut TRT Vergeltung an. Die PKK und die Kurdenmiliz YPG haben hingegen jegliche Verantwortung für den Anschlag von sich gewiesen. Ein Angriff auf die Zivilbevölkerung auf türkischem Boden käme in keinem Fall infrage, hieß es am Montag in einer von der PKK-nahen Nachrichtenagentur ANF veröffentlichten Erklärung. Die Gruppierung unterstütze keine Angriffe, die direkt gegen Zivilisten gerichtet seien. Auch die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien bestritt jegliche Verbindung zur Hauptverdächtigen und unterstellte der Türkei, "Lügen" zu verbreiten.

Medien veröffentlichten Videos von der Festnahme einer Verdächtigen. Der Sender TRT zeigte am Montagmorgen ein Einsatzvideo der Sicherheitskräfte, das eine auf dem Boden liegende, mit Handschellen fixierte Frau zeigt. Dem Bericht zufolge soll sie die Bombe deponiert haben.

Die Polizei eilte zur Einkaufsstraße Istiklal.
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"Hinterhältiger Anschlag"

Videoaufnahmen zeigen demnach, wie die Frau etwa 40 Minuten lang auf einer Bank sitzt und offenbar ein Paket unter einem erhöhten Blumenbeet auf der Istiklal-Allee hinterlässt, bevor sie wenige Minuten vor der Explosion aufsteht. Soylu erklärte, der Befehl für den Anschlag sei in der Stadt Kobanê in Nordsyrien erteilt worden, wo die türkischen Streitkräfte in den letzten Jahren Operationen gegen die syrisch-kurdische YPG-Miliz durchgeführt haben.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte kurz zuvor erklärt, dass es sich bei um einen "hinterhältigen Anschlag" handle. Definitiv von Terrorismus zu sprechen sei vielleicht falsch, schränkte er ein. Aber der Gouverneur der Metropole, Ali Yerlikaya, habe ihm gesagt, es liege ein "Geruch von Terror" in der Luft. "Die Verantwortlichen werden die Strafe bekommen, die sie verdienen", kündigte Erdoğan an. Istanbul und andere türkische Städte waren in der Vergangenheit wiederholt Ziel von politisch motivierten Anschlägen militanter kurdischer oder islamistischer Gruppen.

Video: Explosion in Istanbul.
DER STANDARD

Fünf Schwerverletzte

Die Detonation ereignete sich laut Yerlikaya um 16.20 Uhr Ortszeit (14.20 Uhr MEZ). Oktay zufolge kamen vier Menschen an Ort und Stelle ums Leben. Unter den Toten seien auch ein Ministeriumsmitarbeiter und seine Tochter, schrieb Familienministerin Derya Yanık am Abend auf Twitter. Während 39 Verletzte bis zum Abend aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten, befanden sich 42 noch in Behandlung. Davon waren fünf auf der Intensivstation, zwei von ihnen galten als schwer verletzt, sagte Gesundheitsminister Fahrettin Koca.

Es befinden sich keine Österreicherinnen und Österreicher unter den Toten oder Schwerverletzten, bestätigte das Außenministerium am Montag der APA. Bezüglich der Verletzten gebe es zwar keine gesicherten Informationen, aber auch keine Hinweise darauf, dass Österreicherinnen oder Österreicher verletzt worden seien.

Auf nicht verifizierten Aufnahmen, die über soziale Medien verbreitet wurden, war ein Feuerball inmitten der Straße zu sehen. Andere, ebenfalls zunächst nicht verifizierte Bilder zeigten blutüberströmte Menschen, die reglos auf dem Boden lagen. Ein Kellner in einem Restaurant in der Nähe des Anschlagsorts berichtete, er habe einen lauten Knall gehört und Menschen wegrennen sehen.

Rettungskräfte und Polizei waren in großer Zahl im Einsatz, berichtete TRT. Hubschrauber überflogen das Stadtviertel Beyoğlu und angrenzende Stadtteile. Die Rundfunkbehörde verhängte eine vorläufige Nachrichtensperre, damit es nicht zu Panik in der Bevölkerung komme. Die Straße ist ein touristischer Hotspot im Zentrum des europäischen Teils Istanbuls, die auch sonntags stark besucht wird.

Internationale Anteilnahme

Umgehend gab es zahlreiche internationale Beileidsbekundungen, auch aus Österreich. Bundespräsident Alexander Van der Bellen war in "Gedanken bei den Familien der Opfer". "Ich hoffe, dass die Hintergründe schnellstmöglich aufgeklärt werden können", schrieb Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) am Sonntagabend auf Twitter.

Das Außenministerium schrieb von "grauenvollen Nachrichten" aus Istanbul und übermittelte den Verletzten Genesungswünsche. Ihr "tiefes Mitgefühl" den Opfern und deren Familien bekundete auch die Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Parlament, SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) zeigte sich in einem Tweet auf Türkisch "tief betroffen" vom "Gewaltakt" in Istanbul.

Die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden, Karine Jean-Pierre, verurteilte die Tat. "Wir stehen im Kampf gegen Terrorismus Seite an Seite mit unserem Nato-Verbündeten Türkei", erklärte sie. "Erschüttert" zeigte sich auch der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier. "In diesem Moment des Schocks stehen wir Deutschen an der Seite der Bürgerinnen und Bürger Istanbuls und des türkischen Volkes."

In der Türkei ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Anschlägen gekommen – auch im Zentrum Istanbuls. 2016 hatte sich ein Selbstmordattentäter auf der Istiklal in die Luft gesprengt und vier Menschen getötet, 39 wurden verletzt. Nach Angaben der türkischen Regierung hatte der Attentäter Verbindungen zur Terrormiliz "Islamischer Staat". Die Gruppe selbst bekannte sich damals nicht zu der Tat. Im selben Jahr waren bei einem Selbstmordattentat des IS im historischen Zentrum Istanbuls zwölf Deutsche getötet worden. Auch die PKK verübt immer wieder Anschläge in der Türkei. (APA, red, 14.11.2022)