Im Bildungssystem fehlt die Vision, wie Lernen im digitalen Zeitalter aussehen könnte.

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Mein Sohn hat vom Unterrichtsministerium vor ein paar Wochen einen Computer bekommen. Genutzt hat er dieses teure Tablet mit Schreibstift allerdings noch nicht. Zum einen wird teure Hardware angeschafft, und zum anderen werden parallel für Millionen Euro weiter Schulbücher gedruckt, die wir am Ende des Schuljahres entsorgen. Im Bildungssystem fehlt die Vision, wie Lernen im digitalen Zeitalter aussehen könnte.

Müssten wir im digitalen Lernen und Lehren nicht schon viel weiter sein? Tragen wir nicht bereits das Wissen der Welt in unserer Hosentasche? Sei es ein neues Strickmuster, die Reparatur eines Haushaltsgeräts oder eine neue Fremdsprache, wir können fast alles online erlernen. Kinder finden selbstständig ohne Erwachsene zu neuem Wissen. Meine Kinder haben sich in Online-Chatforen, über Youtube-Videos und über ihr Freundesnetzwerk zu Profis im Onlinespiel Mine-craft ausgebildet.

Spielerische Elemente

Wie aber könnte die Vision des digitalen Schulzeitalters aussehen? Ich denke, wir werden in Zukunft spielerischer lernen. Das macht nicht nur mehr Spaß, sondern ist oft effektiver. Erste Bildungseinrichtungen setzen spielerische Elemente bereits im Unterricht ein, damit steigern sie die Lernmotivation und erhöhen den Lernerfolg. Manche Unternehmen nutzen "Gamification" schon in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung.

Zweitens, wir werden vermehrt in virtuellen Räumen lernen. Die Technologie, die früher nur in teuren Flugsimulatoren zur Anwendung kam, ist heute über Virtual Reality zugänglich geworden. Eine Schweizer Hochschule hat zum Beispiel eine virtuelle Lernumgebung für die Elektrikerausbildung entwickelt. Über eine Virtual-Reality-Brille können Lehrlinge konkrete Anwendungen üben, die auf der Baustelle meist den Erfahrenen überlassen wurden. Jene, die in dieser virtuellen Umgebung lernen können, schneiden in der Prüfung nachweislich besser ab als die Lehrlinge, die den Stoff nur theoretisch vermittelt bekommen.

Kritische Auseinandersetzung

Und drittens werden wir in Zukunft selbstständiger über digitale Plattformen in unserer eigenen Geschwindigkeit zu Hause lernen, anstatt im schulischen Frontalunterricht teils unter- oder teils überfordert zu werden. Damit das gelingt, muss der Lernstoff digital anders aufbereitet sein: Er muss in kleinere Einheiten zerlegt werden und darf nicht nur aus dem passiven Konsumieren von Videos bestehen. In der Schule wird dann – statt der reinen Wissensvermittlung – kritische Auseinandersetzung und Anwendung in den Vordergrund rücken.

Bei all der freien Verfügbarkeit von Wissen und Information erzeugt Digitalisierung gleichzeitig auch Desorientierung. Was wie einzuordnen ist und welches Wissen überhaupt wichtig ist und welches nicht, das werden zentrale Fragen der Schulbildung von morgen sein. Die Antworten digitalen Plattformen und ihren Algorithmen zu überlassen wäre fahrlässig. Moralische Werte und soziales Lernen lassen sich so nicht vermitteln. Dafür braucht es im Zeitalter des digitalen Lernens mehr denn je die Anleitung und Begleitung durch erfahrene Lehrerinnen und Lehrer. (Philippe Narval, 14.11.2022)