Melanie Lynskey (links) und Jessica Biel in "Candy".

Foto: Tina Rowden/Hulu

Wien/Hollywood – True-Crime-Serien mag es wie Sand am Streamingmeer geben, aber "Candy" ist die einzige mit einer wunderbaren Jessica Biel und Melanie Lynskey. Der Titel ist keine Anspielung auf Süßes, sondern der Name der Mutter und Axtmörderin, die in den 1980ern eine Freundin zerstückelte. Wenn es nicht wirklich passiert wäre, man könnte es für eine Folge der Vorstadthöllensaga "Desperate Housewives" halten. Abrufbar bei Disney+.

Im Juni 1980 ging die beliebte Hausfrau Candace "Candy" Montgomery in einem idyllischen, texanischen Vorort zu ihrer Freundin Betty Gore und ermordete sie mit einer Axt, was ihrer Meinung nach ein Akt der Selbstverteidigung war – und das obwohl sie mit der Axt 41 Mal auf die Frau eingehackt hat. Sie hat sich dann im Haus ihrer toten Freundin geduscht und so getan, als wäre nichts gewesen. Noch grausamer als das? Candy wurde von einer Jury für nicht schuldig befunden.

Natürlich ist das die Art von reißerischer Geschichte, die nicht eine, sondern gleich zwei Miniserien in unserer mordfreudigen Popkulturlandschaft hervorbringen würde: Eine weitere mit dem Titel "Love and Death" soll im nächsten Jahr mit Elizabeth Olsen und Lily Rabe auf dem US-Bezahlsender HBO Max erscheinen.

Welt der Vorstadtmütter

Aber zuerst bekommen wir das bittersüße "Candy". Jessica Biels riesiges Brillengestell und ihre Dauerwelle verraten uns, dass wir uns Ende der 1970er Jahre befinden. Als wir sie in der Serie zum ersten Mal treffen, ist die schöne Candy der Inbegriff der glücklichen Stepford-Vorstadtmutter. Sie singt im Kirchenchor, ist beliebt bei allen und hat immer einen Lächeln im Gesicht. Aber die Welt der Hausfrauen, das ist, wir bald sehen werden, für sie eine Kleinstadthölle.

Sie langweilt sich und träumt von heißen Affären wie die in den Groschenromanen, die sie so gerne liest. Also nimmt sie Alan Gore (Pablo Schreiber) ins Visier, den Ehemann von Betty (Melanie Lynskey), die im Gegensatz zur vermeintlich perfekten Hausfrau unbeliebt, depressiv und so überfordert ist, dass sie den Staubsauger anwirft, nur um das Weinen ihrer neugeborenen Tochter zu übertönen.

Die Miniserie stellt sich die beiden als zwei ungleiche, aber sehr unglückliche Hausfrauen vor, deren subkutane Wut brodelt. Befeuert wird das Ganze von Michael Uppendahls ("Mad Men") geradezu Soderbergh'schen Regie, die deprimierendes Braun und Senfgelb mit farbigem Noir vermischt. Die Schöpfer Robin Veith ("Mad Men") und Nick Antosca ("The Act") halten sich mit den grausameren Details des Mordes selbst bis zur letzten Folge zurück.

Leben in stiller Verzweiflung

Den Rest dieser tragischen Geschichte sollten die Zuschauer am besten für sich selbst entdecken. "Candy" entscheidet sich nicht für eine einfache Version, sondern beginnt ungefähr zum Zeitpunkt von Bettys Tod, bevor die Serie in nur fünf Folgen in die Vergangenheit springt, um zu erforschen, was Betty ins Elend und Candy in den Mord getrieben haben könnte. Wie im Kultfilm der Coen-Brüder und der Fernsehserie "Fargo" ist auch die kleine texanische Stadt, in der sich all dies abspielte, eine Figur und ein Ort, an dem Menschen Groll hegen und ein Leben in stiller Verzweiflung führen.

Die Serie hat dementsprechend schwarzen Humor, aber sie scheint nie respektlos gegenüber der Frau zu sein, die ihre Seite der Geschichte nicht mehr erzählen kann. Niemand spielt eine Frau, die sich ungenügend fühlt, besser als Melanie Lynskey ("Yellowjackets"), während Jessica Biel, die hier auch als Produzentin fungiert, hinter Candys Südstaatenakzent, perfekter Dauerwelle und falschem Lächeln verschwindet. Die Ehemänner beider Schauspielerinnen haben übrigens auch kleine, netten Rollen (Jason Ritter und Justin Timberlake spielen Polizeibeamte).

Die Wahrheit darüber, wie diese beiden Frauen in Konflikt gerieten, als Candy "nur vorbeikam, um einen Badeanzug zu holen", und was wirklich geschah, kennen nur die beiden. "Candy" ist nicht darauf aus, wahllos Antworten auf diese Frage zu geben, sondern kommt zu dem Schluss, dass das größte Rätsel für den Menschen, der Mensch selbst ist. (APA, 14.11.2022)