Fast jedes dritte Baby wurde 2021 in Österreich per Kaiserschnitt geboren. Welche Auswirkungen das auf das menschliche Mikrobiom hat, wird in vielen Studien untersucht.

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Natürlich ist es das Wichtigste, dass ein Baby gesund zur Welt kommt. Aber es kann einen Unterschied machen, ob das über Spontangeburt oder per Kaiserschnitt passiert. So gibt es etwa immer mehr Untersuchungen dahingehend, dass Babys, die spontan geboren werden, eine bessere Immunantwort zeigen als Babys nach einem Kaiserschnitt.

Der Grund: Bei einer vaginalen Geburt kommt das Neugeborene automatisch über den Geburtskanal mit verschiedenen Mikroorganismen der Mutter in Berührung. Und diese sind wichtig für das Mikrobiom im Darm und somit für das Immunsystem der Babys. Nach einem Kaiserschnitt – und immerhin 30,5 Prozent aller Babys sind 2021 laut Statistik Austria hierzulande so auf die Welt gekommen – könnten den Säuglingen diese Mikroorganismen der Mutter fehlen.

Schwächere Impfantwort bei Kaiserschnittbabys

Forschende aus den Niederlanden haben nun untersucht, ob die Art der Entbindung Einfluss auf das Mikrobiom der Babys hat. Zusätzlich wurde die Impfantwort der Babys auf zwei Impfungen, die Pneumokokken- und die Meningokokken-Impfung, analysiert.

Im österreichischen Impfpass ist die Pneumokokken-Impfung zwischen dem dritten und zwölften Lebensmonat vorgesehen. Die Impfung gegen Meningokokken der Gruppe B wird ab dem vollendeten zweiten Lebensmonat empfohlen. Und tatsächlich macht die Art der Geburt einen Unterschied. Die in der Fachzeitschrift "Nature Communications" erschienene Studie zeigt, dass die Impfantwort von Kaiserschnittbabys geringer ausfällt als bei den Babys, die vaginal geboren wurden.

IgG-Antikörper als Indikator für Impfantwort

Untersucht haben die Forschenden das Darmmikrobiom – also die Gemeinschaft der Mikroorganismen im Darm – von insgesamt 120 Babys, die entweder vaginal oder per Kaiserschnitt geboren wurden, innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate. Zusätzlich analysierten sie anhand des Speichels der Kinder die Immunglobulin-G-(IgG-)Antikörperreaktionen der beiden Impfstoffe, entweder zwölf oder 18 Monate nach der Geburt.

Die Höhe der IgG-Antikörper als Indikator für die Impfantwort gegen beide Krankheitserreger fiel nach einer Vaginalgeburt stärker aus als nach einem Kaiserschnitt. Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie in Homburg, erklärt: "Ein wichtiger Einflussfaktor für die Zusammensetzung des Mikrobioms ist der Geburtsmodus. Nach einer Vaginalgeburt fallen die untersuchten Impfantworten stärker aus als nach Kaiserschnittgeburt. Dies lässt vermuten, dass der Geburtsmodus sich auch direkt oder indirekt auf viele andere schützende Immunantworten auswirken könnte."

Optimierung des Mikrobioms nötig

Dass das Darmmikrobiom um den Zeitpunkt der Impfung eine Rolle bei der Immunreaktion auf die Impfung spielt, wurde bereits mehrfach beobachtet. Die aktuelle Studie sei aber vor allem für weitere Forschungen und klinische Anwendungen von Relevanz. Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie an der Med-Uni Frankfurt, erklärt: "Die Zahl der Kaiserschnitte in den Industrienationen ist sehr hoch."

Sollte sich die Erkenntnis festigen, dass die Art der Geburt das Darmmikrobiom und somit die Antikörperreaktion auf Routineimpfstoffe für Kinder beeinflusst, "dann wären Mikrobiota-basierte Supplementierungsansätze gegebenenfalls aussichtsreich". Dass die Impfstoffe an sich verändert werden, glaubt die Expertin jedoch nicht: "Ich denke nicht, dass eine Veränderung der Impfstoffe selbst die Konsequenz dieser Studie sein wird."

Für Zemlin ist es wichtig, "durch Optimierung des Mikrobioms die Weichen schon lange vor der Impfung so zu stellen, dass eine stark schützende Immunantwort zustande kommt. Es geht schließlich längst nicht nur um die Impfantwort, sondern um die Immunantwort gegen alle möglichen Krankheitserreger, denen wir im Leben begegnen."

Wichtige Fragestellungen für weitere Studien

Allerdings schränkt laut Claudius Mayer, Leiter der Arbeitsgruppe Pädiatrische Immunologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz, "die recht kleine Zahl an Studienteilnehmern die Aussagekraft stark ein, insbesondere vor dem Hintergrund der erheblichen Komplexität des Mikrobioms". Zudem wurde auf die weiteren Umstände der Geburten nicht eingegangen.

"Die Entscheidung für eine Kaiserschnittentbindung hat immer Gründe. Daher unterscheiden sich Kinder mit und ohne Kaiserschnitt nicht nur hinsichtlich ihres Geburtsmodus", sagt Zemlin. "In der aktuellen Studie wurden die Kinder, die mit Kaiserschnitt entbunden wurden, gegenüber vaginal geborenen Kindern beispielswiese früher geboren, länger im Krankenhaus behandelt und deutlich kürzer gestillt. Das sind alles Faktoren, die sich wesentlich auf das Mikrobiom auswirken können."

Aus den Ergebnissen dieser Studie ergeben sich nun wichtige Fragestellungen für zukünftige Studien, die Zemlin aufzählt: "Können die negativen Auswirkungen der Kaiserschnittgeburt auf das kindliche Mikrobiom vermieden werden? Hat das sogenannte 'vaginal seeding', das Bestreichen des Kindes mit Kompressen, die vorher in der Vagina der Mutter lagen, langfristige Vorteile? Kann nach Kaiserschnittgeburt die Entwicklung des kindlichen Mikrobioms durch Probiotikagabe oder andere Faktoren positiv beeinflusst werden?" Für die Beantwortung all dieser Fragen braucht es weitere Untersuchungen. (jaa, 17.11.2022)