Radikales Duo aus Schottland: Iona Kewney und Joseph Quimby alias Knights of the Invisible beim Zirkusfestival im Wuk zu Gast.

Richy Walsh

Experimentelle Zirkuskunst vereinigt viele unterschiedlicher Sparten auf sich, von Akrobatik über Lecture Performance bis hin zu Schauspiel, Tanz, Sounddesign und bildender Kunst. Im Zentrum aber steht der Körper samt seiner Ausdruckskraft und seinen Beziehungen zum Gegenüber, zum Raum. Das 2019 erstmals veranstaltete Festival On the Edge im Wiener Wuk ist trotz Pandemie zu einer fixen Größe in diesem Genre geworden und startet am Freitag seine Festivalwoche. Sieben Produktionen aus sieben europäischen Ländern sind zugegen, von Irland und Schottland über Frankreich, Belgien, Tschechien bis zu Deutschland und Österreich.

Ballett der Konferenzstühle

Darragh McLoughlin stellt in Stickman das Publikum auf die Probe und versucht, mit Bedeutungsherstellungen dessen Wahrnehmung zu steuern. Ähnlich manipulativ geht Is it a trick? von Sebastian Berger vor, der die Sehgewohnheiten der Zuschauer in einer immersiven Performance mittels Spiegeln hinterfragt. René handelt von Synchronizität und ist das Debüt des Kollektivs Sinking Sideways (Xenia Bannuscher, Dries Vanwalle und Raf Pringuet). Mit dem Cyr Wheel (Einreifen) zelebriert Sandra Hanschitz das Loslassen, um Sozialisierung geht es in Alter: cirque introspectif von Verena Schneider und Charlotte Le May.

Die Arbeit des tschechischen Tänzers und Dramaturgen Viktor Černický vollzieht unter Zuhilfenahme von 22 Konferenzstühlen nichts weniger als unendliche De- und Rekonstruktionsprozesse. Und wild und energetisch wird es bei dem schottischen Duo Knights of the Invisible: Iona Kewney und Joseph Quimby geben sich in Waiting for the Sea Eagle surrealistischen Visionen hin und plädieren für die Unordnung des Lebendigen. Der Sonntagvormittag gehört dem Diskursformat coffee & circus. (Margarete Affenzeller, 17.11.2022)