Eine Gruppe von Leuten probiert das Tiersein mit all seinen Pflichten, zum Beispiel Milch geben aus prallen Eutern.

Matthias Heschl

Menschen schreiten mit Vogelkopfmasken und am Rücken verschränkten Armen über das herbstlich feuchte Gras eines abgelegenen Gehöfts. Den Schnabel nach vorn gestreckt. Einmal kein Mensch mehr sein, jemand anderes sein, ein Vogel sein. Was sieht so ein Star, wenn er um sich blickt? Was denkt sich ein Schaf in seiner Herde, wie ticken die Hendln, wie die Hunde? Die Tier-Perspektive boomt. Mit einem auf George Orwells politischer Fabel Farm der Tiere (1945) basierenden neuen Theaterstück trifft das Schauspielhaus Wien so richtig ins Schwarze. Es ist eine Art Antislapstick der Gattungen, der auf ganz neuen Pfaden daherkommt.

In Faarm Animaal leben Menschen als Tiere auf einem verlassenen Hof. Einem Erlebnisworkshop ähnlich, so streng geregelt wie die Experimentierlandschaften der Performancegruppe Signa (Wir Hunde, 2016), versucht hier eine Schar an Personen ein neues soziales Zusammenleben als Tiere. Das Modell Mensch hat ausgedient. Das Menschsein ablegen oder es ein Stück weit verlernen ist hier die Devise.

Diese Idee spiegelt nicht nur die für ein Zeitalter speziesübergreifender Solidarität formulierten Thesen Donna Haraways wider (Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän). Die tierische Einfühlung gibt Vertreterinnen und Vertretern zeitgenössischer Ego-Gesellschaften auch die ersehnte Möglichkeit zum Ausbruch aus dem Ich – ein ureigenes Theateranliegen.

Große Katzenklappe

Mit einem exzellenten Stück- und Regiekonzept bringt Tomas Schweigen diesen Spielraum gedanklich zum Wummern, ohne je in die Nähe banaler Verkleidungseuphorie zu geraten. Stülpt sich der Mensch auch noch so viel Tier über, hält er auch noch so feedbackschwere Sitzkreise ab ("das Menschliche vor allem noch aus den Füßen herauskriegen"), er bleibt mit dem üblen Beherrscherinstinkt zurück bzw. hier auf seinem Trainingsgummiball sitzen.

Auf der Front eines Bühnendioramas von Stephan Weber wird zunächst die Außenwelt der Farm als Film sichtbar – Pferde ackern mit wehender Mähne; Hunde heulen im Schattenriss der untergehenden Sonne. Dann hebt sich die Leinwand und gibt den aseptischen Workshopraum frei, die Menschenzone, das Backstage des Tierdaseins, in dem mittig eine große Katzenklappe nach außen führt. Prächtiges Schwinggeräusch!

Als Tiere verjagen diese Leute den Briefträger, als Menschen beherrschen sie sich gegenseitig und errichten sogleich Hierarchien und Privilegien. Und da schlägt auch die Politik des Rollenspiels zu, weil Menschen Regeln halt gern umgehen. Die Aufgabe, das Tier im Inneren zu suchen, führt dazu, dass noch mehr Mensch herauskommt – und das ist ein wahres Abenteuer. Richard (Jesse Inman) etwa will am liebsten Katze (faul) sein, wird dabei aufgedeckt und ficht dann, als Mensch, den Disput mit Tatzenstreichen aus. Was für ein schöner Kampf, herrliches Theater. (Margarete Affenzeller, 22.11.2022)