Natürlich entstanden oder synthetisch? Beim Gemmologischen Labor Austria (GLA) kann man die Herstellungsweise eines Edelsteins herausfinden lassen.
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In Österreich konnten sie sich bisher nicht recht durchsetzen. "Wir sind halt ein konservativer Markt", sagt Stefan Nikl ohne Bedauern. Nikl ist ein Wiener Juwelier und Präsident des Diamant-Clubs Wien. Als solcher beobachtet er genau, wie sich die Nachfrage nach Labordiamanten entwickelt. Und da, sagt er, sei es halt so, dass man lieber einen richtigen, echten Diamanten kauft.

Eines der großen Argumente für Labordiamanten – ihr Preis – greife nämlich nicht recht, wenn man zum Beispiel einen Verlobungsring kauft oder ein Schmuckstück anlässlich eines Jubiläums erwerben möchte. Da will man etwas, das Beständigkeit suggeriert. Diamanten, deren Entstehung über eine Milliarde Jahre zurückliegen, wirken bei Verlobungen oder Hochzeiten passender und symbolträchtiger als synthetische Steine. Auch haben die künstlich hergestellten Diamanten, die "Labs", in letzter Zeit einen Preisverfall erfahren, weil sich die Produktionsprozesse laufend verbessern und deshalb mehr Ware auf den Markt kommt. Zumindest bei den Österreichern kommt dies nicht so gut an. Und die heimischen Goldschmiede und Juweliere leben gut damit, dass teurere, natürlich entstandene Steine bevorzugt werden. "Beim Diamanten handelt es sich um ein endliches Produkt, und das garantiert Wertbeständigkeit", erklärt Nikl.

Anderer Weg auf dem internationalen Parkett

International ist das nicht so. Die ab 1970 eingesetzten Technologien zur Herstellung der Labs haben sich derart verbessert, dass seit Mitte der 1980er-Jahre Labordiamanten auch in der Schmuckindustrie Anwendung finden. Davor wurden sie, weil nicht so hochwertig, nur in der Industrie eingesetzt. Labs, die rund ein Drittel billiger sein können als ihre Vorbilder, haben sich damit ihren Platz in der internationalen Schmuckbranche gesichert. Es sind vor allem junge Kunden, die nicht so viel Geld haben und denen die Aussicht behagt, dass für ihren Stein weder riesige Erdmassen bewegt wurden noch unter fragwürdigen sozialen Umständen gearbeitet wurde.

Ein Labordiamant, da kann man sich halbwegs sicher sein, ist sauber produziert – auch wenn die ökologische Seite nicht rasend toll aussieht. Der Entstehungsprozess ist energieintensiv. Der ökologische Fußabdruck eines Labs ist groß.

Spezielle Segmente boomen aber auch hierzulande. Etwa eine Diamantbestattung, bei der aus der Asche eines verstorbenen Menschen ein Erinnerungsedelstein gefertigt wird, den man nach Geschmack fassen lassen kann.

Ausgefeilte Herstellungsprozesse

Weil die Herstellungsprozesse mittlerweile ausgefeilt sind, ist weltweit ein Wettbewerb um den größten Stein entstanden. Ein indisches Institut, Ethereal Green Diamond, hat diesen Sommer den nach Eigenangaben weltweit größten im Labor hergestellten Diamanten vorgestellt und ihn Pride of India genannt. Sicherheitshalber ließ man den Stein von einem renommierten Institut analysieren. Das International Gemological Institute (IGI) hielt fest: 30,18 Karat. Zum Vergleich: Der größte Minendiamant der Welt, der Koh-i-Noor, hat 108,93 Karat. Letzterer prangt auf der britischen Krone und stammt aus Indien, weshalb nach dem Tod der Queen einmal mehr die Forderung laut wurde, dass der zum britischen Kronschatz gehörende Stein an die ehemalige britische Kolonie zurückgegeben werden sollte.

Der Koh-i-Noor ist nicht nur wegen seiner Größe (3,6 mal 3,2 mal 1,3 Zentimeter) so bekannt, sondern auch deshalb, weil es der Diamant ist, dessen Geschichte am weitesten zurückverfolgt werden kann. In den indischen mythologischen Erzählungen kommt er bereits vor mehr als 5.000 Jahren vor. Dagegen brauchte man für die Herstellung des Pride of India gerade mal vier Wochen.

Schwierige Unterscheidung

Weil synthetisch hergestellte Diamanten quasi ident sind mit jenen, die mühsam aus der Erdkruste gebuddelt werden müssen – und es keine einfache chemisch-physikalische Unterscheidung gibt –, wächst die Gefahr, dass man etwas erwirbt, das man so eigentlich nicht wollte. Es ist schwierig, zwischen künstlichen und natürlichen Steinen zu unterscheiden, aufwendige Laboruntersuchungen sind dazu notwendig.

Bisher war es so, dass die berühmten vier C – Carat, Color, Cut, Clarity, also Karat, Farbe, Form, Reinheit – bei Labs nicht angewandt wurden. Bei künstlich hergestellten Diamanten wurden andere Bezeichnungen verwendet, die keine allgemein gültige Norm darstellten. Doch dies beginnt sich nun zu ändern. Je mehr sich der Markt für synthetische Steine verbreitert und je exklusiver und einzigartiger die Stücke werden, desto mehr werden die vier C auch zur Beschreibung von Laborsteinen herangezogen.

Sicherheit beim Kauf

Anteil an einer Gleichbehandlung zwischen Labor- und Natursteinen hat das Laboratory Grown Diamond Committee. Diese Organisation gehört zur World Jewellery Confederation (CIBJO), einer angesehenen Vereinigung mit Sitz in Bern, die die Interessen der Schmuckbranche im Blick hat. Eine umfangreiche Guideline für künstlich hergestellte Diamanten wurde im Vorjahr herausgegeben. Der Grundtenor: volle und lückenlose Transparenz, und zwar über die komplette, meist sehr komplexe Wertschöpfungskette. Der Kunde müsse Sicherheit beim Kauf haben, wird erklärt. Dazu sollen, so will es die CIBJO, die Arten (also Steine künstlicher sowie natürlicher Entstehung) nicht vermischt werden. Denn eine solche Vermischung würde zu Verunsicherung beim Kunden führen. Juwelier Nikl beobachtet jedoch, dass es starke Tendenzen gibt, eine solche Trennung aufzulösen – weil es das Handling vereinfacht, etwa bei der Schmuckherstellung Freiheiten gibt und weil es den Markt tendenziell vergrößert.

In diesem Umfeld werden Gutachten von angesehenen gemmologischen Laboren beim Kauf eines Steins oder eines teuren Schmuckstücks naturgemäß wichtiger. Labore mit internationalem Ruf sind Hoge Raad vor Diamant (HRD) in Antwerpen, das Gemological Institute of America (GIA) oder das bereits genannte IGI. Das österreichische Gemmologische Labor Austria (GLA) verfügt ebenfalls über ein großes Testlabor und ein Netzwerk von Sachverständigen.

Nachfrage nach synthetischen Steinen

Im GLA analysiert man nicht nur, ob ein Stein behandelt wurde. Auch die Analyse der Entstehung von Steinen – also ob natürlich entstanden oder künstlich hergestellt – steht im Angebotsportfolio des Instituts in der Wiener Herrengasse. Dabei richtet sich das Labor nach den Richtlinien des IDC (International Diamond Council), dessen Vorgaben internationale Gültigkeit besitzen, erläutert GLA-Geschäftsführerin und Laborleiterin Adeline Lageder. Auch sie beobachtet, dass es immer mehr Kunden gibt, die explizit nur synthetische Steine wollen. Gleichzeitig betont sie, dass Laborsteine zuletzt einen Preisverfall hinnehmen mussten, der möglicherweise noch nicht zu Ende ist – und für Enttäuschungen sorgen können. Was die Größe der Steine betrifft, sei mit dem Pride of India noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Zehn mal zehn Zentimeter seien durchaus möglich, sagt Lageder.

Die Situation rund um Laborsteine erinnert an den Gerichtsstreit, den der Japaner Kokichi Mikimoto mit der etablierten Schmuckindustrie ausfocht. Als Mikimoto, der später Perlenkönig genannt wurde, seine künstlich hergestellten Perlen 1921 erstmals in London herzeigte, war die Aufregung groß. Es handle sich einfach um Fakes, schrieben die Zeitungen unisono. Und die alteingesessene europäische Branche versuchte ihn und seine Entwicklung mit allen möglichen Finten zu diskreditieren. Mikimoto war kämpferisch und zog in Paris vor Gericht. Was für ihn sprach: Nur via Röntgenbild war nachzuweisen, ob eine Perle natürlich gewachsen war oder mit menschlichem Einfluss. Ab 1923 wurde ihm gerichtlich erlaubt, sein Produkt "Zuchtperle" zu nennen. Damit war die Schmuckbranche nicht glücklich, doch der Preis überzeugte à la longue. Mittlerweile sind Zuchtperlen Standard und die viel teurerer Naturperlen die Ausnahme. Glücklicherweise, muss man sagen, denn es mussten hunderte Muscheln geöffnet werden, bis man eine schöne Perle fand. Die Gier der Menschen nach der schönen schimmernden Kugel brachte es mit sich, dass viele Muscheln fast ausgestorben wären. (Johanna Ruzicka, 11.1.2022)