Eine Verhütungspille für den Mann fehlt auf dem Markt.

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Abends um 21 Uhr läutet Klaras Handywecker. Und das jeden Tag, seit über fünf Jahren. Die 33-Jährige verhütet mit der Antibabypille, das Hormonpräparat muss möglichst zur selben Uhrzeit eingenommen werden. Für Klara heißt das, auf dem Weg zu einer Verabredung auch einmal umzukehren und zurück in die Wohnung zu laufen. "Wenn du die Pille abends nimmst, ist es gut, zwei/drei Reservetabletten dabeizuhaben, falls du mal unterwegs bist", empfiehlt der deutsche Fachverband Pro Familia. Auch bestimmte Medikamente können die Wirkung der Pille beeinträchtigen, ebenso Durchfall und Erbrechen – so steht es im Beipackzettel, der rund dreißig mögliche Nebenwirkungen auflistet.

"Für die Verhütung allein verantwortlich zu sein ist auch eine Form der Mental Load", sagt Bettina Zehetner, Beraterin beim Verein Frauen* beraten Frauen* in Wien. In einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Gynmed Ambulatorium gaben 42 Prozent der Frauen an, allein für die Verhütung zuständig zu sein – bei den Männern waren es nur 23 Prozent. Die hauptsächliche Verantwortung liegt also immer noch bei den Frauen.

In einer Partnerschaft sollte Verhütung als gemeinsame Verantwortung betrachtet werden, ist Zehetner überzeugt. "Es müsste gelten: Das ist unsere Arbeit, und wir besprechen und entscheiden gemeinsam – und tragen auch die Konsequenzen gemeinsam."

"Die mentale und emotionale Arbeit der Frauen bei der Schwangerschaftsverhütung" untersuchte auch die US-amerikanische Soziologin Katrina Kimport in einer 2017 veröffentlichten Studie. Auf Frauen in Hetero-Beziehungen laste die unsichtbare Arbeit der regelmäßigen Arzt- und Apothekenbesuche, täglich müsse an die Einnahme gedacht werden. Selbst wenn eine Vasektomie beim Partner zur Diskussion stand, besprachen das häufig die Frauen mit dem medizinischen Personal, so Kimport im Interview mit Salon.com, jedoch nicht die betroffenen Männer selbst.

Männer miteinbeziehen

Die Zuständigkeit für Verhütung hänge nicht nur von Faktoren wie Alter und Bildung, sondern auch vom eigenen Wertesystem ab, sagt Stephan Hloch, Sexualpädagoge und Projektkoordinator bei der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF). "Dort, wo traditionelle Rollenbilder vorherrschen, ist in der Regel auch die Frau für die Verhütung und für die Kinder zuständig", so Hloch. Die ÖGF betreibt nicht nur Beratungsstellen, sondern bietet auch Workshops zu sexueller Bildung an. "In der Burschen- und Männerarbeit sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Männer bei der Verhütung in die Verantwortung zu holen. Das sollte auch in ihrem eigenen Interesse sein", sagt Hloch.

Die Auswahl bei Verhütungsmitteln ist für Männer jedoch gering. Zwar erfreut sich das Kondom immer größerer Beliebtheit, eine Verhütungspille für den Mann fehlt jedoch auf dem Markt. Die Sterilisation in Form der Durchtrennung der Samenleiter wiederum spiele im weltweiten Vergleich nur eine verschwindend geringe Rolle, schreiben Gesine Agena, Patricia Hecht und Dinah Riese in ihrem Buch "Selbstbestimmt". Neuen Verhütungsmitteln stünden nicht nur finanzielle Interessen der Pharmaindustrie im Weg, so die Autorinnen, sondern auch "Bilder von Männlichkeit, die noch immer eng mit Potenz verknüpft sind".

Doch wären Frauen bereit dazu, die Verantwortung an den Partner abzugeben? Sich ausschließlich auf die Verhütung durch den Partnerverlassen – dazu könnten sich laut Gynmed-Befragung nur 41 Prozent der befragten Frauen entschließen. 59 Prozent würden weiterhin selbst verhüten. Etwas stärker fällt das Vertrauen der Frauen in stabilen Beziehungen aus (44 Prozent). In einer repräsentativen Studie der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wiederum stufen über fünfzig Prozent der Männer Kondome genauso sicher wie die Pille ein – dem schließen sich nur 31 Prozent der Frauen an.

"Man muss schon bedenken, dass eine Frau von einer Schwangerschaft auch stärker betroffen ist", sagt Eva Trettler, klinische und Gesundheitspsychologin im Wiener Frauengesundheitszentrum FEM Süd. Verhütung sei geschichtlich stark mit dem Slogan "Mein Körper gehört mir" verbunden. "Die Pille war aus feministischer Perspektive eine wichtige Errungenschaft. Frauen erlangten damit mehr Kontrolle über ihren Körper", sagt Trettler. In einer Partnerschaft solle Verantwortung für die Verhütung dennoch gemeinsam wahrgenommen werden, so die Psychologin. "Letztendlich ist das wohl auch eine Vertrauenssache."

Keine Kassenleistung

Ein wesentlicher Punkt sind jedoch auch die Kosten. Während es in anderen europäischen Ländern Verhütungsmittel auf Rezept gibt, sind sie in Österreich in vollem Umfang privat zu bezahlen. Bei der ÖGF können Menschen mit niedrigem oder keinem Einkommen die Kupferspirale gegen eine Spende oder auch kostenlos erhalten. Diese ist im Einkauf deutlich günstiger als die Hormonspirale. "Verhütung ist ein massives Gerechtigkeitsproblem. Es ist eigentlich nicht einzusehen, dass sie in einem reichen Land wie Österreich komplett privatisiert wird", sagt Stephan Hloch. Verhütung als Kassenleistung ist eine der zentralen Forderungen der ÖGF – insbesondere für junge Menschen und für Menschen mit niedrigem Einkommen.

Die Kosten für Verhütungsmittel würden oft Frauen allein übernehmen, erzählt Bettina Zehetner aus der Beratungspraxis. "Anders ist das nur bei Kondomen, aber gerade hormonelle Verhütungsmittel werden meist von Frauen bezahlt."

Auf den Kostenfaktor pocht auch Eva Trettler vom FEM Süd. "Verhütungsmittel sind nicht billig – und wir wissen, dass Frauen stärker von Armut betroffen sind als Männer." In der Debatte um reproduktive Gesundheit könne Verhütung nicht isoliert betrachtet werden. "Letztendlich ist alles, was mit Reproduktion verbunden ist, noch immer bei den Frauen geparkt: Verhütung, Schwangerschaft, Geburt, Karenz", sagt Trettler. Männer müssten stärker in diese Debatte miteinbezogen werden, ist die Psychologin überzeugt. "Wenn wir von Familienplanung sprechen, dann muss Geschlechtergerechtigkeit die zentrale Überschrift werden." (Brigitte Theißl, 29.11.2022)