Er ist klobig, ein Ungetüm aus weißem Kunststoff – und er kann so ziemlich alles: mixen, wiegen, kneten, kochen, dämpfen. Nur reden kann er nicht, aber auch das ist vielleicht ein Vorteil. Nur: Hat das alles noch was mit Kochen zu tun? Als ich den Auftrag für diese Geschichte bekam, stand für mich fest: An meiner Überzeugung, wonach der Thermomix ein unnützes, überteuertes Küchengerät sei, das sich vielleicht für Leute eignet, die möglicherweise zwar die Idee des Kochens, nicht aber die Realität schätzen, würde sich nichts mehr ändern.

Weshalb es mir (die ich viele freie Minuten am Herd verbringe) niemals in die Küche kommt. Dann aber sprach ich mit Profis, die leidenschaftlich gerne und begnadet gut kochen, unter anderem unter Zuhilfenahme jener von mir geächteten Maschine, und, nun ja, ich bin runtergepurzelt von meinem hohen Ross.

Der Thermomix kostet rund 1.500 Euro und ist dennoch heiß begehrt – ist das gerechtfertigt?
Foto: Thermomix/Getty Images/Montage: Lukas Friesenbichler

Das erste Mal begegnete ich ihm in der Backstube des Cafés, in dem ich neben der Uni jobbte. Dort stand er, ein massiver Kunststoffeimer mit integriertem Blechtopf: "Der Thermomix zeigt dir genau an, wie du die Schokotarte machen musst", meinte mein Chef begeistert. All die Vorteile – integrierte Waage, automatisch schmelzende Schokolade, minutengenaue Instruktionen – ließen mich kalt: Mich störte das ständige Gepiepse, das Herumdrücken auf Knöpfen, vor allem aber störte mich die Tatsache, dass mir nichts blieb, als den fertigen Teig in die Form zu füllen.

Vermeintlicher Allesmacher

Maximaler Genuss bei minimalem Aufwand – das ist das große Versprechen, das den Thermomix trotz hohen Preises (in der neuesten Version kostet das Original des deutschen Traditionsunternehmens Vorwerk rund 1.500 Euro) so erfolgreich macht. Immer öfter hörte ich von Bekannten, die erste Ersparnisse anzapften, um sich das Wundergerät zu kaufen, oder es sich von Freunden und Familie zum 30. Geburtstag wünschten. Ab diesem Alter scheint der Thermomix besonders populär: So zeitsparend nach dem Acht-Stunden-Tag! Vor allem jetzt, wo die Kinder da sind …

Kürzlich erzählte mir meine älteste Freundin, mit der ich früher zum Spaß Achtgangmenüs gekocht und Das perfekte Dinner nachgespielt habe, dass sie über die Anschaffung eines Thermomix nachdenke. Ich war milde entsetzt. Daran konnten auch all die Berichte nichts ändern, die ich über Profiküchen gelesen habe, in denen das Gerät ganz selbstverständlich zum Einsatz kommt.

Trotzdem wollte ich dem Thermomix eine Chance geben und mit Küchenprofis sprechen, denen man schwerlich die Koch-Skills absprechen kann, die aber den vermeintlichen Allesmacher-Mixer tagtäglich nutzen.

Alles aus dem Thermomix

An einem grauen Novembermorgen packt Marvin Mudenda, Koch und Mitinhaber des Restaurants Belly of the Beast, erdverkrustete Karotten auf die Arbeitsplatte. Aus Schale und Abschnitten kocht er einen Fond, das Gemüse selbst wird im Ofen dunkel geröstet. Anschließend wird beides mit Erdmandeln, Mehl, Sauerteig und Zucker vermischt. Natürlich – dafür bin ich ja hier – im Thermomix.

Zum Anrichten verziert er den Kuchen mit dreierlei Cremes (gemacht im Thermomix) und Erdmandelkaramell. Auch aus dem Thermomix? "Ja." Er schmunzelt. "Das ist ein Thermomix-Dessert." Auch bei der Pilzcreme für die Wirsingrouladen und der Kürbisvelouté greift er auf das Gerät zurück. "Eine Minute Vollgas, dann ist das schön gebunden. Rausgießen, fertig." Mit nur einem Kollegen kocht er für 22 Gäste. "Jede Minute, die ich spare, hilft."

Der Thermomix ersetzt Arbeitsschritte. Leidenschaft, Kreativität und handwerkliches Know-how, die für Gerichte wie "Österreichische Ananas" (bestehend aus mariniertem Sellerie) auf Roggenblini (aus über 30 Stunden gegangenem Sauerteig) nötig sind, ersetzt er nicht. Es sei ein Gerät wie jedes andere, sagt der Koch. Sous-Vide-Garer, Herd, Ofen. "Alles, was wir in der Küche verwenden, ist Technologie." Kochen müsse man trotzdem noch.

Ich bin noch immer skeptisch. Würde er die Kürbisvelouté nicht im Thermomix machen, sagt er, käme der Stabmixer zum Einsatz. Nur dass der halt den Nachteil hat, dass man als Koch die ganze Zeit am Topf stehen muss. Und: "Der Thermomix ist viel robuster." Gute deutsche Wertarbeit. Läuft auch nach vier Jahren offenbar noch immer rund.

Dauersurrender Topf

Wenig später, Himmelpfortgasse 23 im ersten Wiener Bezirk, zu Besuch im vegetarischen Sternerestaurant Tian. In der Küche surrt es. "Ist das …?" "Ja! Der Thermomix rennt bei uns fast ohne Pause", sagt Chefpatissier Thomas Scheiblhofer. "Superpraktisch für Saucen und Pürees." Weshalb es in der Küche gleich zwei gibt. Einen dritten bei Scheiblhofer in der Patisserie. Als er dem Gerät 2005, zu Besuch in Spanien, das erste Mal begegnete, war er skeptisch: Kann der was?

In dortigen Küchen, erklärte ihm ein einheimischer Freund, sei das Gerät längst Standard. "Vermutlich wegen der Molekularküche", meint der Patissier. Damals in Spanien der letzte Schrei. Als das Tian 2011 eröffnete, zählte er auch in österreichischen Toprestaurants "zur fixen Küchenausstattung". Im Grunde sei es ein "guter Ausdauermixer": hochtourig, leistungsstark und – das große Plus – mit individuell einstellbarer Temperatur.

Auch im Tian übernimmt er meist einzelne Arbeitsschritte: mahlt Nüsse zu hauchfeinem Pulver, zerkleinert Altbrot zu Brotcrunch, knackt Kriacherlkerne für den essigsauren Shrub. Manchmal auch mehr: Für das Quitteneis verquirlt und erhitzt der Thermomix Saft, Pektin und Ei. "Dann kommt gefrorene Butter dazu, die in der heißen Masse emulgiert." Was sonst in verschiedenen Küchengeräten geschieht, erledigt der Thermomix – zeit- und platzsparend – in einem Aufwasch.

Kochfaul oder ambitioniert?

Die Zubereitung des beliebten Kokos-Milchreises geschehe gänzlich im Thermomix. Ich schaue ungläubig. Ein ganzes Gericht aus dem Thermomix? Andererseits: Macht es so viel Unterschied, ob der Koch mit Rührlöffel am Herd steht oder ob die Küchenmaschine heizt und quirlt (und der Koch nebenher den Feinschliff macht)? Zu Hause hat Scheiblhofer das günstige Nachbaumodell von Lidl. Im Winter will er einige der voreingestellten Rezepte ausprobieren. "Nur aus Interesse. In der Firma hat das nichts verloren." Geschmäcker kombinieren und an Abläufen tüfteln – das liegt noch immer in der Hand der Köche.

Ist der Thermomix also ein Gerät für Kochfaule oder ganz Ambitionierte? Die Profis sehen es weniger eng. "Was spricht dagegen, die morgendliche heiße Schoki im Thermomix zu machen?", fragt Scheiblhofer. "Nebenher kann ich die Kinder fertigmachen."

Auch Marvin Mudenda verteidigt die Thermomix-Köche: Zutaten rein, duschen, Suppe fertig. Wenn man gute Rohstoffe nehme … "Das ist doch besser als die Dosensuppe aus dem Supermarkt."

Mein 30. Geburtstag steht kurz bevor. Einen Thermomix werde ich mir nicht wünschen. Aber milder all jenen gegenüber, die das Gerät nutzen, bin ich schon geworden. (Verena Carola Mayer, 8.12.2022)