Wir müssen den Temperaturregler der sozialen Geborgenheit in die Hand nehmen – und nach oben drehen.

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New Work führt uns dorthin, nur noch zu tun, was wir wirklich, wirklich wollen, lautet das Versprechen. Es hat sich auch enorm viel verändert in den vergangenen drei Jahren. Arbeitsorte, Arbeitszeiten und Arbeitsorganisationen sind in Bewegung. Es wird individueller und flexibler zurechtgeschneidert – je nach Bedürfnis. Unternehmen übertreffen einander mit Berichten ihrer großen "internen Transformation" hin zu Viertagewochen.

Das sind viele gute Entwicklungen, und das hat vielen Menschen neue, bessere Bedingungen für die Gestaltung ihres Lebens gebracht. Und die Entwicklungen sind noch längst nicht abgeschlossen. Allerdings stellt sich auch vielfach heraus: Gewohnte Gemeinschaften, ein gewohntes zweites Zuhause ist aufgelöst. Die Zeiten, in denen alle selbstverständlich fixe Schreibtische hatten, sind vorbei. Desksharing ist die andere Seite der Homeoffice-Medaille. Wen man morgens wirklich zu Gesicht bekommt, das wechselt jetzt. Fotos aufstellen und das eigene kleine Reich schmücken? Vorbei. Ebenso die fixen Plauderdates – die Kollegen sind ja wechselweise da oder auch nicht.

Ob eine solche "agilisierte" Belegschaft der Zukunftsfähigkeit der Firma guttut, darüber darf gestritten werden. Klar ist aber, dass damit ein Stück gegebener Identität genommen wurde. Das macht vielen nichts aus, sie genießen die Vorteile. Für andere ist es aber ein großer Abschied und das neue Gefühl, "always on the run" zu sein. Stress. Einsamkeit, Alleingelassensein. Unsichtbarsein.

Verlust der sozialen Pflege

Mit der neuen Arbeitsorganisation geht für viele Menschen auch der Verlust einer selbstverständlichen sozialen Pflege einher: Man sieht ja nicht mehr so genau, wann die Kollegin blass ist, man kann in der hybriden Welt nicht mehr (nach mehrmaligen Seufzern) fragen, ob’s denn heute grad nicht so super gehe und man schnell ein Kaffeechen bringen solle.

Nicht für alle, aber für viele (die es anders gewohnt oder die privat allein sind) senkt der nun erreichte Meilenstein der New Work die Temperatur. Im sozialen Geborgenheitsbereich. Da haben auch wir als Kollegenschaft unseren Blick zu schärfen, einzugreifen, nachzufragen und uns um liebevolle Gesten zu bemühen, so oft es geht ein paar ehrliche, nette Worte zu finden für alle, die sich nicht so leichttun, die eher unsichtbar bleiben und nicht laut sind.

Jetzt sind wir diejenigen, denen auffallen muss, wenn jemand ganz verstummt, untertaucht. Jetzt müssen wir den Temperaturregler der sozialen Geborgenheit in die Hand nehmen – und nach oben drehen. (Karin Bauer, 4.12.2022)