Schauen diese Menschen glücklich aus? Oder ist alles nur Fassade? Das Ensemble von Toxic Dreams.

Toxic Dreams / Tim Tom

Die primärfarbigen Rechtecke Piet Mondrians machen Yosi Wanunu happy. Der Theatermacher, der 1997 gemeinsam mit der Produzentin Kornelia Kilga die Gruppe Toxic Dreams gründete, steht in der neuen Produktion Happiness Ltd. auch selbst auf der Bühne im Wuk und geht der Sache mit der Glücklichkeit auf den Grund.

Ist das Glas halbleer? Halbvoll? Gibt es eine Mindestfüllhöhe sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen? Ist es zumindest wiederauffüllbar? Oder als Cocktailglas in der Hauptsache dazu da, uns in einen unbeschwerten Beduselungszustand zu versetzen?

Jedenfalls darf das Publikum entspannt an Mischgetränken nippen, während die acht in Mondrian-Motiv-Schürzen gekleideten Performenden auf der Spielfläche in der Mitte ein rasantes Programm abliefern.

Ein lakonischer Satz jagt da den nächsten, das Ensemble beeindruckt bei der Premiere trotz des krankheitsbedingten Ausfalls einer Kollegin mit makellosen Anschlüssen. Nach 80 Minuten wird nicht nur der Alkohol, sondern auch die schiere Masse an gehörtem Text – die Videoprojektionen an beiden Seiten des Raumes geizen auch nicht mit Informationen – den Kopf ein wenig wolkig werden lassen.

Dabei geht es, wie die Performenden nicht müde werden zu betonen, an diesem Abend gar nicht so sehr um das Publikum, ob diese Menschen nun glücklich oder unglücklich mit ihrer Abendgestaltung werden, sondern um die Erfahrungen der Gruppe selbst beziehungsweise deren Rechercheprozess zum Thema Positive Psychologie.

Problemfall Positivdenken

Der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman wandte sich in den 1990ern den positiven Möglichkeiten des menschlichen Daseins zu: Glück, Fröhlichkeit und Optimismus. "Make psychology great again", heißt es dazu im Theaterabend. 2012 wurde der erste "World Happiness Report" herausgegeben. Und die "Happiness Industry" produziert regalmeterweise Lebensratgeber, die das Individuum im positiven Denken schulen und zum Schmied des eigenen Glücks ausbilden wollen. Für Einsprüche gegen diese Entwicklungen werden die Autorin Barbara Ehrenreich oder die Soziologin Eva Illouz zitiert.

Dafür nehmen die Performenden Platz auf wie bei Podiumsdiskussionen arrangierten Stühlen und schlüpfen, nie ohne dieses "Schlüpfen" nicht auch zu kommentieren, in die jeweiligen Rollen. Der eine Moment "klassischen Schauspiels"? Wenn Susanne Gschwendtner genussvoll bösewichtig als Margaret Thatcher postuliert: "There is no such thing as society."

Es geht also par force und mit schönstem hintergründigen Humor durch Zeiten und Zusammenhänge. Dass Positivität toxisch sein kann und zu Victim-Blaming führt, dass der Glaube an die Optimierung des individuellen Lebens gesellschaftliche Verantwortung außer Acht lässt und dass die Imperative des positiven Denkens Zynismus und Entsolidarisierung erzeugen – es gibt an diesem Abend viel Pointiertes zu hören. (Theresa Luise Gindlstrasser, 9.12.2022)