Walid Regragui führte Marokko ins Halbfinale der Fußball-WM.

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Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Meisterschaften. Nun, es ist nach wie vor unwahrscheinlich, dass Marokko Fußballweltmeister wird. Aber bereits der Einzug ins Halbfinale als erstes afrikanisches Team ist eine Sensation von historischem Ausmaß.

Der Erfolgslauf hat einen Vater: Walid Regragui. Der 47-Jährige ist seit September als Trainer im Amt. Er übernahm den Job in letzter Sekunde vom abservierten Vahid Halilhodzic. Seither haben die Löwen vom Atlas in acht Spielen nur ein einziges Tor bekommen. Und das haben sie sich selbst geschossen.

Vor der WM war Regragui nur Insidern ein Begriff. Als Profi spielte der – no na – Verteidiger unter anderem für Toulouse, den AC Ajaccio und Racing Santander. Als Trainer feierte er Erfolge, die in der großen Welt des Fußballs etwas untergegangen sind. Er führte FUS Rabat 2016 zur marokkanischen Meisterschaft, gewann mit Al-Duhail 2020 den Titel in Katar und siegte 2022 mit Wydad Casablanca in der afrikanischen Champions League. Kurz gesagt: Der Mann versteht sein Handwerk.

Walid Regragui wurde in Corbeil-Essonnes in der Nähe von Paris geboren und wuchs in einem benachteiligten Stadtteil als drittes von sechs Kindern in einer marokkanischen Familie auf. Die Beziehung zur alten Heimat wurde von den Eltern gepflegt. "Jedes Jahr sind wir für zwei Monate zurückgekehrt, das war Pflicht", sagt Regragui. Der Bursche lief zumeist im Dress des AC Milan durch die Nachbarschaft. Seine Bewunderung galt Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten. Ihnen wollte Regragui nacheifern.

Vater Mohammed Abdeslam hatte andere Vorstellungen. Er wollte seinen Sohn in einem Bürosessel sehen. Regragui erfüllte die elterlichen Erwartungen. Er legte ein wissenschaftliches Baccalauréat ab und erreichte ein Unidiplom in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Kein Wunder, dass neben der ganzen Streberei der Fußball eher kurz kam. Erst als 24-Jähriger startete Regragui im Profigeschäft durch, zwei Jahre später debütierte der Doppelstaatsbürger schließlich im marokkanischen Nationalteam.

Am Mittwoch spielt Marokko gegen Frankreich um den Einzug ins WM-Finale. Das Team von Regragui gilt als Außenseiter. Wie zuvor gegen Spanien und Portugal. "Wir sind der Rocky dieser WM", sagt der Trainer, "es ist sehr hart, uns zu schlagen. Warum sollten wir nicht vom WM-Titel träumen? Es kostet nichts, Träume zu haben." (Philip Bauer, 11.12.2022)