Clowns auf Reha: Roland Düringer und Alfred Dorfer (rechts) in "Weber & Breitfuß".

Foto: ORF/Hubert Mican

1998 begann "MA 2412" mit Ferdinand Kratzl (links) als Weihnachtsmann, Monica Weinzettl war Frau Knackal, in der ersten Reihe Harald Sicheritz, der in den ersten beiden der neuen Folgen wieder Regie führte.

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Andrea Händler hat am Set eines Horrorfilms ihre Liebe Not mit "Weber & Breitfuß". Zu sehen am Sonntag um 20.15 Uhr auf ORF 2.

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Den Weihnachtsmann gibt's nicht mehr. Zumindest nicht in der "MA 2412". Die Magistratsbeamten Mike Weber und Ing. Engelbert Breitfuß werden in den wohlverdienten Ruhestand entlassen – und versprechen, einander nie, nie wiederzusehen. Dass es das nicht spielt und das ungleiche Paar einmal bei der Reha, das andere Mal beim Dreh eines Horrorfilms aufeinandertrifft, ist Inhalt von vorerst zwei Folgen von "Weber & Breitfuß", geschrieben und gespielt von Alfred Dorfer und Roland Düringer. Im vorweihnachtlich brechend vollen Wiener Café Dommayer erzählen die beiden, wie es dazu kam.

STANDARD: Fällt die Fortsetzung in die Kategorie "Sie waren alt und brauchten das Geld", oder hat der ORF darum gebettelt?

Düringer: Weder noch. Aber bitte, erzählen Sie, Herr Kollege.

Dorfer: Die Geschichte ist sehr schön und sogar wahr. Wir hatten lange Zeit keinen Kontakt zueinander, ohne Grund übrigens, also ohne Wickel. Eines Tages liefen wir uns zufällig in Linz über den Weg. Während wir uns miteinander unterhielten, sprachen uns HTL-Schüler an und wollten unbedingt ein Foto. Auf Nachfragen gaben sie sich als große Fans von "MA 2412" zu erkennen, und dadurch wurde uns bewusst, welche große Geschichte das ist. Die jungen Männer waren noch gar nicht auf der Welt, als die Serie gedreht wurde. Das hat mich ehrlich berührt, und wir haben begonnen nachzudenken.

STANDARD: Das Setting musste ein anderes sein: 1:1 dasselbe ging nicht. Warum nicht?

Dorfer: Wir wollten weg von der Sitcom und der Beamtenschiene. Die Sitcom gibt es als Format nicht mehr, und man muss schon ehrlich sagen: "MA 2412" war 1998, damals gab es diese Konkurrenz noch nicht. Der Standard heute ist ein ganz anderer.

Düringer: Die Aufgabenstellung war eine ganz andere. Die beiden Figuren haben ihren Wert, dessen waren wir uns bewusst. Aber wie transferiert man diesen Wert aus der Sitcom weg vom Amt in ein neues Umfeld? Wir kamen auf die Idee, kurze Filme zu machen, jeweils mit einer abgeschlossenen Geschichte, im Idealfall von einer anderen Produktionsfirma, einem anderen Regisseur hergestellt.

STANDARD: Der Idealfall, der niemals eintritt.

Düringer: So ähnlich. Jedenfalls gingen wir mit unseren Ideen zum ORF, und wir sollten zunächst drei oder vier Drehbücher schreiben. Wir, voller Vorfreude, setzten uns hin und schrieben in jede Folge ungefähr fünfzig Komparsen hinein. Auf die Idee, dass man uns sagen würde, wir können uns das nicht leisten, kamen wir gar nicht. Das kam aber relativ bald. Was ebenfalls bald kam, war die Information, es dürfe nur eine Produktionsfirma sein, nämlich die, die das damals auch gemacht hat, weil es um Figurenrechte ging. Leider wurde es mühsam.

"Hör dir Wiener Lieder an. Wir hätten das, nur orientieren wir uns leider daran, was im Bayerischen Rundfunk und bei den Deutschen funktioniert. Dieses einfache 'Jetzt sind wir lustig' kommt ja eher von dort."

Dorfer: Für den ersten Film wollten wir ohnehin Harald Sicheritz, aus Gründen der Tradition. Jetzt ist es so, dass – sofern es weitergeht – nach jeweils zwei Folgen gewechselt wird.

STANDARD: "MA 2412" war als Sitcom zu seiner Zeit nicht unbedingt ein urösterreichisches Format. Jetzt geht es, besonders in der Filmfolge, in die absurd-anarchistische Komik, schwarzer Humor – auch da fehlt in Österreich die Tradition. Eine Initiative weg vom Schenkelklopfer?

Düringer: Wenn man mich fragt, was schaue ich mir lieber an, amerikanische oder englische Komödien, überlege ich nicht lange: englische natürlich, weil die genau dieses Schwarze haben.

Dorfer: Unser Humor auf der Bühne war immer schwarz.

STANDARD: Und was ist mit österreichischen Komödien?

Düringer: Na ja, das Dumme ist, dass wir es könnten. Hör dir Wiener Lieder an. Wir hätten das, nur orientieren wir uns leider daran, was im Bayerischen Rundfunk und bei den Deutschen funktioniert. Dieses einfache "Jetzt sind wir lustig" kommt ja eher von dort.

Dorfer: Es ist eine Mutfrage, nicht dort anzuknüpfen, wo man schon einmal war. Bei den Kooperationen mit deutschen Sendern gibt es ein zusätzliches Problem, nämlich das der Sprache. Es muss verständlich sein. Damit verlierst du sehr viele Farben, alles klingt nur mehr gleich.

STANDARD: Ein Fall für Weber & Breitfuß.

Düringer: Moment! Das eine ist das eine, das andere das andere. Ich erinnere mich in meiner Kindheit an die ersten "Kottan"-Filme, an eine Show namens "Wünsch dir was", an einen Edmund Sackbauer. Das war ziemlich heftig, und so etwas gab es in Deutschland nicht. Das Potenzial ist also da. Die Frage ist aber, ob das so gewünscht ist. Fernsehen funktioniert heute anders. Da reden vorher 25 Menschen mit, es gibt endlose Diskussionen, zum Beispiel um den Sendeplatz. Das wächst nicht aus sich heraus, sondern wird konstruiert.

STANDARD: Kann man das unterlaufen? "Weber & Breitfuß" als Gegenentwurf gegen das große …

Dorfer: … fade Deutsche?

Düringer: Das kann man von außen so sehen, aber der Ansatz war es nicht. Wir machen, was wir selber gerne sehen würden. Ich kalkuliere nicht, wie ein Publikum auf etwas reagiert.

STANDARD: Das bringt uns zu einem aktuellen Thema: Worüber darf man heute lachen und worüber nicht? Dass in einer Szene das Wort "Tunte" fällt, gefiel vorab nicht allen.

Düringer: Weber und Breitfuß sind Clowns, Breitfuß ist der Bouffon, der wilde Urclown, wenn man so will, und das Wesen des Bouffons ist es, Dinge zu sagen und zu tun, die allen anderen verboten sind. Deshalb darf der Bouffon auch Tunte sagen, er darf auch Kinder hauen, er darf alles.

STANDARD: Fast. "Futbürstel" darf weder Weber noch Breitfuß sagen, das haben Sie der Dame in den Mund gelegt.

Düringer: Sie merken sich aber auch nur die ordinären Sachen.

Dorfer: Ich muss es jetzt sagen: Dieses ganz blöde Spießertum! Allein dass man sagt, das darf man sagen oder das darf man nicht sagen, ist einer Demokratie unwürdig. Besonders, wenn es um Satire geht. Es täte uns gut, nicht jede Kleinigkeit so ernst zu nehmen und sich nicht ständig in Beleidigtheiten zu ergehen. Was aber nicht heißen soll, dass Satire alles darf!

"Allein dass man sagt, das darf man sagen oder das darf man nicht sagen, ist einer Demokratie unwürdig. Besonders, wenn es um Satire geht. Es täte uns gut, nicht jede Kleinigkeit so ernst zu nehmen und sich nicht ständig in Beleidigtheiten zu ergehen."

STANDARD: Trotzdem ist es ein Riesenthema.

Düringer: Das ist die Frage. Wenn nach dem 18. Dezember Unmengen an Leserreaktionen kommen, die sich über die "Tunte" beschweren und darüber, dass eine Frau "Futbürstel" sagen musste, dann wissen wir, dass wir uns total irren. Wenn die Leute sagen, das ist super, dann irren sich leider die anderen, weil sie keine Ahnung davon haben, wie das Leben wirklich funktioniert.

STANDARD: Tatsächlich gibt es derbe Witze, die Menschen diskriminieren. Auch okay, solange gelacht wird?

Dorfer: Die Denksportaufgabe: Wir müssen unterscheiden zwischen Figuren auf der Bühne, die etwas sagen, weil sie eine Figur spielen. Es ist auch beim "Tatort" so, dass die nicht wirkliche Mörder engagieren, sondern Schauspieler. Und diese Schauspieler spielen eine Rolle, würden also in der Sekunde gar nicht jemanden umbringen wollen. Das ist die Kunst der Übersetzung.

"Corona war während des Schreibens großes Thema, und plötzlich ging es nur um die Frage: Bist du geimpft? Bist du einer von uns oder einer von denen? Das wollten wir abbilden."

STANDARD: Eine Figur wie Frau Knackal wäre heute wahrscheinlich nicht mehr möglich. Denken Sie beim Schreiben an den Shitstorm?

Düringer: Ich muss gestehen, wir haben die Diskussion ein bisschen erwartet. Nur: Diese Art Frau gab es damals – und es gibt sie heute noch immer, nur tragen sie heute meinetwegen einen Jogginganzug oder sind tätowiert, ganz egal.

Dorfer: Knackal in ihrer ursprünglichen Form war in der Fortsetzung von uns gar nicht vorgesehen. Also entschieden wir uns für einen Kunstgriff, über den wir sehr glücklich sind: den Typus Knackal mit Monica Weinzettl weiterzuführen, ohne diesen explizit als solchen zu benennen.

STANDARD: Und es gibt einen Corona-Schmäh: Ich bin geimpft – gegen Zecken. Der musste sein?

Düringer: Was machen wir? Wir beobachten, was rund um uns passiert, und versuchen, das möglichst kompakt zu spiegeln, zu überzeichnen. Corona war während des Schreibens großes Thema, und plötzlich ging es nur um die Frage: Bist du geimpft? Bist du einer von uns oder einer von denen? Das wollten wir abbilden.

STANDARD: Wo sehen Sie mögliche weitere Betätigungsfelder für Weber und Breitfuß?

Düringer: Wir haben Ideen zu zehn weiteren Geschichten, befinden uns aber derzeit in der inhaltlichen Diskussion mit dem Auftraggeber über die Frage, ob dieses Beamtentum wieder mehr bedient werden soll, um dem "MA 2412" von damals zu entsprechen. Wir tendieren dazu, die Figuren noch mehr abheben zu lassen. Auch in virtuelle Welten beispielsweise. Weber und Breitfuß gehen in einen Wald, verirren sich und stehen plötzlich vor einer Hütte, da kommen das Rotkäppchen und der böse Wolf, und sie müssen sich in einer Märchenwelt zurechtfinden. Eine weitere Folge heißt "Stadt der Frauen". Weber und Breitfuß gehen unabhängig voneinander auf die Straße, und auf einmal fällt ihnen auf: Da sind nur Frauen. Das ist eine Superidee, aber darüber brauche ich gar nicht weiter nachzudenken, so lange wir nicht wissen, was es kostet. Ganz viel hängt von diesem Ausstrahlungstermin ab.

STANDARD: Ist die Einmischung vom Auftraggeber ein Thema?

Düringer: Ein Buch, das wir geschrieben haben, wird sicher nicht gemacht. Es spielt in der Zukunft, Weber und Breitfuß müssen auf Schulung gehen, weil sie sich im öffentlichen Raum inkorrekt benommen haben. Weber sagt "Heast, Prinzessin" zu einer Security-Dame, worauf die ihn mit einem Elektrotaser niederstreckt, worauf Breitfuß "Aber Fräulein" sagt – und schon liegt er auch da. Beide werden abgeführt, landen im Ministerium für Anstand und Toleranz, werden umgeschult und lernen Regeln, was man heute darf und was nicht.

Dorfer: Wir fanden das eigentlich sehr lustig, aber daraus wurde nichts.

STANDARD: Mit welcher Begründung?

Düringer: Erst hieß es: "Da müssen wir noch reden. Das ist noch nicht ganz ausgegoren." Inhaltlich? "Nein, überhaupt nicht!" Irgendwann kam die Information, dass daraus nichts wird, wortwörtlich: "Das kriegen wir nicht durch." Ich würde gerne wissen, wer das bestimmt.

Dorfer: Ich nehme an, die ORF-Abteilung für Anstand und Toleranz.

STANDARD: Stichwort ORF: Wie soll sich der ORF in Zukunft finanzieren?

Düringer: Die ehrlichste Geschichte wäre, dass die bezahlen, die davon profitieren: also die Parteien.

STANDARD: Also letztlich Steuerzahler.

Düringer: Eh. Stimmt. Eigentlich ist es wurscht – oder man nimmt den Abgeordneten etwas weg.

Dorfer: Das ist eine sehr gute Idee. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es einen öffentlich-rechtlichen Sender braucht. Es gäbe keine Kinolandschaft in Österreich, es hat eine gewisse identitätsstiftende Wirkung, es braucht den ORF als Informationsmedium, und er hat die Aufgabe, eine ganze Palette abzubilden, auch wenn bei der Jazznacht auf Ö1 nicht ganz viel Publikum zuhört. Die Frage ist, ob alle Kanäle sinnvoll sind.

STANDARD: Apropos Fortsetzungen: Wie oft sind Sie schon wegen einer Fortsetzung zu "Muttertag" gefragt worden? Und was sagen Sie?

Dorfer: Nach einer "Muttertag"-Fortsetzung wurde noch nie gefragt, ich würde eine solche aber auch nicht begrüßen. (Doris Priesching, 17.12.2022)