Im Gastblog gibt Raphael Einetter, Leiter der Abteilung Archiv und Sammlungen des Jüdischen Museum Hohenems, Einblick in das Leben und Werk von Hans Schwarz.

Vor einem Jahrhundert kam mit Hans Schwarz der einzige Sohn von Emilie, geborene Gibs, und Viktor Schwarz in Wien zur Welt. Seine Eltern hatten sich im März 1922 das Ja-Wort gegeben, die Geburt von Hans sollte am 29. Dezember folgen. Schon einmal handelte ein Beitrag im Biografieblog von einem Mitglied der jüdischen Familie Schwarz aus Hohenems – Siegmund Schwarz –, einem Großcousin von Viktor, der mit unserem Protagonisten über den 1802 verstorbenen Hohenemser Handelsmann Abraham Levi Levi verbunden ist.

Während der Großvater von Hans, Abraham Jakob Schwarz, 1929 noch auf dem Jüdischen Friedhof in Bozen begraben wurde, bekannte sich dessen Sohn Viktor, der 1880 in Bozen zur Welt gekommen war und während des Ersten Weltkriegs als Hauptmann in der k.u.k. Armee gedient hatte, bereits bei seinem Umzug nach Wien 1922 als konfessionslos. Auch die Eheschließung fand als Ziviltrauung statt und so tauchte die Familie des nunmehrigen Bankangestellten in den Unterlagen bis auf Weiteres ohne Religionsbekenntnis auf. Dies änderte sich jedoch nach dem frühen Tod von Hans' Mutter Emilie im Jahr 1935, der einen schweren Schlag für die junge Familie bedeutete. Hans Schwarz trat zu jener Zeit der katholischen Kirche bei, was damit zu tun haben könnte, dass sich die Katholikin und bisherige Haushälterin Leopoldine Peter um den Halbwaisen und den Witwer kümmerte.

Flucht im Kindertransport

Hans Schwarz zeigte bereits in jungen Jahren künstlerisches Talent und besuchte als Jugendlicher von 1937 bis zum sogenannten "Anschluss" die Wiener Gewerbeschule. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten rückten jedoch die jüdischen Wurzeln von Vater und Sohn wieder in den Fokus der NS-Behörden. Viktor und "Tante Poldi", wie Hans Leopoldine Peter zu nennen pflegte, suchten nun nach einer Möglichkeit für die rettende Auswanderung. Diese glückte dem 16-jährigen Hans im Mai 1939 mit einem Kindertransport des von britischen Quäkern gegründeten "German Emergency Committee", mit dessen Hilfe er per Zug via Rotterdam nach England gelangte. Sein Abschied aus Wien bedeutete letztlich aber einen Abschied für immer von seinem Vater, dem schließlich seine jüdische Abstammung zum Verhängnis wurde. Viktor, der zuletzt in einer Sammelwohnung in der Berggasse 8 wohnen musste, wurde am 11. Jänner 1942 gezwungen, einen Zug nach Riga zu besteigen. Die Deportation mit Transport 14 bedeutete wohl schon bald seinen Tod, ein Datum der Ermordung ist nicht bekannt.

Hans Schwarz, der zu jener Zeit in Dokumenten auch unter dem Vornamen Ebbo aufschien, lebte zunächst in Bournville, einem Vorort von Birmingham, wo die Familie Cadbury für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihrer gleichnamigen Schokoladenfabrik eine Wohnsiedlung besaß und diese Unterkünfte auch für Flüchtlinge zur Verfügung stellte. Er arbeitete in der zur Fabrik gehörenden Druckerei. Sobald seine Englischkenntnisse gut genug waren, besuchte Hans die Bournville School of Arts and Crafts at Ruskin Hall, als gerade der Zweite Weltkrieg seinen Anfang nahm. Nach der Kriegserklärung des Vereinigten Königreichs an Nazideutschland am 3. September 1939 änderte sich das Leben für Hans Schwarz auch in seinem englischen Zufluchtsort. Denn als gebürtiger Österreicher wurde er nun als Deutscher behandelt und 1940 in ein Internierungslager, das Peveril Camp auf der Isle of Man, eingewiesen. Der hier abgebildete "Roll call", eines seiner frühen Werke, befindet sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems und zeigt seine Interpretation des dort abgehaltenen Anwesenheitsappells. Im Jänner 1941 endete die Internierung des inzwischen 18-Jährigen, der wieder an seine Arbeits- und Wohnstätte zurückkehren konnte.

"Roll call" im Camp Peveril, frühe Skizze von Hans Schwarz, 18. August 1940.
Foto: Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Hans Schwarz

Brotberuf Werbegrafiker und Illustrator

In Birmingham besuchte Hans Schwarz von 1941 bis 1943 das College of Art und lernte in dieser Zeit auch seine spätere Frau Lena Jones kennen. Die beiden heirateten in Birmingham im Oktober 1944 und bekamen zwei Söhne. Die Familie wohnte in Halesowen, einer Kleinstadt in den West Midlands, wo sich Schwarz zunächst als freischaffender Werbegrafiker betätigte.

Hans und Lena Schwarz, um 1944.
Foto: Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Hans Schwarz

Vermutlich 1953 kehrte Hans Schwarz erstmals wieder nach Österreich zurück, und zwar auf Urlaub. Die vierköpfige Familie bereiste zunächst Tirol, um später im Zug über den Brenner bis nach Venedig zu gelangen. Von touristischen Motiven wie der Hofkirche oder dem Goldenen Dachl in Innsbruck, aber auch von der Bahnfahrt durch das Nordtiroler Wipptal, wo sie mehrmals Station gemacht haben dürften, haben sich rund 100 Schwarz-Weiß-Fotos erhalten. Einige Aufnahmen lassen sich einem Ausflug an den Obernberger See zuordnen, der in einem bei Gries am Brenner abzweigenden Seitental gelegen ist. Meist dürfte Hans den Auslöser betätigt haben, denn er ist fast nie selbst auf den Fotos zu sehen. Nicht selten verwendete der Künstler diese Bilder später als Vorlage für seine Gemälde, wie darauf befindliche Farbspritzer vermuten lassen.

Familienausflug zum Obernberger See, um 1953.
Foto: Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Hans Schwarz

Im selben Jahr wechselte die Familie ihren Wohnort und zog in den Londoner Stadtteil Hampstead, von wo aus Schwarz nun als Illustrator für Zeitungsredaktionen und Werbebüros arbeitete. Ein besonderes Beispiel für seine während dieser Anstellung produzierten Werke stellt eine etwa 1960 entworfene Urkunde für die British Overseas Airways Corporation dar, die diese für Äquatorüberflüge verlieh.

"Crossing the Line of the Equator"-Zertifikat, Design von Hans Schwarz.
Foto: Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Hans Schwarz

Leidenschaft Malerei

In dieser Zeit konnte er sich bereits als Maler einen Namen machen und seine Werke beispielsweise 1955 in der Hilton Gallery in Cambridge oder 1960 in der Londoner Hyde Park Gallery ausstellen. 1964, im selben Jahr, als er eine Schau in der Greenwich Gallery verantwortete, war es ihm schließlich auch möglich, seine Arbeit als Grafikdesigner aufzugeben. Er widmete sich nun in einem Ferienhaus in der südwestenglischen Grafschaft Somerset einige Jahre voll und ganz seiner Leidenschaft, übersiedelte aber 1970 zurück nach London und lebte fortan im Stadtteil Greenwich, der auch sein dauerhafter Wohnsitz bleiben sollte.

Seine Werke wurden über einige Jahrzehnte in einer Vielzahl an, meist Londoner, Galerien gezeigt. So etwa zwischen 1982 und 1993 acht Mal in der Thackeray Gallery und 1985 in der Ben Uri Art Gallery, aber auch im Steinberg Centre for Judaism im Jahr 1991. Viele seiner Gemälde verkaufte er auch, worüber unter anderem ein Rechnungsbuch Auskunft gibt, das sich durch die Schenkung seines Sohns seit 2020 im Bestand des Jüdischen Museums Hohenems befindet. Der Nachlass "Hans Schwarz" umfasst insgesamt 20 Bücher, 404 Fotos, 34 Zeichnungen, Skizzen und Lithografien sowie ein Poster, eine Urkunde und eine Sammlung von Zeitungsausschnitten. Schwarz widmete sich in seinen Schriften, in denen er sich in erster Linie mit verschiedenen Maltechniken befasste, beispielsweise den Themen "Figure Painting" (1967), "Painting in Towns and Cities" (1969) oder "Draw Sketches" (1981).

Hans Schwarz bei der Arbeit, undatiert.
Foto: Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Hans Schwarz
Plakat zur Ausstellung "Hans Schwarz. A Life in Art", University of Birmingham, 2012.
Foto: Research and Cultural Collections, University of Birmingham

Hans Schwarz blieb bis in hohe Alter als Künstler aktiv. Ein Urlaubsfoto zeigt ihn etwa bei der Anfertigung eines Gemäldes, welches wiederum ihn selbst an selber Stelle beim Malen einer Hafenansicht zeigt. Er war Mitglied in mehreren Vereinigungen, wie etwa der Royal Society of British Artists, dem New English Art Club oder der Royal Watercolour Society.

Hans Schwarz starb am 28. Mai 2003 im Alter von 80 Jahren in Greenwich. 2012 fanden an der Universität von Birmingham, wo sich heute ein weiterer Teilnachlass befindet, gleich zwei Ausstellungen statt, die sich mit ihm beschäftigten. So spürte man in der ersten Jahreshälfte unter dem Titel "Children's Lives: Rites of Passage" seinem Leben vor der Flucht aus Wien nach, während im Oktober in der von Anna Young kuratierten Schau "Hans Schwarz. A Life in Art" ausgewählte Werke des Künstlers präsentiert wurden. 2014 erschien außerdem eine von Paul Upton verfasste Biografie zu Hans Schwarz. (Raphael Einetter, 29.12.2022)