Lehrer Georg Platzer sieht in seinem Gastkommentar den schleichenden Wandel des Berufsbildes der Lehrkraft mit Sorge.

Die aktuellen Daten zum Personalmangel an Österreichs Schulen sind gleichermaßen ernüchternd wie alarmierend. In (fast) allen Bereichen fehlt es an qualifiziertem Personal, insbesondere an den Volks- und Mittelschulen.

An Attraktivität verloren

Gravierend zeigt sich die Knappheit auch fächerspezifisch, etwa in den Naturwissenschaften oder bei der Bewegungserziehung. Dass es zu einer solchen Zuspitzung kommt, ist wenig überraschend. Die vielzitierte Pensionierungswelle trifft ein Berufsfeld, das in den letzten Jahren merkbar an Attraktivität verloren hat und dessen Ausbildungsweg empfindlich erschwert wurde. Auf diesen Umstand mit einer "Lehrkräfteoffensive" zu reagieren ist angemessen – die damit verbundenen Maßnahmen spiegeln jedoch nur im Ansatz wider, worum es wirklich geht: das Problem eines schleichenden Wandels des Berufsbildes.

Lehrkräfte müssen immer mehr Aufgaben erledigen. Zulasten des Unterrichts?
Foto: Mathis Fotografie

Aus der Privatwirtschaft ist längst bekannt, was potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihr Unternehmen oder ihren Tätigkeitsbereich binden kann. Zu den bekannten Kriterien zählen finanzielle Anreize oder die Aussicht auf eine einigermaßen gelingende Work-Life-Balance. Als wesentlich wird darüber hinaus aber auch die Perspektive empfunden, in seinem Job das tun zu können, was man besonders gut kann. Für das Betätigungsfeld einer Lehrkraft trifft das wohl auf das Unterrichten zu – sowie auf die entsprechende Vor- und Nachbereitung des Unterrichts.

Weitere Pflichten

Grundsätzlich darf durchaus davon ausgegangen werden, dass die meisten Lehrpersonen eine besondere Bindung zu dem von ihnen in der Ausbildung gewählten Fach und zur Tätigkeit des Unterrichtens selbst mitbringen. Diese Kernkompetenz geht nun im System Schule aber mit einigen weiteren Pflichten einher. Altbekannt ist in diesem Zusammenhang das Problem der administrativen Zusatzbelastung.

Bis zu einem gewissen Grad ist eine solche auch im Idealfall nicht vermeidbar, in der jüngsten Vergangenheit nimmt sie jedoch merkbar zu: Kompetenzmessungen, Leistungsevaluationen, die Beantwortung von (meist digitalen und damit niederschwelligen) Anfragen Erziehungsberechtigter oder die Servicierung digitaler Endgeräte gehören mittlerweile Standardmäßig zum Aufgaben-Repertoire. Weitere nichtlehrende Tätigkeiten betreffen vor allem den Sozialbereich. Nicht erst seit der Corona-Pandemie gilt die Lehrperson – mangels unterstützenden Personals – häufig als Anlaufstelle für Schülerinnen und Schüler mit psychosozialen Problemen. Die Nachwirkungen der Lockdowns verstärken dieses Problem freilich.

Trojanisches Pferd

Besonders hart trifft es, mit Blick auf die genannten Herausforderungen, Lehrende, deren Anstellungsverhältnis auf dem neuen Lehrerdienstrecht basiert. Dieses sieht ein Mehr in allen angesprochenen Bereichen vor. Die ebenfalls mit diesem Dienstrecht verbundene Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung entpuppt sich dann womöglich als trojanisches Pferd: Die gesteigerte Zeit in der Klasse könnte bei alldem, was sonst noch bewältigt werden möchte, zulasten der Unterrichtsqualität gehen.

Es ist offensichtlich, dass auf den Schultern der österreichischen Lehrerschaft einiges lastet. Dass das auch auf andere Berufsgruppen zutrifft, ist ebenso offensichtlich. Entscheidend ist aber, dass den Lehrerinnen und Lehrern allerhand zugemutet wird, was eigentlich nicht in ihrem Wirkungsbereich liegen dürfte. In Anbetracht dessen darf stark bezweifelt werden, dass die vielbeschworenen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die gerne als Patentrezept für das Problem des Lehrermangels herhalten müssen, für diesen Beruf gewonnen werden können.

Künftige Reformen haben vor allem eines zu leisten: die Lehrerinnen und Lehrer wieder an ihre originäre Tätigkeit heranzuführen. (Georg Platzer, 23.12.2022)