Eine Lichterkette beleuchtet den Gang, in dem am Boden und an der Wand befestigt Rattan lagert. Wagt man sich weiter vor, durch einen Vorhang aus Luftpolsterfolie, wird man für die Neugier belohnt, denn in Thomas Poganitschs Werkstatt im zweiten Wiener Gemeindebezirk gibt es viel zu sehen. Aufgeteilt in kleinere Nischen und Ecken werden hier von Poganitsch und zwei Mitarbeitenden Produkte wie Zuckerdosen oder Wandhaken hergestellt – mal mit Betonstaub am Boden, Silikonformen oder schimmerndem Blattmessing.

Und zwischen Beizbecken, Werkbank und Rattan entstehen hier auch Wiener Zeitungshalter, wie man sie aus Kaffeehäusern kennt. Der Zeitungshalterraum wirkt wie das Herzstück der verwinkelten, aber großen Werkstatt. In einem Kamin brennt Feuer, auf einer kleinen Kochstelle brodelt der Kaffee, darüber hängen kleine Klebenotizen.

Der Rattanstab wird in Form gebogen.
Foto: Heribert Corn

Seit 2017 stellt Poganitsch Zeitungshalter her. Zuerst legt der 35-Jährige dafür eine Form in der gewünschten Größe bereit und nimmt einen Rattanstab zur Hand. Dann wird das Material in die Schablone gebogen. Dabei hilft die Hitze eines Heißluftföhns. Manchmal, wenn etwa viel zu tun ist, legt er die Stäbe davor auch kurz in Wasser ein. So werden sie biegsam, allerdings berge die Einweichtechnik, die laut Poganitsch vom klassischen Korbflechten kommt, auch die Gefahr, dass das Material bricht oder die Oberfläche ein bisschen an Glanz verliert.

Überlieferung und Nachbau

Poganitsch arbeitet routiniert. Neben Rattan verwendet er Buchenholz für Griff, Mittelstab und Seitenteil. Er tackert, hämmert, biegt Metall zurecht. Nebenbei erklärt er, dass die Halter in den Schablonen trocknen müssten – im Sommer länger als im Winter.

Manche Zeitungshalter werden gebeizt, so verändert sich die Farbe. Es sieht einfach aus, wie Poganitsch den Halter baut, doch die Arbeit ist anstrengend: "Es geht ganz viel um Kraft in den Fingern", sagt er. "So viele kannst du gar nicht machen am Tag. Wenn wir alle Formen einmal durchmachen, tun mir die Hände schon weh."

Thomas Poganitsch stellt im zweiten Wiener Gemeindebezirk Zeitungshalter in unterschiedlichen Farben und Größen her.
Foto: Heribert Corn

Etwa zwanzig Formen haben er und sein Team. Ein paar davon wurden zuvor lange von der traditionellen Korbflechterfamilie Tuschel verwendet, Poganitsch führt heute ihr Handwerk der Zeitungshalterherstellung fort. Die restlichen Formen sind nachgebaut. Auch ein Drahtschneidegerät und kleinere Werkzeuge gelangten über Umwege von der Familie zu ihm.

Verflechtungen nach Korneuburg

Familie Tuschel hatte viele Jahrzehnte lang eine Werkstatt für Flechtwaren in Korneuburg. 1879 gegründet, wurde das Gewerbe über Generationen weitergegeben, wie Dorit Tuschel, Jahrgang 1927, und ihre Tochter Lieselotte Nöbauer an einem kalten Dezembertag erzählen. Die Garderobe Frau Tuschels ist mit Flechtkunst verziert, ein paar Schritte weiter hängt ein Zeitungshalter an der Wand, in einem Zimmer steht ein Schaukelstuhl mit geflochtener Sitzfläche und Lehne.

Dorit Tuschel stand früher im familiengeführten Geschäft, wo über die Jahre allerlei Verschiedenes verkauft wurde – von Besen über Gitterbetten, Skier und Spielsachen bis zu Bastelsachen und Zeitungshaltern. Ihr schon verstorbener Mann Johann Tuschel war dagegen in der Korbflechterwerkstatt zugange, die er später an seinen gleichnamigen Sohn übergab. Dort wurden im Lauf der Geschichte etwa Babykörbe, Erdäpfelkörbe für die Arbeit am Feld und Einkaufskörbe hergestellt.

Wann genau die Zeitungshalter als Produkt dazukamen, lässt sich mittlerweile nicht mehr rekonstruieren – trotz eines handschriftlichen Textes von Johann Tuschel aus den 1980ern und Schwarz-Weiß-Fotografien. Aber sicher ist, dass der 1923 geborene Johann Tuschel Zeitungshalter hergestellt hat.

Johann Tuschel, geboren 1923, mit den Armen voller Flechtprodukten.
Foto: privat

Seine Tochter Lieselotte Nöbauer ist 66, trägt Perlenschmuck und Kurzhaarschnitt. Sie erzählt Geschichten über das Leben im Familienbetrieb. Etwa von einer Mitarbeiterin, die sie samt Zeitungshalterform ins Krankenhaus brachte, weil sie sich beim Zusammenbauen eines Halters den Finger festgetackert hatte. "Die war flott", sagt Nöbauer: "Einmal war sie zu flott." Nöbauer erinnert sich auch, wie sie ihre Tochter in Italien besuchte und im Caffè Florian in Venedig war. "Und was hängt dort? Zeitungshalter von der Firma Tuschel!"

Halter in neuen Händen

Einer, der sich noch an Dorit Tuschels verstorbenen Mann erinnern kann, ist Luc Bouriel. Dem heute 37-Jährigen, der durch eine Permakulturausbildung in Irland zum Flechten und der Liebe wegen ins österreichische Korneuburg kam, fiel die Korbflechterei der Familie Tuschel auf. "Ich bin einfach einmal reinspaziert in das Geschäft und habe gefragt, ob ich mit dem Mann reden kann, der das flechtet", erinnert er sich. Dabei blieb es nicht.

Johann Tuschel brachte ihm ein paar Flechttechniken bei und schulte ihn in die Zeitungshalterherstellung ein. "Er war einer, der wollte nicht aufhören zu arbeiten", sagt Bouriel am Telefon. "Er war auch ziemlich stur, er ist mit Stock in der Werkstatt gewesen und wollte immer selber diese Bündel tragen und selber die Sachen holen, die hoch oben in einem Regal waren."

Die Werkstatt ist nun seit Jahren geschlossen. Bouriel übernahm die Zeitungshalterproduktion von der Familie, bevor er sie später an Poganitsch weitergab. Ein Grund, warum die Werkzeuge ein weiteres Mal Besitzer wechselten, ist laut Bouriel, dass zu wenig Zeit zum Flechten blieb. "Ich habe immer noch das Gefühl, dass es ein schönes Produkt ist, ein traditionelles Produkt, aber ich habe bemerkt, das ist nicht so meine Aufgabe."

Luc Bouriel übergab die Produktion der Zeitungshalter an Thomas Poganitsch, der hier in seiner Werkstatt zu sehen ist.
Foto: Heribert Corn

Vom Handwerk zum Design

Poganitsch kommt aus einer anderen Richtung als Bouriel und Tuschel. Nicht vom Handwerk, sondern vom Produktdesign. Er erinnert sich, wie er noch überlegte, ob er die Zeitungshalterproduktion übernehmen will: "Jeder hat mir davon abgeraten, aber ich war dann irgendwie so überzeugt davon, dass ich einfach gesagt hab: Nein, das will ich jetzt machen."

Ein paar alte Kunden blieben, doch Poganitsch suchte auch neue im Designbereich, fuhr auf Messen, überlegte sich eine Vermarktungsstrategie. Der Herstellungsprozess blieb im Wesentlichen gleich, einzelne Ideen wie der Föhn kamen dazu. Etwa 2000 Halter stellt Poganitsch nun mit seinem Team nach eigenen Angaben im Jahr her.

Die Herstellung ist auch Detailarbeit.
Foto: Heribert Corn

Der 35-Jährige glaubt, dass es auch inspirierend für andere sein könnte, zu sehen, "dass man Produkte neu denken kann. Dass man Produkten, die es schon ewig gibt, einfach eine zweite Chance gibt und sie einfach ein bisschen rausholt aus einem verstaubten Umfeld." Seine Zeitungshalter landeten einerseits bei Leuten zu Hause, aber auch in Cafés, Bars und Hotels, erzählt er. Manche Exemplare seien sogar bis Mallorca, China und New York gekommen.

Doch bevor die Halter ausgeliefert werden, beginnt alles hier in alter Tradition – mit einer Schablone auf der Werkbank und einem Stück Rattan in den Händen. (Christina Rebhahn-Roither, 11.1.2023)