Was wir dieser Tage in den TV-Berichten aus London sehen – den Zusammenbruch des Gesundheitswesens mit streikenden Rettungssanitätern und chaotische Zustände im Eisenbahnverkehr und Postbetrieb infolge von Streiks – ist nicht nur, aber auch eine Quittung für die dreizehn Jahre der von Überheblichkeit und Ignoranz geprägten Politik der regierenden Konservativen.

Der britische Premierminister Rishi Sunak spiegelt den Erfolg einer Einwanderungsgesellschaft.
Foto: AP/Leon Neal

Den Weg zur größten Staatskrise der britischen Geschichte leitete die vor zehn Jahren gehaltene programmatische Rede des Premierministers David Cameron ein. Er hatte eine radikale Reform der Europäischen Union gefordert und ein Referendum darüber angekündigt, ob im Fall der Ablehnung das Land aus der EU austreten soll. Cameron gewann zwar die absolute Mehrheit der Mandate bei der Wahl 2015, aber seine Rede setzte Kräfte frei, die weder er noch seine Nachfolger zähmen konnten.

Bekanntlich stimmten 52 Prozent der Briten für den Brexit am 23. Juni 2016, und der für die weitere EU-Mitgliedschaft werbende Cameron trat sofort zurück. In den turbulenten Jahren der Intrigen und Machtkämpfe innerhalb der konservativen Regierungspartei, der Verhandlungen mit der EU und der Regierungskrisen spielte Boris Johnson als Hauptdarsteller eine unheilvolle Rolle. Als Außenminister (2016–2018) und Regierungschef (2019–2022) verstrickte er sich wiederholt in Widersprüche und Lügen.

Lachnummer

Aus einem Modell der Stabilität sei Großbritannien zu einer globalen Lachnummer mit drei Premierministern und vier Finanzministern im Jahr 2022 geworden, stellte der angesehene Londoner Economist fest und fügte hinzu, ohne Brexit wäre die Wirtschaft um fünf Prozent größer geworden. Zwischen 2016 und 2021 sanken die Investitionen um 25 Prozent. Kein Wunder, dass laut den jüngsten Umfragen 60 Prozent der Briten glauben, dass der Brexit ein Fehler gewesen ist. Im Gegensatz zur düsteren Stimmung im Lande blüht allerdings die Einmannfirma B. Johnson Inc.

Allein für eine 35-minütige Rede vor US-amerikanischen Versicherungsmaklern in Colorado Springs erhielt Johnson im Herbst 315.000 Euro, mehrals sein Jahressalär als Premierminister. Er soll an einer Shakespeare-Biografie arbeiten und für seine Memoiren ein Millionenhonorarangebot bekommen haben.

Die Persönlichkeit seines Nachnachfolgers, des 42-jährigen Rishi Sunak, spiegelt jedenfalls den Erfolg einer Einwanderungsgesellschaft. Er ist der erste Premier aus einer indischen Migrantenfamilie, die sich von unten hochgearbeitet hat. Zugleich gilt der Finanzmanager durch seine Heirat mit einer indischen Konzernerbin als der reichste Politiker mit einem geschätzten Privatvermögen von 730 Millionen Pfund.

In diesem Sinne symbolisiert der praktizierende Hindu auch die bereits von dem konservativen Premier Benjamin Disraeli (1874– 1880) beklagte Spaltung "zwischen zwei Nationen", einer der Reichen und einer der Armen, die kaum Kontakte miteinander haben. Diese einzigartige Mischung von Licht und Schatten aus der britischen Geschichte im Bild seiner Persönlichkeit überschattet auch die anscheinend hoffnungslosen Bestrebungen des jüngsten Premiers seit 1812, die explosiven sozialen Spannungen zu entschärfen. (Paul Lendvai, 10.1.2023)