Sozial- und Wirtschaftswissenschafter Paul Reinbacher schreibt in seinem Gastkommentar über den ewigen Streit über die Sinnhaftigkeit der Ganztagsschule. Lesen Sie dazu auch den Beitrag "Die Unmenschlichkeit im Bildungssystem" von Georg Koenne.

Debatten über das Bildungs- und Schulsystem sind in Österreich grundsätzlich ein unübersichtliches, von parteipolitischen Gräben durchzogenes sowie in großen Teilen ideologisch vermintes Gelände, auf dem die empirische Bildungsforschung sich meistens zwischen so gut wie allen Fronten befindet. Unabhängig davon, dass nationale und internationale Befunde zur pädagogischen Wirksamkeit der Ganztagsschule noch immer einigermaßen "unübersichtlich" sind, wie der Nationale Bildungsbericht aus dem Jahr 2018 leicht resignativ resümieren musste, gilt der Ausbau ganztägiger schulischer Angebote in weiten Kreisen als bildungspolitischer Königsweg.

Wie lange sollen Kinder und Jugendliche in der Schule sein? Was ist besser: halbtags oder doch ganztags?
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Vor dem Hintergrund der ambivalenten Forschungslage und in Ermangelung eindeutiger empirischer Evidenzen entpuppen sich Plädoyers für die verpflichtende Ganztagsschule auf den zweiten Blick immer wieder als durch plausible Vermutungen gestützte pragmatische Forderungen einer nicht selten naiven normativen Pädagogik, hinter denen handfeste Interessen unterschiedlicher Lobbys stehen. Zu diesen zählen insbesondere die Wirtschaftskammer als Arbeitgebervertretung auf der einen Seite, die Arbeiterkammer als Arbeitnehmervertretung auf der anderen Seite.

Gesteigerte Erwerbstätigkeit

Beide Seiten eint (trotz aller Unterschiede in anderen Fragen) das Ziel einer gesteigerten Erwerbstätigkeit von Eltern schulpflichtiger Kinder, vor allem von Müttern, die durch ganztägige schulische Angebote von familiären Betreuungsaufgaben zu Hause entlastet werden und stattdessen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten. Da sich in einem Ländervergleich zeigt, dass höhere Frauenerwerbsquoten mit höheren Fertilitätsraten einhergehen, ließe sich so indirekt auch der langfristigen demografischen Entwicklung gegensteuern.

Plädoyers für die Ganztagsschule werden damit zusehends zu einem sowohl (neo)sozialistischen als auch (neo)liberalen Projekt, bei dem sich die Pädagogik in den Dienst der Politik zur Bildung der Gesellschaft stellt, sodass wir es über weite Strecken mit einer bloß bildungspolitisch verbrämten, im Kern aber vorrangig ökonomisch orientierten, sozial- und wirtschaftspolitischen Argumentationslinie zu tun haben. Dies mag daran liegen, dass es sich bei der Rede von Bildung um eine "verzuckerte Kontingenzformel" unserer zeitgenössischen Gesellschaft handelt. Diese lässt sich dem Soziologen Niklas Luhmann zufolge nach weitgehender inhaltlicher Entleerung heute vor allem floskelhaft gebrauchen und in Diskussionen für unterschiedliche Positionen den jeweiligen Opportunitäten gemäß in Anschlag bringen – Entfaltung, Emanzipation, Employability.

Während in jüngster Zeit viele Schulreformen am Ideal der "Kostenneutralität" ausgerichtet waren und nicht zuletzt deshalb an den Klippen der Realität zerschellen mussten, ist die Gretchenfrage in der Diskussion über die Einführung einer flächendeckenden, verpflichtenden Ganztagsschule weniger eine pädagogische als vielmehr eine ökonomische. Sie betrifft zum Beispiel die Unklarheit darüber, wie hoch angesichts des kurz- und mittelfristig zweifellos erhöhten Bedarfs an Investitionen (etwa in den Umbau der Gebäude und in den Ausbau der jetzt im Wesentlichen auf Lehrpersonal beschränkten Stellenpläne) ein etwaiges errechnetes, langfristiges Einsparungspotenzial aufgrund eines geringeren Anteils an Schulabbrechern oder Analphabeten unter den Abgängerinnen und Abgängern des Schulsystems überhaupt sein kann.

Einfache, falsche Lösung

Aus der mit dem Eintreten von prognostizierten Erwartungen einhergehenden Unsicherheit speist sich die Attraktivität vorschneller, manchmal sogar vorsätzlicher Vereinfachungen. Solche "Fehlvereinfachungen" bergen jedoch die Gefahr einer zu radikalen Reduktion der Komplexität. Bekanntlich gibt es für jedes komplexe Problem eine einfache, aber leider falsche Lösung. Dies wiederum entspricht dem Charakter politischer Positionen, die unmittelbar auf Entscheidungen beruhen und nur mittelbar auf Evidenzen, da aus diesen keine eindeutigen Handlungsempfehlungen folgen.

"Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden", hat es der Kybernetiker Heinz von Förster einst auf den Punkt gebracht. Für die Frage, ob es sich bei der Ganztagsschule um den bildungspolitischen Königsweg handelt oder man besser auf die Halbtagsschule setzen sollte, heißt das letztlich, dass es hier möglicherweise gar nicht darum geht, die bessere von zwei Optionen zu wählen, sondern den Mut zu einer klaren Entscheidung an den Tag zu legen. Dies steht hierzulande allerdings im Widerspruch zur Tradition der sprichwörtlichen "österreichischen Lösung", die sich bemüht, eine solche Klarheit zu vermeiden. (Paul Reinbacher, 11.1.2023)