Veronika (rechts) und Elisabeth Aigner ist keine Piste zu steil.

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Guide Elisabeth fährt vorneweg und gibt Kommandos.

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Auf die rennfertige Streif trauen sich nur die kühnsten Skifahrer – mit entsprechender Ausrüstung und nicht mit gewöhnlicher Handelsware. Um den wohl steilsten Eislaufplatz der Welt bezwingen zu können, braucht es neben Können und einer großen Portion Mut auch Rennlatten mit scharfen Kanten.

Als mit Mastercard der Premiumsponsor der Hahnenkammrennen und ihr neuer Kopfsponsor für 2023 anfragte, musste die 19-jährige Veronika Aigner nicht lange überlegen, auch wenn sie stark sehbeeinträchtigt ist und nur über acht Prozent Sehstärke verfügt. Österreichs Parasportlerin der Jahre 2020 und 2022 schnallte an, begab sich mit ihrer Schwester Elisabeth (24) als Guide im Vorfeld der Hahnenkammrennen auf eine der schwierigsten Abfahrtsstrecken und wagte ein Unterfangen, das sich die Mehrheit der Sehenden nicht zutraut.

Unterstützung

"Die Streif", sagt Veronika, "sieht im Fernsehen viel flacher aus. Im Starthaus glaubst du, dass die Piste nicht vor, sondern unter dir liegt." Trotzdem sei sie relativ entspannt geblieben. Elisabeth: "Manchmal ist es besser, wenn man weniger sieht. Je länger man unterwegs ist, umso sicherer fühlt man sich."

Die Schwestern fahren seit sieben Jahren Rennen. Bei den Paralympics 2022 in Peking haben sie Gold im Slalom und Riesentorlauf gewonnen, obwohl sich Veronika im Jänner 2021 schwer verletzt hatte. Kreuzband, Seitenband und Meniskus in beiden Knien waren gerissen. Elisabeth: "Dabei war ich nicht Guide."

Ihre ebenso von Geburt an sehbeeinträchtigte Mutter Petra hat sie stets unterstützt. "Macht das, was euch Freude macht", hat sie immer wieder gesagt. Ihr selbst wurde als Kind allzu viel verboten.

Erfolge garantiert

In dieser Weltcupsaison haben die Aigner-Schwestern bei sechs Starts fünf Siege gefeiert. "Wir haben schon zum Zählen aufgehört", sagt Veronika, die nach der Skimittelschule Lilienfeld in die HAK in Waidhofen an der Ybbs wechselte.

Auch ihre ebenso seheingeschränkten Geschwister Johannes und Barbara sind im Paraweltcup aktiv. Der Bruder hat sechs Siege in sechs Rennen verzeichnet, die Schwester einen. In Peking hat die Familie Aigner neun von 13 Medaillen abgeräumt. Barbara stand mit Thomas Sykoras Tochter Klara als Guide (Silber und Bronze) mit ihren Schwestern zweimal auf dem Podest.

Die Familie betreibt in Gloggnitz einen Reiterhof samt Landwirtschaft mit Direktvermarktung. Drei der fünf Aigner-Kinder haben eine Sehbehinderung, sie leiden von Geburt an unter grauem Star. Aber alle fahren Skirennen. Früher war Veronika mit ihrer Schwester Irmgard als Guide unterwegs. Das Duo harmonierte nicht, es wurde viel gestritten. Veronika und Elisabeth hingegen streiten nie, sagen sie. Als Guide muss Elisabeth auf einen optimalen Abstand achten und alles Wesentliche über Funk und Headset der ihr nachfahrenden Schwester durchgeben.

In Hinblick auf die nächste Woche steigende Para-WM in Spanien haben die Aigners allerdings nicht die gesamte Streif befahren, sondern die schwierigsten Abschnitte ausgelassen, auch wenn sie sich diese zutrauen. Aber das wäre vielleicht ein zu großes Risiko gewesen. Das Ziel in Espot in den Pyrenäen ist eine Medaille. Sie werden aber nach Kitzbühel zurückkommen, schon im Februar steht ein Rennen am Ganslernhang an. Veronika schwärmt vom Slalomhang. Polizeisportlerin Elisabeth: "Schön, dass du blind bist."

Mittel gesucht

International werde sehr viel mehr Geld investiert als in Österreich, sagt Gernot Uhlir, Geschäftsführer der Österreichischen Sporthilfe. "Wir können Spitzenathletinnen wie Veronika und Elisabeth nur unterstützen, wenn dafür Partner aus der Wirtschaft gewonnen werden können." In der Schweiz werden im Vorfeld der Rennen immerhin Plakate aufgehängt. "Sie geben sich Mühe", sagt Elisabeth. Das Preisgeld ist keine Motivation, es hält sich sehr im Rahmen. "Wir fahren Rennen, weil wir es gerne tun."

Die Wahrnehmung ihrer Leistungen in der Öffentlichkeit ist insbesondere durch die Paralympics und die Sporthilfegala gestiegen. Veronika: "Wir sind auf bestem Wege, dass wir und unser Sport mehr Aufmerksamkeit bekommen." (Thomas Hirner, 19.1.2023)