Nicht nur die alten Hasen der "Big Four" (PwC, Deloitte, KPMG und EY) sollen den Prüfermarkt beherrschen, die EU-Kommission will eigentlich mehr Anbieter.

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Die Aufarbeitung des milliardenschweren Bilanzskandals bei Wirecard beschäftigt Gerichte ebenso wie die EU-Kommission. Diese wollte eigentlich längst Verbesserungsvorschläge auf den Tisch legen und Wirtschaftsprüfer verstärkt an die regulative Leine nehmen. Dass der deutsche Zahlungsdienstleister jahrelang mit frisierten Bilanzen beim Prüfer EY durchgekommen ist, zeigte der zuständigen Kommissarin Mairead McGuinness Reformbedarf für die Branche. Bis Ende 2022 wollte die Irin ein Reformpaket präsentieren – doch ein solches dürfte nun erst gar nicht geschnürt werden.

In dieser Legislaturperiode werde es wohl nicht dazu kommen, bestätigte die Kommission dem Handelsblatt. Sprich, damit dürfte das Vorhaben bis zur Europawahl 2024 auf Eis liegen. Ob die Brüsseler Behörde es danach angeht, ist derzeit allerdings ungewiss. Eine strengere Regulierung braucht die Branche vorerst nicht zu erwarten – und somit auch nicht eine befürchtete Pflicht zur Abspaltung der Prüfer vom lukrativeren Beratungsgeschäft.

Andere Prioritäten

Die Kommission will aber vorbereitende Arbeiten für die Prüferreform bis dahin weiterführen. Für die Verschiebung führt die Brüsseler Behörde den Ukraine-Krieg und die Energiekrise als Ursachen an. Prioritäten seien deshalb neu gesetzt worden, zudem habe auch eine Marktstudie der Prüferbranche länger gedauert.

Diese wurde im Dezember vorgelegt und zeigt weiterhin eine hohe Marktkonzentration – die Branche wird de facto von den "Big Four" PwC, Deloitte, KPMG und EY beherrscht. Das ist nicht im Sinne der Kommission, die dies eigentlich schon durch die letzte Reform 2016 mit einer Rotationspflicht für Wirtschaftsprüfer aufweichen wollte. Mit mäßigem Erfolg: Von den 40 Konzernen des deutschen Leitindex Dax werden etwa fast alle von den Big Four geprüft. Nur der Softwareerzeuger SAP setzt mit BDO auf einen anderen Anbieter.

Gemeinsame Prüfungen

Finanzexperte Sebastian Mack von der Berliner Hertie School of Governance hält die Verschiebung der Reform nicht für gerechtfertigt. Er will den Wettbewerb durch geteilte oder gemeinsame Prüfmandate ankurbeln, an denen ein Anbieter beteiligt sein muss, der nicht zu den Big Four zählt. Der deutsche Branchenvertreter, das Institut der Wirtschaftsprüfer, hat dies freilich bereits angelehnt.

Zudem spricht sich Mack für ein Verbot von Beratungen und Prüfungen für denselben Mandanten aus. Er erwartet aber starken Gegenwind aus der Branche: "Der Widerstand der etablierten Player wird auch diesmal groß sein." Doch die Politik dürfe sich davon nicht abschrecken lassen. Will sie Skandale wie Wirecard künftig verhindern, müsse sie grundlegende Reformen anstoßen. (Alexander Hahn, 24.1.2023)