München – Am Montag dürfte es also wirklich so weit sein, der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun beginnt mit seiner Aussage. Das hieß es auch im Jänner und am vergangenen Donnerstag, mittlerweile sind sich im Gerichtssaal aber alle einig, dass Zeitpläne in diesem Prozess unwesentlich mehr als ein Gedankenspiel sind. Der Sachverhalt ist äußerst komplex, und die jeweiligen Stellungnahmen dauern dementsprechend lang.

Noch mal auf einen Blick: 2020 hat es den Zahlungsdienstleister und einstigen Börsensuperstar Wirecard zerrissen, weil 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz mangels Existenz nicht zu finden waren. Vor Gericht stehen der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun, der Ex-Chefbuchhalter Stephan von Erffa und der Dubai-Statthalter Oliver Bellenhaus. Letzterer ist Kronzeuge der Staatsanwaltschaft und belastet die beiden anderen mit seinen Aussagen schwer.

Geschäftsmodell erklären

Seit Wochen sitzt Markus Braun stoisch im Gerichtssaal in München-Stadelheim und hört zu. Mal faltet er die Hände, mal tippt er etwas in seinen Laptop, mal kaut er ein bisschen auf seiner Unterlippe. Die Miene verzieht er aber nicht, egal ob vom Kronzeugen schwere Anschuldigungen kommen oder sein Verteidiger Alfred Dierlamm seine Unschuld beteuert. Dass er seit mehr als 2,5 Jahren in Untersuchungshaft sitzt, sieht man ihm kaum an. Etwas abgenommen dürfte er haben, obwohl er immer schlank war. Sein Auftreten ist nach wie vor selbstbewusst.

Markus Braun war Vorstandschef von Wirecard, galt als IT-Wunderwuzzi und als jener Mann, mit dem Deutschland digital aufholt. Na ja!
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"Ich werde am Montag das Geschäftsmodell von Wirecard erklären. Ich werde frei sprechen, und es wird etwa zwei bis drei Stunden dauern", sagte Braun am Donnerstagnachmittag, bevor die Verhandlung unterbrochen wurde. Er würde auch unmittelbare Fragen des Richters beantworten. Richter Markus Födisch, Leidgeprüfter der Uhr, kündigte viele Fragen an Braun an und geht davon aus, dass Braun wohl mehrere Tage an der Reihe sein werde. Welche Strategie der 54-jährige Wiener verfolgen wird, ist seit dem ersten Verhandlungstag klar. Er sei das Opfer, der ganze Betrug sei hinter seinem Rücken passiert.

Sein oder nicht sein: das Drittpartnergeschäft

Einer der zentralen Punkte des Prozesses ist das Drittpartnergeschäft (TPA) von Wirecard. Laut Bellenhaus hat es dieses nie gegeben. Er sei der "Rainmaker" gewesen, er habe es "Geld regnen lassen", das TPA-Geschäft habe nur dazu gedient, um Umsätze aufzublähen. Bei all den Lügen wäre für echte Kunden gar keine Zeit geblieben, meinte er vor Gericht. Brauns Verteidigung zufolge habe das Geschäft zumindest in Teilen sehr wohl existiert, Erträge seien von Bellenhaus und dem flüchtigen Jan Marsalek aber beiseitegeschafft worden.

Dierlamm verschärfte am Donnerstag noch mal den Ton. Bellenhaus sei ein professioneller Lügner, und er habe 340 Millionen Euro veruntreut, die nach wie vor in Hongkong liegen. Zuvor hatten sowohl Dierlamm als auch von Erffas Verteidigung den Kronzeugen stundenlang mit Fragen zu seiner Aussage gelöchert, Bellenhaus machte jedoch von seinem Schweigerecht Gebrauch und beantwortete nichts.

Kronzeuge Oliver Bellenhaus bezeichnet die Verteidigungstrategie von Markus Braun als Verschwörungstheorie. Brauns Anwalt nennt Bellenhaus einen professionellen Lügner. Es hat etwas von einem wirtschaftsstrafrechtlichen Rosenkrieg.
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Sammelklagen

Unterdessen gab es Ende vergangener Woche einen Rückschlag für Aktionäre. Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt haben sie keinen Anspruch auf Schadenersatz für ihre Kursverluste gegen die deutsche Finanzaufsicht Bafin, wie das Berufungsgericht in zweiter Instanz ein Urteil des Landgerichts Frankfurt bestätigte. Ein Anleger hatte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht wegen angeblicher Versäumnisse bei der Aufsicht über Wirecard und wegen Amtsmissbrauchs verklagt.

Von Markus Braun selbst dürfen Aktionäre aber ebenso wenig eine Entschädigung für ihre zusammengerechnet milliardenschweren Kursverluste erwarten wie von dem insolventen Unternehmen selbst. Viele weichen deshalb auf Klagen gegen die Bafin oder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY aus, die die Bilanzen von Wirecard jahrelang bestätigt hatte. (Andreas Danzer, 13.2.2023)