Jasmine Flury konnte es selbst kaum fassen.

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Nina Ortlieb (Startnummer fünf) konnte beim Abschwingen nicht ahnen, dass sie so knapp an Gold vorbeischrammen wird.

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Eine strahlende Silbermedaillengewinnerin.

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Ein kaum für möglich gehaltenes Podest mit Ortlieb, Flury und Suter.

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Méribel – Die alpine Ski-WM in Courchevel/Méribel ist um eine Sensation reicher. Nach dem überraschenden Goldmedaillengewinn des Kanadiers James Crawford im Super-G ist am Samstag Jasmine Flury in 1:28,03 Minuten völlig unerwartet zur Weltmeisterin in der Abfahrt avanciert. Viel fehlte nicht und Nina Ortlieb hätte sich Gold geschnappt. Die Vorarlbergerin musste sich auf der "Roc de Fer" letztlich nur um vier Hundertstel der 29-jährigen Schweizerin beugen und mit Silber begnügen. Bronze ging an Corinne Suter, die Schweizerin verpasste Gold nur um 0,12 Sekunden. Die 28-Jährige hatte bei Olympia in Peking und bei der WM in Cortina d’Ampezzo Gold in der Abfahrt gewonnen.

Blech für Hütter und Puchner

Die Österreicherinnen präsentierten sich stark. Die Super-G-Bronzene Cornelia Hütter landete zeitgleich mit Mirjam Puchner 0,25 Sekunden hinter Bronze auf Rang vier. Stephanie Venier (+0,57) belegte den siebenten Platz. Sie hatte sich als Schnellste im Mittwoch-Training in der internen Qualifikation einen Startplatz gesichert und war bis Samstag die bislang letzte österreichische WM-Medaillengewinnerin in der Abfahrt. Sie hatte 2017 in St. Moritz Silber gewonnen. Bisher letzte Weltmeisterin aus Österreich war Elisabeth Görgl 2011 in Garmisch-Partenkirchen.

Nach 19 Operationen zu Silber

"Ich war nicht zufrieden, als ich im Ziel angekommen bin und Zweite war, weil mir keine perfekte Fahrt gelungen ist. Aber ich wusste auch, dass eine perfekte Fahrt schwierig ist." Es sei unglaublich und schwer in Worte zu fassen, was in ihr vorgehe, ganz realisieren könne sie es noch nicht. "Es waren zwei kleine Fehler drinnen, die ich mir einfach sparen hätte können. Am Limit passieren Fehler. Es war einer zu viel für die Goldene, aber ich habe heute die Silberne gewonnen", sagte Ortlieb.

Die Tochter von ÖSV-Finanzreferent und Olympiasieger Patrick Ortlieb hat es gerade noch zur WM geschafft, erst zwei Tage vor ihrer Fahrt zu Silber wurden Fäden von ihrer 19. Operation entfernt. Sie hatte sich erst Ende Jänner bei einem Sturz in der Abfahrt von Cortina eine Gehirnerschütterung zugezogen und kam mit lädiertem Knie nach Méribel. Ein Jahr davor hatte sie sich bei einem Sturz in der Abfahrt von Crans-Montana Kreuzband, Innenband, Außenmeniskus und Patellasehne im rechten Knie gerissen.

Ortlieb hat mit dem Super-G im Februar 2020 in La Thuile in Italien erst ein Weltcuprennen gewonnen und stand bisher dreimal auf einem Podest. Mit Platz zwei in der Abfahrt von Lake Louise Anfang Dezember hat sie sich das WM-Ticket gesichert.

Fünf Medaillen für Österreich

Für das bislang schwächelnde Schweizer Team sind es die Medaillen zwei und drei, nachdem Wendy Holdener in der Kombination Silber gewonnen hatte. Österreich hält nach Silber durch Marco Schwarz (Kombination) und Ortlieb, sowie Bronze durch Hütter (Super-G), Raphael Haaser und Ricarda Haaser (je Kombination) bei fünf Stück, nimmt aber auf Grund einer fehlenden Goldmedaille nur den fünften Platz in der Medaillenwertung ein, während die Schweiz hinter Italien (zweimal Gold) auf Rang zwei rangiert.

Erst ein Weltcupsieg für Flury

Flury hat bisher auch erst ein Weltcuprennen gewonnen und das ist schon ein Zeiterl her: Im Dezember 2017 hatte sie in St. Moritz einen Super-G für sich entschieden. Im Jänner 2022 hatte sie in der Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen mit Platz zwei hinter Suter ihren zweiten und bislang letzten Weltcup-Podestplatz geholt. "Heute ist mir ein super Lauf gelungen, es ist unglaublich. Das werde ich jetzt so richtig genießen", sagte Flury.

Geschlagene Favoritinnen

Die Topfavoritin Sofia Goggia verpasste erneut eine WM-Medaille in der Abfahrt, nachdem sie die Heim-WM in Cortina verletzt auslassen musste. Die Italienerin vergab ihre Chancen mit einem Verschneider im unteren Streckenabschnitt, rammte ein Tor und wurde disqualifiziert. 2018 hatte sie bei Olympia in Pyeongchang Abfahrtsgold geholt. Sie nahm ihr Scheitern relativ gefasst: "Der Druck war nicht der Grund, das ist der Sport. Du bist die Favoritin, aber manchmal holst du die Medaille nicht, das gehört zum Sport dazu. Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Auch andere Mitfavoritinnen fuhren auf der mit 2.413 Meter vergleichsweise kurzen WM-Abfahrt deutlich an Medaillen vorbei. Die Slowenin Ilka Stuhec, Weltmeisterin 2017 und 2019, wurde Sechste, die Schweizerin Lara Gut-Behrami kam nicht über Rang neun hinaus.

Nach dem Rennen wurde in einer Trauerminute der Italienerin Elena Fanchini gedacht, die am Mittwoch mit 37 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung starb. (Thomas Hirner aus Méribel, 11.2.2023)

WM-Abfahrt der alpinen Ski-Frauen am Samstag in Meribel:

1. Jasmine Flury (SUI) 1:28,03
2. Nina Ortlieb (AUT) +0,04
3. Corinne Suter (SUI) +0,12
4. Mirjam Puchner (AUT) +0,37
. Cornelia Hütter (AUT) +0,37

6. Ilka Stuhec (SLO) +0,42
7. Stephanie Venier (AUT) +0,57
8. Kira Weidle (GER) +0,61
9. Lara Gut-Behrami (SUI) +0,71
10. Ragnhild Mowinckel (NOR) +0,84
11. Priska Nufer (SUI) +0,86
12. Laura Gauche (FRA) +1,03
13. Elena Curtoni (ITA) +1,05
14. Laura Pirovano (ITA) +1,06
15. Romane Miradoli (FRA) +1,07
. Kajsa Vickhoff Lie (NOR) +1,07
17. Joana Hählen (SUI) +1,26
18. Nicol Delago (ITA) +1,41
19. Isabella Wright (USA) +1,68
20. Elvedina Muzaferija (BIH) +1,91
21. Anouk Errard (FRA) +2,11
22. Cande Moreno (AND) +2,12
23. Tricia Mangan (USA) +2,21
24. Greta Small (AUS) +2,30
25. Ania Monica Caill (ROU) +4,22
26. Sabrina Simader (KEN) +4,33

Ausgeschieden: Breezy Johnson (USA), Emma Aicher (GER)

Disqualifiziert: Sofia Goggia (ITA)