Weil "Papa Stalin" angeblich immer recht hatte: Moskauer Kommunistin, fotografiert am 1. Mai 2022.

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Nichts versteht sich so wenig von selbst wie die beherzt vorgetragene Tautologie: "Wir sind wir." Es bedarf, im Gegenteil, gehöriger Anstrengungen, um wirklich unter sich zu bleiben. Um das zu erreichen, attestiert man als Angehöriger einer bestimmten Ethnie sich und seinesgleichen eine Vielzahl von Tugenden.

Seit der Antike, so der Wiener Philosoph Paul Sailer-Wlasits in seinem neuen, nachdenklich stimmenden Buch, prasselt ein Gewitter von Lobreden über das eigene Gemeinwesen nieder. Man lügt nicht nur wie gedruckt. Man hebt sich ab, indem man die mittelbaren Nachbarn mit Unglimpf belegt. Die Zeugnisse selbst früher Hochkulturen wimmeln von Protorassismen. Sie enthalten stereotypisierende Beschreibungen, die helfen, Kolossales zu bewirken: Sie setzen, gedacht als To-do-Liste für angehende Aggressoren, den Prozess der Kulturwerdung in Gang.

Mit der sprachlichen Aberkennung von Gleichwertigkeit, die man die "anderen" entgelten lässt, setzt Kultur ein – diese verstanden als Stiftung der Worte und Werte. Jede Überhöhung bedarf ihres Kontrasts. Sailer-Wlasits’ Traktat Lüge, Hass, Krieg gleicht einem kritischen Handbuch zur Feindesproduktion. Indem der Wiener die Geschichte der (politischen) Lüge nacherzählt, misst er dem wichtigsten "Gemeinplatz" (Konrad Paul Liessmann) polit-philosophischen Redens noch einmal seinen Stellenwert zu. Gedacht ist an das Wirksamwerden der Hassrede: das Vermögen von Sprache, andere vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Netz aus Gründen

Die Lüge ist dabei das perfideste Akzidens, von ihr machen bereits die antiken Rhetoriker ungehemmten Gebrauch. Von der "lässlichen" Schönrednerei weist der Richtungspfeil hinüber in die Gefilde von Propaganda, Hass und Kriegshetzerei. Nicht erst seit dem Wirken des Heiligen Augustinus werden Schleier gewoben. Mit ihrer Hilfe wird über die eigenen, imperialistischen Absichten ein Netz aus Gründen geschlungen.

Ganze Produktionszweige der abendländischen Sinnstiftung widmen sich fortan dem Zweck, die meist von Europa ausgehende Verbreitung von Gewalt und Tod mit Anfeuerungsrufen zu versehen. Kriege, um der Beutegier willen geführt, werden zu heiligen Anliegen erklärt. Paul Sailer-Wlasits ist um keine Beispiele verlegen. Er gibt die Gründungsakte der Kreuzzüge wieder, er legt die Wurzeln des kolonialen Rassismus frei. Nach der Entdeckung des amerikanischen Doppelkontinents gibt es für viele Abenteurer im Zeichen Christi kein Halten mehr. Spanische Spätscholastiker wie Juan Ginés de Sepúlveda erteilen der "Conquista" noch ausdrücklich ihren Segen, er nennt die Angehörigen der indigenen Völker "gottlose Dämonendiener".

Lügen, Können, Wissen

Sailer-Wlasits’ kleine Weltgeschichte der Hassrede krankt allenfalls an ihrer Kürze. Indem er das Feld der Aussagelogik lediglich streift, kann er die Paradoxien des mehr oder minder widerspruchsfreien Sprechens nicht recht fassen. Indem schon Platon das "Lügen" mit "Können" und "Wissen" zusammengeführt hat, wird das Geschick von Sophisten deutlich. Deren Reden, die sie gegen Geld verkaufen, erwecken lediglich den Anschein, widerspruchsfrei zu sein – "Fake News".

Für die Hasssprache der Nationalsozialisten, die den Grund legte für die industrielle Massenvernichtung von Menschen, findet Sailer-Wlasits angemessene Worte. Für den Verbalradikalismus Stalins bleibt er die Erklärung schuldig. Dabei schuf dieser "verdiente Massenmörder des Volkes" (Brecht) lediglich die ultimative Hassrede: indem zu jeder Zeit alles wahr und zugleich auch falsch sein konnte. Nur Stalins totaler Dialektischer Materialismus absorbierte jede denkbare Kritik. Einer solchen Herrschaft der totalen Inklusion ist keine Grenze gesetzt. Sie wendet sich buchstäblich gegen jede(n) – und gebiert Terror. (Ronald Pohl, 1.3.2023)