Südtiroler Goliath schlägt wild auf David ein: Der Athesia-Verlag will mit teuren Klagen gegen Enthüllungen des Onlineportals salto.bz vorgehen.

Schreenshot: salto.bz

In Südtirol sorgt ein Medienkrieg für Aufregung, der an die biblische Auseinandersetzung zwischen David und Goliath erinnert. Der stärkste Akteur der regionalen Medienwelt zieht gegen ein kleines Onlineportal mit rund 30.000 Userinnen und Usern zu Felde – und zwar in einem bizarr anmutenden Rechtsstreit.

Der Athesia-Konzern beherrscht über 80 Prozent des Medien- und Anzeigenmarktes in der Region Trentino-Südtirol und ist darüber hinaus Eigner der beiden Tageszeitungen Dolomiten und Alto Adige. Dazu kommen das Trentiner Blatt L’Adige und mehrere Privatsender wie Südtirol 1 und Radio Tirol. Dolomiten ist auch jene Tageszeitung, die in Italien die größte öffentliche Förderung erhält: 6,3 Millionen Euro jährlich überweist das Ministerratspräsidium nach Bozen.

Der Konzern und deren Hauptaktionäre – die Familie Ebner – sind zudem Besitzer etlicher Buchhandlungen und Hotels, des Thermenzentrums in Meran und Mitbesitzer der Schnalstaler Gletscherbahn.

Nicht genehme Kritik

Nun sorgt Athesia mit einer Klage gegen das zweisprachige Nachrichtenportal salto.bz, das nur von einer Handvoll deutschsprachiger und italienischsprachiger Journalistinnen und Journalisten betrieben wird, für Ärger und Verwunderung. Die der Redaktion zugestellte Klage weist einige Besonderheiten auf: So führt sie zwar dutzendfach die Titel und das jeweilige Erscheinungsdatum beanstandeter Artikel auf, nennt aber keinerlei Gründe bezüglich angeblicher Verfehlungen. Darunter befinden sich auch Interviews mit Südtiroler Politikern und Landtagsabgeordneten, die sich kritisch mit dem Wirken des Medienhauses Athesia beschäftigen.

Beim Großteil der beanstandeten Artikel handelt es sich um Recherchen, die die Redaktion nach eigenen Aussagen jederzeit vor Gericht belegen kann. Die Kläger werfen salto.bz pauschal eine andauernde, nachdrückliche Verleumdungskampagne vor – gegen Athesia, aber auch gegen die Familie Ebner.

Ins Visier genommen wird dabei vor allem Christoph Franceschini. Dem Träger des renommierten Claus-Gatterer-Preises, Investigativjournalisten und Autor von Enthüllungsbüchern wird, ebenso wie weiteren Redakteurinnen und Redakteuren, "mediales Stalking" und "verleumderische Unterstellung in Absprache mit politischen Parteien" vorgeworfen.

Betrieben wird die Angelegenheit von Athesia-Direktor und Hauptaktionär Michl Ebner, der 30 Jahre lang für die Südtiroler Volkspartei (SVP) zuerst im Parlament in Rom und dann im Europäischen Parlament in Brüssel saß. Zudem ist er seit 15 Jahren Präsident der Südtiroler Handelskammer – eine für Südtirol nicht ungewöhnliche Anhäufung von Ämtern und Funktionen.

Aufgabe: Enthüllen

Der Historiker und ehemalige grüne Landtagsabgeordnete Hans Heiss wertet es als "schwerwiegend, dass der stärkste Akteur der Südtiroler Medienwelt gegen einen kleinen Konkurrenten wie salto.bz mit Rechtsmitteln massiv und bedrohlich vor Gericht zieht". Die Aufgabe eines solchen kleinen Mediums sei es, "Verschwiegenes und Vertuschtes aufzudecken, um so die Informationsrechte und Wissensanlagen einer demokratischen Öffentlichkeit zu sichern". (Gerhard Mumelter, 6.3.2023)