"Szenen einer Ehe", die die Basis von Kalenderweisheiten und Schöner-Wohnen-Tipps irgendwann verlassen.


Foto: Marcel Urlaub

Viel Spaß" wünscht Regisseur Markus Öhrn dem Publikum per Audioprolog. Dann öffnet sich der Vorhang zur demonstrativ als Guckkasten in das Volx Margareten gestellten Bühne. Im grellen Weiß des engen Schuhschachtelraumes sitzen zwei Menschen mit Masken auf einem Sofa – die comichaft großen Augen und Münder wie im Stumpfsinn schockerstarrt. Über ihnen steht "Enjoy the little things" zu lesen und rechts eine einsame Plastikpflanze.

Während die Mondscheinsonate nicht aufhört, den Horror des sterilen Settings kontrapunktisch zu überhöhen, antworten die beiden Schauspielenden Elias Eilinghoff und Bettina Lieder von hinter den Masken mit blechern verzerrten Stimmen auf Interviewfragen nach dem Zustand ihrer Ehe. "Aber wenn ich ehrlich sein soll, bin ich ganz froh, dass ich das Leben leben kann, das ich lebe", gibt sich Marianne in Bezug auf die Beziehung zu Johan defensiv.

Verteidigung der Männlichkeit

Die Verzögerung und Zerdehnung aller sprachlichen und körperlichen Aktionen lässt die beiden in Öhrns bemerkenswert zwischen Horror und Groteske changierender Inszenierung als Puppen erscheinen und macht aus den Sätzen Automatenformeln. "Wie meinst du das?", wiederholt Johan allmählich bedrohlicher werdend. Was gerade noch ein selbsterhöhender Angriff gegen die Frau war, wird plötzlich zur verängstigten Verteidigung der eigenen Männlichkeit.

Der bildende Künstler und Regisseur Markus Öhrn bleibt mit Szenen einer Ehe nach dem gleichnamigen Film von Ingmar Bergman (1973) seinen Themen und Theatermitteln treu. Anders aber als seine zuletzt in Wien gezeigte Produktion 3 Episodes of Life, die 2019 mit einem Nestroy-Spezialpreis ausgezeichnet wurde, lädt die aktuelle Inszenierung am Volkstheater nicht nur zu Ekel, Grusel und Nachdenken, sondern auch zum hilflosen Lachen ein.

Bis ins Groteske überzeichnet

Die Öhrn’sche Fassung des Bergman-Dramas kehrt die Beziehungslosigkeit dieser bürgerlichen Beziehung hervor – bis ins Groteske überzeichnet. Jeweils zwischen den vier Teilen des Abends schließt sich der Vorhang für Umbaupausen. Musik von Bach oder die Fortführung der Carpe-diem-Sprüche an den Wänden des Foyers setzen das Bühnengeschehen als verstörend kunstvolle Gesamtabendgestaltung fort.

Auf das anfängliche Interview folgt eine Szene im Ehebett. Während Johan jede Entscheidung bezüglich der Schwangerschaft an Marianne delegiert, es textlich also um mögliche Zukünfte geht, robbt sie blutverschmiert über den Boden und spielt schon einmal Geburt. Von ihrer Pyjamahose hängt eine meterlange Nabelschnur, aus deren zum Täschchen gewölbten Ende sie einen Embryo en miniature entnimmt. Als lächerlicher Versuch einer Kontaktaufnahme zwischen den Erwachsenen schreibt das brutal überzeichnete Spiel mit diesem Kind-Ding die Kernfamilie als eine Institution roher Gewalt fest.

Das Blut spritzt, der Raum ist längst nicht mehr steril. Im dritten Kapitel, das über eine Filmprojektion erzählt wird, verkündet Johan, er wolle die Trennung und mit seiner Affäre nach Paris. Eilinghoff und Lieder stopfen dazu Pizza durch die unbeweglichen Mundschlitze ihrer Masken. Das geht nicht. Da müssen sie nachhelfen. Und drohen an den eigenen Fingern zu ersticken, so wie diese Spracharmut jedes Gefühl zum stur übergriffigen Verhalten erdrückt.

Eindringliche Geräuschkulisse

Im vierten Kapitel – es zeigt ein Bürosetting – verweigert Johan die Unterzeichnung der Scheidungspapiere und wird wie in der filmischen Vorlage gewalttätig. Mit Messer und Axt lässt Öhrn das Paar aufeinander losgehen, wahrlich splatterhaft ist dieser Blutrausch. Dabei geschehen die eigentlichen Akte des Gemetzels hinter geschlossenem Vorhang und werden über eine eindringliche Geräuschkulisse erzählt. Öffnet sich der Vorhang wieder, dann sind Gedärme effektvoll in Szene gerückt.

Ob im Ehebett oder im Sterben, die Automatenformelsätze wiederholen sich. "Oh mein Gott", stöhnt er, und "komisch", kichert sie. Wenn Johan und Marianne am Ende als Zombies für das romantisch ausgeleuchtete Bild bei True Colors noch einmal wieder auferstehen, dann löst sich die Anspannung des Horrors endgültig in einem unmöglichen Lachen auf. Dieser Theaterabend beeindruckt durch eine ganz eigene, abgründige Komik. (Theresa Luise Gindlstrasser, 1.4.2023)