Eine der Bronzen, die von Deutschland vor wenigen Monaten restituiert wurden. Ihr Material stammte mit einiger Wahrscheinlichkeit aus Deutschland.
Foto: IMAGO/photothek

Die Benin-Bronzen wurden in den letzten Jahren zu den wohl bekanntesten Beispielen und Symbolen für Raubkunst im Kontext des Kolonialismus um 1900. Künstler im westafrikanischen Königreich Benin stellten die kunstvollen Figuren und Metalltafeln ab dem 16. Jahrhundert her. Die Herrscher Benins, die Oba, schmückten damit die Ahnenaltäre im Königspalast – bis ins Jahr 1897.

Damals fielen etwa 1.200 britische Soldaten in Benin-Stadt ein, plünderten den Königspalast und schafften rund 5.000 Bronzen, Elfenbein- und Holzschnitzereien schnell außer Landes.

Schlüsselmoment der Plünderung vor 126 Jahren: Der niedergebrannte Palast der Oba und die auf dem Boden liegenden Bronzen, die wenig später außer Landes geschafft wurden.
Gemeinfrei

Die Briten verschifften die Kunstgegenstände nach Europa und in die USA und verkauften sie dort, über 1.000 landeten in deutschen Museen, einige auch im heutigen Weltmuseum in Wien. Der aus Österreich stammende Ethnologe Felix von Luschan spielte bei der Beschaffung ebenfalls eine wichtige Rolle. (Ein Verzeichnis sämtlicher Objekte und ihrer Aufbewahrungsorte gibt es seit November 2022 unter Digital Benin.)

Restitutionen seit dem Vorjahr

Deutschland zog im Vorjahr – nach vielen Jahren vergeblicher Rückforderungen –Konsequenzen. Außenministerin Annalena Baerbock teilte im Juli 2022 mit, Deutschland werde das Eigentumsrecht der insgesamt 1.100 Skulpturen, Metalltafeln und anderen Kunstgegenstände an Nigeria übergeben. Im Dezember 2022 wurden die ersten 20 Bronzen ihren rechtmäßigen Besitzern übergeben, weitere sollen folgen.

Mitglieder der deutschen und der nigerianischen Regierung Ende 2022 bei der Übergabe der ersten Plastiken in Nigeria.
AP / Olamikan Gbemiga

Auf ein gewisses historisches Paradoxon der deutschen Rückgabe und auf eine Ironie der Geschichte weist eine neue Studie hin: Das Messing, das die damaligen Künstler in Benin verarbeiteten, stammt – ausgerechnet – aus dem deutschen Rheinland zwischen Köln und Aachen. Das war zwar schon seit längerer Zeit vermutet worden, konnte nun aber durch Isotopenanalysen bewiesen werden, wie ein deutsches Team um Tobias Skowronek von der Technischen Hochschule Georg Agricola in Bochum in der Fachzeitschrift "Plos One" schreibt.

Eingeschmolzene Manillen

Ganz überraschend kommen die neuen Forschungsergebnisse allerdings nicht. Bekannt war seit langem unter anderem, dass die Künstler im Benin für ihre Plastiken und Tafeln das Metall sogenannter Manillen verwendeten – das sind dicke, hufeisenförmige Armreifen vor allem aus Messing, die in Teilen Afrikas bis ins 20. Jahrhundert als Zahlungsmittel verwendet wurden.

Zudem deuteten die sehr gleichförmigen Bleiisotopen-Verhältnisse in vielen der Benin-Bronzen auf eine europäische Hauptmaterialquelle hin. Hier hat man Manillen fast ausschließlich für den Handel mit Afrika hergestellt. Aber woher genau kamen jene Armreifen, die in Benin weiterverarbeitet wurden?

Acht der untersuchten Manillen.
Foto: Tobias B. Skowronek et al., PLoS One 2023

Um dies Frage zu klären, analysierten Skowronek und sein Team 67 Manillen, die auf das 16. bis 19. Jahrhundert datiert wurden und die aus fünf Schiffwracks aus afrikanischen, europäischen und nordamerikanischen Gewässern des Atlantiks stammten. Auf diese Weise ließ sich nämlich rekonstruieren, welche Herkunftsquelle der Manillen für welche Isotopenzusammensetzung stand.

Massenspektrometrische Analysen

Die Messingartefakte wurden mittels Massenspektrometrie zum einen auf drei verschiedene Bleiisotopenverhältnisse untersucht, zum anderen auf den Anteil von Spurenelementen wie Antimon, Nickel, Arsen und Eisen. Dabei zeigte sich, dass das Zink im Messing für die älteren Manillen hauptsächlich aus dem Rheinland stammt. Die unterschiedlichen Anteile der Spurenelemente deuten darauf hin, dass das verwendete Kupfer aus verschiedenen Quellen kam, etwa aus Mansfeld am Harz (Sachsen-Anhalt), aus Banská Bystrica in der Slowakei und womöglich aus Skandinavien.

Dass die Künstler in Benin Messing aus dem Rheinland bevorzugten, könnte an dem relativ hohen Bleigehalt (bis zu 14 Prozent des Gewichts) gelegen haben. "Blei in Messing führt zu einer leicht fließenden Legierung und verringert die Porosität, wodurch die Legierung besser zum Gießen geeignet ist", schreiben die Studienautoren. Skowronek hält es aus statistischen Gründen für sehr wahrscheinlich, dass auch die Benin-Bronzen, die sich (noch) in deutschen Sammlungen befinden, Messing aus dem Rheinland enthalten.

Über Portugal nach Westafrika

Wie aber gelangte das Material über 6.300 Kilometer nach Westafrika? Vom 15. Jahrhundert an waren es vor allem Portugiesen, die mit westafrikanischen Völkern Handel betrieben. Es gibt aber einen Vertrag aus dem Jahr 1548, den die deutsche Kaufmannsfamilie Fugger mit dem portugiesischen König über die Lieferung von Manillen abschloss. Damit ist auch die Lücke der historischen Beweisführung geschlossen.

Zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen ohne Isotopenanalysen kam freilich auch schon eine Studie aus dem Jahr 1932, die unter dem heute unmöglichen Titel "Negerkunst von Benin und deutsches Metallexportgewerbe im 15. und 16. Jahrhundert" erschien. Der deutsche Wirtschaftshistoriker Jakob Strieder rekonstruierte in diesem Artikel für die "Zeitschrift für Ethnologie" erstmals die Beziehungen zwischen dem Haus Fugger, den Portugiesen und den Künstlern in Benin.

Darstellung eines Europäers aus dem 16. oder 17. Jahrhundert auf einer Benin-Bronze im British Museum in London.
Gemeinfrei

Strieder lieferte vor fast hundert Jahren aber noch einige weitere interessante Belege nach, die im aktuellen Artikel fehlen: Auf einigen der afrikanischen Kunstwerke, die in deutschen Museen lagern, sind nämlich eindeutig europäische Händler in der Tracht des 16. und 17. Jahrhunderts abgebildet, einige davon in jener Kleidung, die damals in Deutschland üblich war. Und es gibt sogar eine Benin-Plastik, auf der – man glaubt es kaum – drei Tirolerhüte abgebildet sind. (Klaus Taschwer, 9.4.2023)