Im Wiener Prater liegen Spaß und Schrecken oft eng beieinander. Manchmal sind die Grenzen sogar fließend. Im hinteren Teil des Areals zum Beispiel. Dort finden sich mit den Parzellen 144 und 145 dann auch noch zwei Grundstücke, die es in sich haben. Auf dem einen steht die größte und längste Geisterbahn des Vergnügungsparks.

Auf der anderen die Hochschaubahn Megablitz. Auch die schafft es, sensiblen Gemütern Angst einzuflößen. Schließlich geht es dort recht flott (70 km/h), relativ lange (550 m) und nicht gerade ganz niedrig (19 m) zur Sache. Zeitweise wird man hier gar mit 4,8 G, also fast dem fünffachen Körpergewicht, in die Wagensitze gedrückt. Der Megablitz gilt zwar als familienfreundlich, bei einer Fahrt damit kann es einem aber trotzdem ein bisschen blümerant werden.

Thomas Hajek, Bratschist bei den Wiener Philharmonikern, liebt den Thrill der Achterbahn.
Foto: Lea Sonderegger

Thomas Hajek aber eher nicht. Der Bratschist bei den Wiener Philharmonikern ist ein geeichter Achterbahnfahrer. Seit frühen Kindheitstagen sucht und findet der Niederösterreicher den rasanten Nervenkitzel auf Hochschaubahnen. "Dafür bringt mich kein Mensch mehr in eine Geisterbahn", lässt der Musiker beiläufig fallen und erklärt kurz seine Faszination fürs Fahrgeschäft: "Es hat schon damit zu tun, sich Ängsten in einem gesicherten Rahmen zu stellen. Man weiß, dass einem prinzipiell nichts passieren kann. Wie es einem während oder nach einer Fahrt geht, lässt sich trotzdem nie vorhersagen." Es gibt übrigens durchaus Parallelen zu seinem Beruf. "Wenn ich ein Konzert spiele, hat das mit Lust und Mut zu tun, vor Publikum etwas vorzutragen. Ist man einmal auf der Bühne, gibt es kein Zurück mehr. Steigt man in eine Achterbahn und geht der Bügel runter, ist das auch so."

Hajeks Leidenschaft geht weit. Seinen letzten Geburtstag feierte er mit seiner Familie im Phantasialand bei Köln, praktischerweise kombiniert mit Verwandtschaftsbesuchen. Der Themenpark, seine Gestaltung und letztlich die Achterbahnen, die dort übers Areal brausen, bringen ihn fast ein Jahr später noch ins Schwärmen. Ist Hajek zudem mit den Philharmonikern auf Tour und es ergibt sich ein Zeitfenster, besucht er immer wieder auch Vergnügungsparks, die sich in der Nähe befinden.

Auf der Jagd nach dem nächsten Nervenkitzel steigt Thomas Hajek in Achterbahnen auf der ganzen Welt.
Foto: Lea Sonderegger

Als das Orchester etwa 2014 in Los Angeles ein Gastspiel gab, schnappte sich der 48-Jährige an einem freien Tag ein paar interessierte Kollegen und fuhr zur 35 Kilometer entfernten Knott’s Berry Farm im Süden Kaliforniens. Ziel des Ausflugs: der Xcelerator. Eine bestialische Stahlwurst, 62,5 Meter hoch, bei der es dann 90 Grad runtergeht. ,,Ein Launched Coaster", präzisiert der Kenner. Man lehnt sich jetzt also nicht weit aus dem Wagon, wenn man behauptet, dass Rollercoaster Hajeks Hobby sind.

Die Wilde Maus ist zwar nicht die wildeste Hochschaubahn im Prater, aber besser als nichts.
Foto: Lea Sonderegger

Wie mit Hobbys so üblich, weiß man irgendwann ziemlich gut über den Gegenstand Bescheid und kann – wenn’s passt – auch richtig schön abnerden. Hajek ist da keine Ausnahme, teilt aber sein Wissen mit ansteckender Begeisterung. Wenn er über den Megablitz, seinem Liebling im Prater, spricht, sprudeln die Daten und Fakten über die Anlage nur so aus ihm heraus. Plötzlich weiß man, dass die Bahn 1994 aufgestellt wurde, den etwas in die Jahre gekommenen Cortina Bob ersetzte, der jetzt irgendwo in Frankreich steht, die Bahn vom niederländischen Unternehmen Vekoma gebaut wurde und das Streckenlayout vom deutschen Ingenieur Werner Stengel stammt: "Alles eigens für dieses kleine Grundstück hier im Prater entworfen – diese Bahn gibt es nur einmal auf der Welt!"

Der frühe Vogel fängt nix

Eine Fahrt wäre angebracht, doch der Megablitz hat an diesem Tag um zehn Uhr morgens noch geschlossen. Er wird gerade gewartet. Sicher ist sicher. Hajek macht das nichts aus. Der zweifache Vater ist schon unzählige Male gefahren. Also auf zur Olympia Looping ein paar Meter weiter. Das Stahlkonstrukt mit fünf Loopings, sinnigerweise in den olympischen Farben lackiert, ist die größte transportable Achterbahn der Welt und zum zweiten Mal in Folge Gaststar im Prater. Zwei Minuten und zwanzig Sekunden ist man auf ihr unterwegs. Unglücklicherweise hat auch sie geschlossen. Der frühe Vogel fängt den Wurm? Fix nicht im Prater. Aber Hajek macht auch das nichts. Weil – Überraschung – er auch auf der Olympia Looping schon öfter gefahren ist. Vor Jahren reiste ihretwegen sogar eigens nach München, wo das Ungetüm seinen Stammsitz hat.

Die Olympia Looping war noch nicht einsatzbereit.
Foto: Lea Sonderegger

Statt einer Fahrt erzählt Hajek daher mehr über Werner Stengel, der auch die Olympia Looping berechnet hat. "Er gilt als Erneuerer im Achterbahnbau", schwärmt Hajek über den Ingenieur. "Er hat Loopings von Hochschaubahnen revolutioniert, indem er von der Kreiskonstruktion abwich und stattdessen Klothoide wählte." Das Resultat dieses Megageistesblitzes der Ingenieurskunst: sanftere Übergänge bei Ein- und Ausfahrten aus den Loopings und infolgedessen mehr Fahrvergnügen respektive weniger gesundheitliche Schäden bei Passagieren. Schließlich ist nichts unangenehmer als eckige, ruckelige Stellen, bei denen man sich blaue Flecken holt. "Da steigt man kein zweites Mal mehr ein. Solche Bahnen mussten nicht selten nach einigen Jahren schließen, weil die Passagiere ausblieben", weiß Hajek.

Lieber erzählt er, wie er sich im Alter von 16 zwischen seinen Leidenschaften Musik und Hoch- und Tiefbau entscheiden musste. Eine knallharte psychologische Frage drängt sich auf: Trifft in der Achterbahn der Musikus auf den Technikus? Knappe Antwort: Ja. Ausgeschmückt klingt das dann aber so: "Ein runder, gut konstruierter Looping begeistert mich ähnlich wie eine schön gespielte Phrase in der Musik."

Die 610 Meter Streckenlänge sind rasant, aber geschmeidig zu fahren.
Foto: Lea Sonderegger

Achterbahnfahren inspiriert ihn übrigens auch bei musikalischer Wissensvermittlung. Wenn Hajek im Rahmen der Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker den Orchesternachwuchs unterrichtet, skizziert er schon einmal einen Looping an der Tafel, um zu untermalen, wie ein Crescendo gespielt wird: "Nicht linear lauter werdend, sondern die Lautstärke muss sich exponentiell steigern." Der Lärmpegel steigert sich allmählich auch im Prater. Unter die Kleingruppen von Schulschwänzerinnen mischen sich mehr und mehr Kleinfamilien auf Wientrip. Irgendwo rattert ein Kettenzug, gefolgt von zischeln und garniert mit einem Hornton. "Das ist der Boomerang!", hört Hajek selektiv heraus und erzählt, dass der Weltrekord im Dauerachterbahnfahren auf einer Boomeranganlage in Deutschland aufgestellt wurde.

Also nichts wie hin zur Achterbahn, bei der man die Strecke vorwärts und dann rückwärts absolviert. Unglücklicherweise hat auch diese Bahn nicht geöffnet. Aber den Philharmoniker stört dies wieder nicht. Er kennt den Boomerang, und hey: "Life is a rollercoaster."

Auf einer Boomerang-Bahn in Deutschland wurde der Weltrekord im Dauerachterbahnfahren aufgestellt, weiß Thomas Hajek.
Foto: Lea Sonderegger

Kurvendiskussionen

Bleibt mehr Zeit, um weitere Ähnlichkeiten zwischen Hochschaubahnen und seinem Beruf zu erfragen. "Eine gute Achterbahn überrascht. Etwa mit Kurven, mit denen man nicht gerechnet hat. Auf der Bühne kommt es auch zu Überraschungen. Etwa wenn ein Dirigent anders als bei der Generalprobe dirigiert." Ebenso: "Live is a rollercoaster." Wobei – dagegen lässt sich etwas unternehmen. "Um sicherer zu sein, braucht es Vorbereitung. Bei der Musik heißt das üben, üben, üben." Und bei Hochschaubahnen? "Man kann im Vorfeld die Layouts und Streckenführungen studieren und sich Videos auf Youtube anzuschauen." Hajek selbst macht das aber nicht (mehr), denn, so der Vielfahrer, für ein authentisches Erleben einer Bahn gehören doch Überraschungen dazu.

Mag an diesem Vormittag im Prater vieles noch geschlossen sein, die Gesengte Sau und die Wilde Maus haben geöffnet. Das sind zwar nicht die höchsten, schnellsten und gefährlichsten Tiere in der Achterbahnfauna, aber vor allem die Gesengte Sau, die hier seit 2020 steht, überzeugt Rollercoasterprofi Hajek. Der Techniker in ihm lobt die Konstruktion, für die auf engstem Raum ein Maximum rausgeholt wurde, indem in die Höhe gebaut wurde. So sind 610 Meter Streckenlänge entstanden, die – so das Urteil von Hajek – rasant, aber geschmeidig zu fahren sind. "Da kann man einfach die Fahrt genießen und die Hände in die Höhe strecken." Spaß und Schrecken liegen eben eng beieinander. Vor allem im Prater. (RONDO Exklusiv, Manfred Gram, 1.5.2023)