Dirigierend einem klassizistischen Ideal verpflichtet: Riccardo Muti.

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Wien – Es gibt eine intakte Musiziertradition, die vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Vielleicht verkörpert sie kein anderer Dirigent so vollkommen wie Riccardo Muti.

Zum einen ist er einem klassizistischen Ideal verpflichtet: ausgeglichenen Interpretationen ohne abrupte Kontraste, ebenmäßiger Gestaltung, regelmäßigem Fließen ohne viel Stauen und Stocken. Zum anderem ist sein Tun durchdrungen von einer humanistischen Überzeugung, die sich in einem apollinischen Grundton auswirkt. Oberflächlich wahrgenommen, gibt es da nichts als Heiterkeit und Freude. Aber wie sich im Philharmonischen Abonnementkonzert am Samstag zeigte, stimmt das nur im Prinzip. Natürlich lassen sich die Moll-Eintrübungen in den Kopfsätzen von Mozarts "Haffner"-Symphonie D-Dur KV 385 viel dramatischer bringen. Mutis Differenzierungen, die ihm die Wiener Philharmoniker liefern wie bestellt, liegen in der sicheren Nuance – man muss ihnen aufmerksam folgen, aber sie wirken und sind absolut schlüssig.

Wohltönende Dissonanz

Der Kontrast lag im folgenden Programm: Paul Hindemiths markige, kantige Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser brachten Dirigent und Orchester mit Lust an wohltönender Dissonanz, Felix Mendelssohn-Bartholdys 5. Symphonie D-Dur (Reformations-Symphonie) wirkte trotz ihrer Heterogenität wie aus einem Guss. Wie Muti noch bejubelt wurde, als das Orchester bereits das Podium verlassen hatte, ließ weder Publikum noch den Dirigenten unbeteiligt. (daen, 24.4.2023)