Vulkanausbrüche wie im November beim Cumbre Vieja sind ein schaurig-schönes Schauspiel – mit langwierigen Folgen für Mensch und Umwelt.
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"Ich bin stark davon überzeugt, dass du die genauen Koordinaten der Hölle gefunden und direkt darüber eine Probe genommen hast", meldete eine Labortechnikerin an Stephen Grasby zurück, der ihr ein Wassersample zur Analyse gegeben hatte. Die Flüssigkeit war extrem säurehaltig, hochgiftig und wies hohe Konzentrationen von Kupfer, Zink, Arsen, Uran und Cadmium auf. Sie glich den umweltschädlichen Grubenwässern, die bei bestimmten Varianten des Erz- und Kohleabbaus entstehen. Doch das Wasser stammte nicht aus einer Mine, sondern war natürlichen Ursprungs. Verantwortlich für die Verschmutzung sind Vulkanausbrüche, die 80 Millionen Jahre zurückliegen.

Stephan Grasby ist Wissenschafter des Geological Survey of Canada, einer staatlichen Forschungseinrichtung. Diese Woche ist er gemeinsam mit tausenden weiteren Forschenden der Geowissenschaften bei der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU), die jedes Jahr in Wien stattfindet. Im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierten Wissenschaftstreibende hier Studien zur Gefährdung der globalen Wasserversorgung. Weitere Themen neben den Giftstoffen vulkanischen Ursprungs waren neue Methoden zur Identifizierung der Verursacher von Kontaminierungen und ein Einblick in die Rolle des Finanzmarkts bei der Verschmutzung der Gewässer.

Die giftigsten Gewässer der Welt

Bei den urzeitlichen Vulkanausbrüchen, die Grasby erforscht, wurde Asche mit hohen metallischen Anteilen ausgestoßen. Große Mengen davon lagerten sich gemeinsam mit organischem Material im Schiefergestein ab. Wenn der Schiefer erodiert und Sauerstoff in Kontakt mit den organischen Substanzen kommt, entsteht eine Oxidationsreaktion. Das Material erwärmt sich und kann sich spontan entzünden. "Die Sedimente, die sich damals bildeten, können heute auf natürliche Art brennen. Sie geben dabei die Metalle wieder an die Umwelt ab. Dadurch entstehen Gewässer, die zu den giftigsten und stärkehaltigsten weltweit gehören", erklärt Grasby. Ein typisches Bild hier sind kleine Tümpel, in denen sich das giftige, rötlich schimmernde Wasser sammelt.

Lokale indigene Völker beschrieben das Phänomen in ihren Legenden einst als Lagerfeuer, die die Geister in den Bergen entfachten. Für die Nachfahren dieser Gemeinschaften, die heute noch dort leben, sind die giftigen Gewässer eine Bedrohung. Grasby möchte kommenden Sommer zurück in die kanadische Arktis, um mehr über die Folgen dieser Kontaminierung herauszufinden. Beispielsweise ist offen, ob das Schmelzen des Permafrosts durch die Klimakatastrophe den Vorgang beschleunigt, mehr Schiefer freilegt und den Anteil der abgegebenen Giftstoffe erhöht.

Verschmutzung beweisen

Im globalen Kontext sind diese Vergiftungen, die durch natürliche Prozesse entstehen, natürlich in der Minderheit. Der Mensch selbst bringt seine Wasserversorgung am allermeisten in Gefahr. Zwei ebenfalls vorgestellte wissenschaftliche Ansätze zeigen Möglichkeiten für eine Verbesserung. Alessandro Gargini von der Universität Bologna stellte eine Methode vor, wie man Verursacher einer Wasserverschmutzung zweifelsfrei identifizieren kann. Er untersuchte das Grundwasser im Umfeld von illegalen Deponien. Ziel der Analyse waren Substanzen, die sowohl von legalen Reinigungsmitteln als auch aus der illegalen Verschmutzung durch Industrieabwässer stammen könnten. Gargini und Team zeigten, wie die Kohlenstoff-Isotopensignatur der Chemikalien genutzt werden kann, um die Substanz eindeutig zuzuordnen.

Der Bulle der New Yorker Börse – ebenfalls ein Sinnbild für Umweltverschmutzung, zeigen Forschende auf.
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Während Gargini den Schadstoffen nachspürt, folgt Rick Hogeboom von der Universität Twente in den Niederlanden dem Weg des Geldes. Er zeigt in einer noch nicht publizierten Studie, dass institutionelle Investoren keine nachhaltigen Geschäftspraktiken im Bereich des Wasserschutzes gewährleisten. "Weltweit operierende Banken, Pensionsfonds und Versicherungen investieren Billionen in Gesellschaften, von denen sie nicht wissen, ob sie der Wasserversorgung schaden", sagt Hogeboom. Die Geldgeber ermöglichen damit Aktivitäten, die zur Zerstörung von Lebensräumen, zu Wasserverschmutzung und -knappheit führen. Globaler Wasserschutz könnte – etwa durch entsprechende gesetzliche Vorgaben – also auch hier ansetzen.

Finanzmarkt als Hindernis

Die Forschenden haben deshalb die Statuten der 50 größten Investoren weltweit auf relevante Regelungen hin untersucht. Sie verwalten gemeinsam mehr als 118 Billionen Dollar, was etwa dem 240-Fachen des österreichischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Das Ergebnis ist deutlich: Keiner der Investoren konnte nur annähernd als gut beurteilt werden. Nur zwei erreichten knapp über 50 Prozent, wobei 100 Prozent einem guten Wasserschutz entspräche. Der Rest war weit abgeschlagen. "Die Frage, ob der Finanzmarkt eine Hilfe oder ein Hindernis beim Wasserschutz ist, ist eindeutig zu beantworten: Er ist ein Hindernis", ist das Resümee des Forschers. ( Alois Pumhösel, 26.04.2023)