In den inneren Bezirken müssen Häuser öfter auf Rattenbefall kontrolliert werden als in Außenbezirken.

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Die Wiener Kanalisation ist ein guter Ausgangspunkt, wenn man Ratten sehen möchte. Ebenso U-Bahn-Schächte und manche Wiener Keller. Gut eine Ratte kommt auf jeden Einwohner und jede Einwohnerin in Wien, so lauten Schätzungen. Das macht etwa 1,9 Millionen Ratten, die sich im Untergrund tummeln. Klingt nach viel? Das ist Ansichtssache: In Städten wie Paris oder New York sind es deutlich mehr Ratten pro Kopf.

Verbreiteter als die Ratten selbst ist die Angst vor den Nagern. Das zeigt eine Befragung, die im Auftrag des Gebäudedienstleisters Attensam im Frühjahr von Marketagent durchgeführt und deren Ergebnis vor wenigen Tagen präsentiert wurde. Mehr als ein Drittel der 500 Befragten fürchtet sich vor Ratten, dahinter folgen Bettwanzen und Küchenschaben, beides häufig ungewollte Souvenire aus dem Urlaub. Andererseits gaben auch 35 Prozent der Befragten an, dass sie sich vor gar keinen Schädlingen fürchten.

Borkenkäfer vor Ratte

Von mehr als der Hälfte der Befragten wird außerdem davon ausgegangen, dass Ratten den größten Schaden an Häusern anrichten. Getoppt werden die Nager nur noch vom Borkenkäfer, der sich seit Jahren durch Österreichs Fichtenwälder frisst und gegen den der beste Schädlingsbekämpfer machtlos ist.

Ratten nagen sich durch alles, was sich ihnen in den Weg stellt, bestätigt der Schädlingsbekämpfer Matthias Hlinka von Attensam. Nicht einmal Holztüren sind ein Hindernis. Ein noch größeres Problem ist aber, dass Ratten – in Wien ist übrigens die Wanderratte heimisch – Krankheiten übertragen können. Eine Studie der Vetmed-Uni zeigte vor einigen Jahren, dass viele Wiener Ratten multiresistente Keime wie Staphylokokken und Enterobakterien in sich tragen.

In Wien gibt es, im Unterschied zu anderen Bundesländern, eine eigene Rattenverordnung, Rattenbefall ist also meldepflichtig. Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer müssen Befall vorbeugen und die Tiere bekämpfen. Mit giftfreien Ködern wird in jedem Haus regelmäßig kontrolliert, ob es Befall gibt – innerhalb des Gürtels muss das sechsmal pro Jahr passieren, in anderen Teilen der Stadt nur dreimal.

Kritik von Tierschützern

Werden die Köder – sie bestehen aus Getreide und Wachs – angeknabbert, rückt ein Profi an, um auf Ursachensuche zu gehen. Häufig liegt es an einem defekten Abflussrohr oder einer Baustelle, berichtet Schädlingsbekämpfer Hlinka. "Wenn die Ursache behoben ist, ist die Sache meist erledigt", sagt er. Wichtig sei aber auch, dass Müll korrekt entsorgt wird und Müllcontainer geschlossen werden.

Und wenn die Ratten sich weiterhin im Keller tummeln? Eine "härtere Maßnahme" seien Fallen mit Blutgerinnern in der Köderbox, die erst innerhalb von ein bis zwei Tagen zum Tod der Tiere führen. Diese Fallen sind in Teilen der Stadt ein heißes Eisen: Tierschützerinnen und Tierschützer argumentieren, dass diese nicht nur von Ratten, sondern beispielsweise auch vom geschützten Feldhamster gefressen werden, der daran ebenfalls verendet.

Das konnte der Wiener Tierschutzverein tatsächlich mittels toxikologischer Analyse nachweisen. Eigentlich dürften die Fallen nicht im Habitat von Feldhamstern aufgestellt werden: "Aber das wird zu wenig kontrolliert", sagt Jonas von Einem, Pressesprecher von Tierschutz Austria. Immer wieder würden die Tierschützer Fotos von Fallen in solchen Gebieten, etwa im zehnten Bezirk, zugeschickt bekommen. "Wir melden das dann an Behörden", wenige Wochen später beginne das Spiel aber häufig wieder von vorne.

Petition läuft

Daher fordert der Verein eine Änderung der Wiener Rattenverordnung. Dazu gibt es aktuell auch eine Petition, für die 500 Unterschriften gesammelt werden müssen, damit sie im Wiener Landtag besprochen wird. Die Tierschützer fordern, dass jene Gebiete, in denen eigentlich keine Köder aufgestellt werden dürfen, strenger kontrolliert werden.

Vom STANDARD dazu befragte Wiener Schädlingsbekämpfer wiederum betonen, dass in den betroffenen Parks derzeit ohnehin keine solchen Fallen aufgestellt werden – sie weisen aber auch auf eine stark wachsende Rattenpopulation in bestimmten Gebieten der Stadt hin, gegen die man ohne Köder nicht viel ausrichten könne.

Nicht nur deshalb wird die Rattenpopulation in Wien nicht unbedingt schrumpfen: "Durch den U-Bahn-Bau ist es sicher nicht besser geworden", sagt Hlinka – denn damit würde den Ratten Lebensraum genommen, den sie sich dann vielleicht im Keller zurückholen. (Franziska Zoidl, 28.4.2023)