Sprache mit Spin im Werk X: Franck Edmond Yao alias Gardoukou la Star, ivorischer Darsteller in "Strahlende Verfolger.".

Foto: Alex Gotter

Das Tor zur Unterwelt ist mit Metallzähnen gespickt: Die finale Einladung des Meidlinger Werk X, Elfriede Jelineks Textflächen zu betreten, birgt unübersehbar Risiken und Nebenwirkungen. Zum Ausklang der Ära Harald Posch / Ali M. Abdullah im Ex-Kabelwerk wird Jelineks Postdramatik vierfach verabreicht. Die Wirkung der wohldosierten Sprachmedizin kann vorerst nur als aufputschend bezeichnet werden.

Auf die Nebenwerke Aber sicher! und Strahlende Verfolger. folgen bald zwei weitere Kommentare: Das Licht im Kasten, Tod-krank. Doc. Allen vier Jelinek-Stücken liegt die nämliche Machart zugrunde. Es handelt sich um Kommentare zur Jetztzeit, unter Berücksichtigung der Gesinnung. Metaschriften zu den vielen Krisen, die sich die Weltwirtschaft auf Kosten der Ärmsten leistet.

Längst bilden die Dramenverlautbarungen der Nobelpreisträgerin eine lange Assoziationskette. Von den "Schulden" der Bankenkrise 2008 hantelt sich Aber sicher! weiter zur Schuld Ödipus’, zum Fluss von Geld und Kot im weitverzweigten Netz flüssig gemachter Mittel. Irgendwann, man weiß nicht, wie, schwimmt der Leichnam der Rosa Luxemburg im Landwehrkanal.

Ein Quartett fabelhafter Schauspielerinnen und Schauspieler, voran Birgit Stöger und Sebastian Klein, demonstriert in Aber sicher! (Regie: Miloš Lolić), wie man sprachspielerisch vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Aus riesigen Einkaufstaschen zerren die Beteiligten Berufskleidungsstücke. Die Menschen verkümmern zu Dienstleistern, sie reden, wie anderen der Schnabel gewachsen ist. Am wirkungsvollsten verstricken sich die Figuren in den eigenen Handlungsfäden.

Tennisnetz mit Saiten

Womit wir wieder bei der Bühne (Künstlerin Katrina Daschner) wären. Um riesige Nadeln werden rote Schnüre gewickelt. In Strahlende Verfolger. zieht man nach der Pause ganz andere Saiten auf. Vor dem gezähnten Tor steht nun ein Tennisnetz, bespannt mit Klavierdrähten. Fortan sausen Tennisbälle hin und her, von elektrifizierten Rackets akustisch begleitet.

Die Inszenierung von Gintersdorfer/Klaßen (Regie: Monika Gintersdorfer) handelt von Jelineks Text, einem Kommentar zu bundesdeutschem Sehnen und Wähnen. Der Autorin intime Kenntnis von Heidegger und Co begünstigt allerlei Verbiegungen. Doch zwei ivorische Schauspieler (Annick Prisca Agbadou, Franck Edmond Yao) sowie ein Kommentator (Hauke Heumann) und ein Musiker (Hans Unstern) streuen Jelineks Sprache wie Sternenstaub aus. Man deklamiert nicht, man redet darüber, wahlweise auf Französisch.

Mit Blick auf die weltweite Expansion von "deutschen Bierhäusern, deutschen Goethehäusern" ist eine Prise Postkolonialismus nicht die schlechteste Würze. Dass Menschen mit weißer Hautfarbe "Abgeschabte" genannt werden können, ist gut zu wissen. Gintersdorfer und ihre Mitstreiterinnen drehen der deutschen (Selbst-)Herrlichkeit eine extra lange Nase. Die Meidlinger Jelinek-Wochen haben ansteckend irritierend begonnen. (Ronald Pohl, 29.4.2023)