Die Leiterin des Burgtheaterstudios, Anja Sczilinski, der leitende Dramaturg Andreas Karlaganis, Burgtheater-Direktor Martin Kušej, die Leiterin der Kommunikation, Sabine Rüter, und der kaufmännische Direktor Robert Beutler während der Jahrespressekonferenz des Burgtheaters.
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Wien – Für seine letzte Spielzeit als Burgtheaterdirektor hat sich Martin Kušej und dem Publikum ein antinarkoleptisches Programm verordnet: "Aufwachen, bevor es wieder finster wird", warnt ein Spruchband in Versalien. Auf der Programmpressekonferenz 2023/24 sprach der Kärntner, mit dem Leitungsteam an der Rampe der Burgbühne sitzend, gleich mehrere neuralgische Punkte an. Nach glücklich überstandener Pandemie sei die Causa Teichtmeister für die Stimmung im Hause nicht eben förderlich gewesen.

Man habe "in Abgründe geblickt", so Kušej. Die Burg sei "bespuckt, beschimpft, beschmiert" worden, etwa von Identitären. Er selbst zeigt sich besorgt um die Demokratie. Man wolle "klare Kante" zeigen, also warne er davor, "was uns eventuell bevorsteht". Kušej meinte damit nicht nur selbst deklarierte Anwärter auf eine Art heimische "Volkskanzlerschaft", sondern auch alle diejenigen, die "rechts der Mitte stehen".

Vom Heldenplatz in die Südstaaten

Das Abschiedsprogramm trägt den Umständen unübersehbar Rechnung. Der Hausherr selbst inszeniert Molières Der Menschenfeind (Premiere am 17. November 2023). Ausstatter Martin Zehetgruber wird die Bühne als Wiener Parkett aufschlagen: Unter diesem steht die Jauche. Ein anderer möglicher Saisonhöhepunkt beruht auf einer ungewöhnlichen Begegnung der kontrastreichen Art. Frank Castorf wird Thomas Bernhards Heldenplatz inszenieren (Premiere: 17. Februar im Burgtheater), und zwar 35 Jahre nach Claus Peymanns die Republik erschütternder Uraufführung.

Bereits am 16. Dezember zeigt Johan Simons Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod. Mit Jonathan Spectors Die Nebenwirkungen findet sich ein US-Stück über demokratisches Unbehagen auf dem Spielplan. Mit Orpheus steigt herab nimmt sich Kušej eines selten gespielten Dramas von Tennessee Williams an: Gezeigt werden, mythisch verbrämt, Mechanismen des Ausschlusses im Südstaatengewand.

Weibliche Handschriften

Kafkas Die Verwandlung wird dramatisiert, dem Wiener Zentralfriedhof stattet Regisseur Herbert Fritsch einen Besuch ab, und zwar auf den Sohlen des Slapstick-Komikers. Mit Recht betont Kušej die Vielzahl weiblicher Regiehandschriften an seinem Haus. Schon am 5. September wird Lilja Ruprecht Fassbinders Die bitteren Tränen der Petra von Kant neu begutachten (Akademietheater): mit Blick auf das Thema Machtmissbrauch ein ewig grüner Stoff.

Eine Neufassung der Phädra stammt aus der Feder von Nino Haratischwili (Phädra, in Flammen hat am 7. Oktober im Akademietheater Premiere, Regie: Tina Lanik). Weitere wichtige Vorhaben schließen Peter Handkes unverwüstliches Spracherziehungsstück Kaspar ein, und ein Nibelungen-Drama von Ferdinand Schmalz, hildensaga. ein königinnendrama, erblickt am 15. Dezember 2023 im Akademietheater das Scheinwerferlicht der Welt, Regie führt Jan Bosse. Überdies im Angebot unter anderem: ein Peer Gynt im Kasino (Þorleifur Örn Arnarsson) sowie eines der sprachformativen Riesenwerke von Regisseur Ulrich Rasche (Akademietheater, 23. Februar), diesmal in Gestalt vom Goethes Iphigenie.

Erhöhte Kartenpreise

Robert Beutler, kaufmännischer Geschäftsführer der Burg, meldet mit Stand April eine Auslastung von 77 Prozent. Die Abonnentinnen und Abonnenten würden nach überstandener Pandemie langsam auf den Sitzplüsch zurückfinden. Rund 50 Abänderungen oder Absagen im Repertoire würden die Zahlen unverdient nach unten drücken. Das Rasen der Inflation mache derweil eine Erhöhung der Kartenpreise um rund sieben Prozent unumgänglich.

Ein hübsches Detail am Rande: Zu seinem bevorstehenden 80. Geburtstag wird Klaus Maria Brandauer einer anderen Allzeitgröße höchst mittelbar einen Gruß entbieten: Er liest am 22. Juni garantiert hellwach Thomas Bernhards Minetti. (Ronald Pohl, 4.5.2023)