In der tagesaktuellen Berichterstattung kommt die nötige Tiefe, das Verständnis, warum Dinge oder Menschen so sind, wie sie sind, oft zu kurz. Speziell Spitzenpolitiker im Ausland schwimmen oft lange unter dem Radar, ehe sie plötzlich globale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und manche Politiker regieren schon so lange, dass sie im Leben junger Menschen einfach immer schon präsent waren. Egal warum man nicht weiß, wer Recep Tayyip Erdoğan wirklich ist, wie er in diese enorme Machtposition kommen konnte und warum sein politisch-ideologischer Umbau der Türkei weit weniger überraschend ist, als man oft glauben möchte – es muss nicht so bleiben.

Der für seine sorgfältigen Recherchen bekannte Correctiv-Verlag hat nämlich bereits vor zwei Jahren eine äußerst informative Graphic Novel herausgebracht, die es erlaubt, das Leben des jungen Erdoğan bis zum ersten Höhepunkt seiner Macht, als Premierminister im Jahr 2003, binnen weniger Lesestunden aufzusaugen. Auch zwei Jahre später ist sie vor den richtungsweisenden Wahlen Mitte Mai absolut relevant.

Der politisch verfolgte und im Exil lebende Autor Can Dündar hat dafür dreieinhalb Jahre lang nicht nur kritische Artikel aus dem In- und Ausland durchforstet, sondern auch in offiziellen – von Erdoğan abgesegneten – Biografien und in Geschichten von engen Vertrauten im Abgleich mit Originalquellen recherchiert. Herausgekommen ist ein Werk, das den Leser und die Leserin auf äußerst kurzweilige Weise zunächst sogar Mitleid mit dem jungen Tayyip empfinden lässt – wenn ihn sein äußerst strenger Vater etwa mit Prügeln überzieht und die Karriere als Fußballprofi verhindern will oder die strengen Lehrer des Imam-Hatip-Gymnasiums den jungen Burschen brutal indoktrinieren.

Nicht kleinteilig und wunderschön illustriert, führen einen Autor und Zeichner durchaus objektiv durch Erdoğans Leben bis ins Jahr 2000.
Foto: faso

Täuschung und Tarnung

Mohamed Anwar, der Zeichner der Graphic Novel, schafft es dabei, mit wenigen Strichen die Erdoğan inhärente Wut einzufangen, die ihn zeit seines Lebens begleitet hat und die er nicht immer kontrollieren konnte. Schon zu Beginn von Erdoğans Politisierung spielt auch der Tod eine Rolle. Ein Aktivist des türkischen Studentenbundes, zu dem Erdoğan aufsieht, kommt bei einem Attentat ums Leben, als der spätere Präsident gerade einmal 15 Jahre alt ist.

Als sich zum Fußball und der Religion zunehmend auch die Politik ins Leben des frommen Erdoğan gesellt, rückt der Sport immer mehr in den Hintergrund. Die Religion sollte aber in Form des politischen Islam, von dem er zutiefst überzeugt ist, bleiben. Die Leidenschaft, die er im Sport zusehends weniger aufbot, flammte dafür in der Politik auf. Reden probte er stundenlang, sprach zu den Wellen des Bosporus. Immer wieder streute er Poesie in seine Reden ein und gewann damit Mitstreiter oder seine Ehefrau für sich.

Die Illustration der Buchrückseite ist ein klares Statement: die zwei Gesichter Erdoğans. "Erdoğan", 368 Seiten, Correctiv-Verlag 2021.

Besonders eindrucksvoll aufgezeigt wird im Buch Erdoğans Umgang mit Rückschlägen und Wahlniederlagen. Wo möglich, trickst er. Gleich bei der ersten Wahl, der er sich stellt, lassen Freunde 22 Stimmen des Gegners verschwinden, sodass Erdoğan zum Vorsitzenden der Istanbuler Parteijugend der Nationalen Heilspartei gewählt wird – mit nur zwei Stimmen Vorsprung. Wo Erdoğan Wahlen nicht zu seinen Gunsten manipulieren kann, wird er nur noch wütender und motivierter im Willen, es beim nächsten Mal allen seinen Widersachern zu zeigen.

Nepotismus

Die Graphic Novel nimmt einen auch mit auf die Reise zentraler Mitstreiter Erdoğans – seines politischen Ziehvaters Necmettin Erbakan etwa oder von Fethullah Gülen. Beide sollte er später opfern, wenn es opportun für ihn ist. Jenen, die ihm helfen, werden in bester Freunderlwirtschaftsmanier später Tobjobs zugeschanzt – ein Aspekt, der sich durch das gesamte Buch zieht. Auch Erdoğans Gefängnisaufenthalten – für zivilen Ungehorsam und die Beleidigung von Staatsbeamten – werden einige Seiten eingeräumt. Sie zeigen meist die penible Vorbereitung künftiger Strategien und den relativen Luxus, den er in Haft genoss. Für den Erfolg sei Erdoğan dabei bereit gewesen, seine Überzeugungen hintenanzustellen, warnt der Autor auf den finalen Seiten des Buches.

Habe Erdoğan kurz vor dem Wahlerfolg zur Jahrtausendwende in den 1990ern noch behauptet, die Demokratie verinnerlicht zu haben, den Laizismus fördern zu wollen und die Scharia abzulehnen, so habe die Geschichte gezeigt, dass seine früheren Zitate, wonach er froh sei, "islamischer Fundamentalist" zu sein, bereit sei, den Laizismus für die Nation zu opfern, und die Demokratie stets nur Mittel zum Zweck sei, sich viel eher als richtig erwiesen hätten. Erdoğan: "Um unserem Kampf zur Macht zu verhelfen, schlüpfe ich wenn nötig auch in ein Priestergewand."

Band zwei will Dündar dann herausbringen, wenn Erdoğans Macht bröckelt. Vielleicht kann er sich nach den Wahlen am kommenden Sonntag schon intensiver mit der Veröffentlichung seines Buches beschäftigen. Vielleicht findet Erdoğan aber auch erneut einen Weg, die Wahl in seinem Sinne ausgehen zu lassen. (faso, 10.5.2023)